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Kurz vor Basel fahren wir über die Grenze auf die französische Autobahn. Trist und grau. Es schüttet. Nur die Raser fehlen plötzlich. Hinter Montbéliard nehmen wir die Ausfahrt L'Isle sur le Doubs, zahlen 30 FF Maut und sind auf einer kleinen Route Nationale. Am Rande eines Feldes machen wir eine Pause und versuchen, etwas zu essen, was nicht so einfach ist, da wir ziemlich aufgeregt sind. Zum ersten mal seit so vielen Jahren sind wir zu einer längeren Reise ohne Kinder und nur mit einem kleinen Iglu aufgebrochen.
Weiter
durch das Tal des Doubs. Mal geht die Straße an dem sanften, grünen Flüßchen
entlang, mal über die bewaldeten Höhen. Trotz des endlosen Nieselregens
geht uns das Herz auf. Wir hatten eine erste Übernachtung auf einem Campingplatz
hier am Doubs geplant. Doch stehen die beiden Plätze, an denen wir vorbeikommen,
ziemlich unter Wasser. Obwohl schon früher Nachmittag, beschließen wir
weiterzufahren. Als der Tag sich zu neigen beginnt, hört es auf zu regnen.
Wir sind jetzt in der Bresse und möchten endlich irgendwo unser Iglu aufbauen.
Außerdem werden wir allmählich müde. Auf der Karte ist weit und breit kein
Campingplatz verzeichnet. Kurz vor Beaufort dann ein kleiner Wegweiser:
Camping à la Ferme! Über ein winziges Sträßchen rumpeln wir einige Kilometer
durch Wiesen und Felder, schleichen durch das Dörfchen Flacey-en-Bresse
und stehen schließlich vor dem Bauernhof "La Corne du Bouchot".
Der Bauer werkelt, in Gummistiefeln steckend, an einem Fahrrad herum und versteht mein Französisch. Wir dürfen weiterfahren zu einer Wiese, die nur von anderen Wiesen umgeben ist. Das Auto steht, der Motor ist aus, und wir hören: STILLE. Eine schier überwältigende Stille.
Das Zelt ist schnell aufgebaut. Tisch und Stühle ebenso. Wir sitzen und schauen. Gar nicht mehr müde, aber glücklich. Unter den Obstbäumen der Wiese stehen noch zwei oder drei Zelte. Unser direkter Nachbar, ein älterer Herr, der allein mit seinem Wohnanhänger unterwegs ist, will von hier aus ohne Hänger die Alpen erkunden ("Einen besseren und preiswerteren Platz finde ich nicht."). Später dann ein einsamer Motorradfahrer, der seine Hundehütte aufbaut und sogar einen Klappstuhl dabei hat. Wir sitzen und schauen und verspeisen die riesigen aus Frankfurt mitgebrachten gebratenen Truthahnkeulen.
Die berühmten Poulets, die laut Siebeck meist hinter Hecken verborgen ihr Futter picken, sehen wir nicht, dafür eine Herde empört schnatternder, zum Glück kasernierter Gänse, ums Zelt herum watschelnde Enten, eine rotbraun getigerte Katze, einen heiserer Esel, einen schwarzer Setter und die anmutigsten Ziegen der Welt. In der Ferne Kühe, Schafe und Pferde. Hund und Katze machen die Runde und holen sich Streicheleinheiten ab.
Nach einem kleinen Gang durch erntereife Sonnenblumenfelder, die nicht mehr ein leuchtendes Gelb haben, sondern von einem düsteren Schwarz sind, lassen wir den Tag, vor unserem Zelt sitzend, mit Rotwein ausklingen. Damit die Idylle nicht unerträglich werde, scheint zum Glück leider kein Vollmond. Dafür gibt es Tau literweise. Doch es regnet nicht.
Morgens kaufen wir von der freundlichen Bäuerin noch drei Ziegenkäse verschiedener Reifegrade. Der älteste und würzigste hätte einen guten Puck beim Eishockey abgegeben.
Die RN ist gut ausgebaut, und wir zuckeln gemütlich durch das sanfte Hügelland der Bresse. Hinter Bourg-en-Bresse eine Großbaustelle. Die Beschilderung, wie immer in solchen Situationen, ist widersprüchlich. Laut Karte hätten wir geradeaus fahren sollen. Rechts geht es aber auch irgendwie in unsere Richtung, also fahren wir rechts. Um den Verkehr in Richtung Süden etwas zu entzerren, hat man für Leute mit etwas Zeit eine Ausweichroute ausgetüftelt. Über kleine, kaum befahrene Departementsstraßen fahren wir durch die Dauphiné, schauen in sanfte Täler, über denen eine milde Herbstsonne liegt. Linker Hand der Jura. Dahinter die Ausläufer der Alpen.
Auf der Terrasse eines kleinen Bistros an der Straße trinken wir einen Café. Es ist genau die Art Bistro mit angeschlossenem Tabac, die ein Mitteleuropäer vor Augen hat, wenn er an Frankreich denkt.
Ein paar km vor Valence geraten wir auf eine vielspurige Autobahn. Wir schlagen uns tapfer durch den Schilderwald, überqueren die Rhone und sind auf der alten, kaum befahrenen N 86 in Richtung Marseille. Der Hauptverkehr donnert auf dem östlichen Ufer über die "Route du Soleil" dem Süden entgegen.
Nach ein paar Kilometern biegen wir ab in Richtung Privas, Aubenas. In endlosen Serpentinen geht es in die Berge. Das sind keine Hügel mehr, das sind Berge mit entsprechend tiefen Tälern! Man sollte schwindelfrei sein und nicht unter Höhenangst leiden. Damals ahnen wir nicht, was uns in dieser Hinsicht noch alles bevorsteht.
Hinter Aubenas geht es kurze Zeit an der Ardèche entlang. Dann biegt eine winzige Straße in ein Seitental ab. Dort soll unser heutiges Etappenziel liegen: Jaujac. Nach knapp 8 km haben wir immer stärker das Gefühl, uns dem Ende der bewohnten Welt zu nähern. Man ahnt hungrige Wolfsaugen, die von den bewaldeten Uferhängen her der kleinen weißen Blechkiste folgen. Doch dann in Jaujac endlich ein Schild, das den Weg zum Campingplatz weist. Noch 2 km und wir stehen vor dem Tor des Camping "Chasse-Louve". W. hatte uns von dem Camping-Platz vorgeschwärmt und versichert, wir könnten in dem Camping-Wagen ihrer Schwester wohnen; diese würde ihn sowieso nie benutzen.
Es bedarf einiges Rufens und Lärmens bis wir Monsieur Jean-Pierre aus seinem riesigen alten Steinpalast hervorgelockt haben. Wir überreichen ihm das Briefchen, das uns W. für ihn mitgegeben hat und aus einer großen Reihe Zahnlücken nuschelt ein freundliches, aber gewöhnungsbedürftiges Französisch hervor.
Nach einigem Hin und Her - da wir darauf bestehen, daß wir keinen Stromanschluß und auch keinen Kühlschrank brauchen, was den Monsieur befremdet, da er den ganzen Wagen ja hätte auseinandernehmen müssen, was wir aber nicht wissen können... - zeigt er uns einen riesigen Wohnwagen am Rand einer großen Wiese, den wir beziehen können. Das ist natürlich nicht W.'s Caravan, der ist irgendwo auf einem besonderen Gelände geparkt. Das Mißverständnis klärt sich auf. Wir lehnen Strom, Kühlschrank und Gasherd nicht mehr ab. Somit ist auch für Monsieur Pierre die Welt wieder in Ordnung. W. hat ihm also doch keine Schwachsinnigen geschickt!
Unser Luxuscaravan mit riesigem Vorzelt steht nur ein paar Meter vom Ufer des Lignon, eines Nebenflusses der Ardèche, entfernt. Wir sind ca. 500-600 m hoch in der Montagne Ardèchoise am Südhang der Cevennen, einer der wildesten und am dünnsten besiedelten Gegenden Frankreichs.
Vormittags fahren wir kurz nach Aubenas. Da wir in den engen Gässchen keinen Supermarkt finden und auch nicht sicher sind, ob wir da, wo wir parken, parken dürfen, schieben wir kurz die EC Karte in den Geldautomaten des Crédit Mutuel. Und der spuckt tatsächlich die gewünschten Tausend FF aus. Das funktioniert also auch.
Ein paar km außerhalb des Ortes landen wir erst auf dem Parkplatz eines Supermarktes, der leider nur Küchenmöbel und Schuhe verkauft, bis wir dann endlich den riesigen Intermarché finden. Erschlagen von 20 Metern Käsetheke kaufen wir ein gutes Kilo diverser Köstlichkeiten (Comté, Ambert, Morbier). In den fünfzig Metern des Weinregals finden wir auch, was ich suche, 5-Liter-Gallonen mit trockenem Landwein der jeweiligen Region. Alles um ein gutes Drittel billiger und besser als in FFM. Wir können den kommenden drei Wochen gefaßt ins Auge sehen: an den wichtigen Dingen des Lebens (Geld, Rotwein, Käse) wird es uns nicht mangeln.
Auf dem Rückweg machen wir Halt in Jaujac. Unter alten Platanen sitzend nippen wir am Pastis, den ich in perfektem Französisch bestellte. Trotz seines kriegerischen Namens ("La Place du Champs de Mars") liegt der kleine Platz friedlich und fast verlassen im hellen Licht des Mittags, das im Laub der Platanen funkelt. Links der Brunnen. Rechts das unvermeidliche Kriegerdenkmal, grellweiß von der Sonne beschienen vor einem tiefblauen Himmel. Ein Hund zockelt am Brunnen vorbei. Zwei dunkel gekleidete Frauen, die stehenbleiben, in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Immer wieder faszinierend in Frankreich: selbst im kleinsten Nest dieser Hauch urbaner Kultur auf dem zentralen Platz, wo abends Pétanque gespielt, wo flaniert, wo getratscht wird. 1084 Einwohner. Drei Kneipen. Ein Restaurant. Vor der Mairie hängt schlapp die Trikolore.
Nachmittags steigen wir die ca. zwei Meter zum Flußbett des Lignon hinab. Am Rand nur ein kleines, sanft vor sich hinplätscherndes Rinnsal, das sich manchmal zu einem Miniteich staut, in dessen eiskaltem, klaren Wasser wir die qualmenden Füße baden können. Der Rest des Flußbetts besteht aus von der Sonne grellweiß gebleichten Steinen in der Größenordnung vom winzigen Kiesel bis zum veritablen Felsbrocken. Vom Ufer aus im Zwielicht der Abenddämmerung sieht das aus, als seien es versteinerte Wellen, die um die nahegelegene Flußbiegung auf uns zurauschen. In der prallen Sonne von Felsbrocken zu Felsbrocken hüpfend sammeln wir silbern und lila funkelnde Preziosen. Lange hält mans nicht aus. Die Sonne ist zu heiß. Wir haben uns sagen lassen, daß dieses arme Rinnsal nach starken Regenfällen zu einem reißenden Fluß anschwellen kann. Irgendwie müssen diese Felsbrocken ja auch hierher gekommen sein. Für den Fall von überraschendem Hochwasser sind auf dem Platz überall Fluchtwege ausgeschildert.
Abends die erste Käse-Orgie. Jinouque besucht uns. Wir tippen auf Mischung aus Schäferhund, Hütehund und Wolf (!)... Hohe stämmige Vorderbeine, lange schmale Schnauze, rotbraunes Wuschelfell. Ein Prachtkerl. Sehr selbstbewußt läßt er sich von uns und dem einzigen anderen Paar auf der Wiese verwöhnen...
Nachts ist das Wetter umgeschlagen. Es regnet. Alles ist grau und trieft vor Nässe. Wir beschließen trotzdem, auf den Col de Bauzon (1308 m über N.N.) hochzufahren. W. hatte uns gesagt, das dürften wir nicht versäumen. Vom Platz aus sind es nur schlappe 14 Kilometer bis zum Gipfel. Vierzehn Kilometer, die kein Ende nehmen wollen. Wir kämpfen uns von Kurve zu Kurve. Was heißt wir, ICH kämpfe mich, die Beine aufs Bodenblech gestemmt, mit beiden Händen am Sitz festgeklammert, Angstschweiß auf der Stirn von Kurve zu Kurve... Und jede dieser Kurven geht, je höher wir kommen, geradewegs ins blanke Nichts hinein, von dem uns nicht mal eine bescheidene Leitplanke oder ein liebliches Steinmäuerchen trennt. Aus den Augenwinkeln versuche ich festzustellen, ob RR auch der Angstschweiß auf der Stirn steht. Nichts. Gelassen steuert sie uns Kurve um Kurve am Nichts vorbei dem Gipfel entgegen. So als seien wir an einem Sonntagvormittag auf der A 66 unterwegs nach Eltville am Rhein.
Oben angekommen, stehen wir in dichtem Nebel. Eigentlich hatten wir vorgehabt, nur mal kurz runterzugucken und dann bis zur nächsten Nationalstraße weiterzufahren, die in Richtung Aubenas, nach Jaujac zurückführt. Nach genauerem Studium der Karte stellen wir fest, daß bis dahin noch 2 oder 3 Cols dieser Preisklasse zu überwinden wären, außerdem sieht die geschotterte Straße nicht sehr vertrauenerweckend aus... Also fahren wir den gleichen Weg zurück. Was ich auf der Hinfahrt nur geahnt hatte, kann ich jetzt, wenn sich der Nebel mal lichtet, sehen, denn nur ein knapper Meter unbefestigter Seitenstreifen trennt meinen Beifahrersitz vom Rand des Abgrunds: enge Täler, von Regen und Nebel durchwabert, in einer Tiefe von, freundlich geschätzt, drei- bis vierhundert Metern. Nachdem ich RR gebeten habe, auf keinen Fall den Blick von der Straße zu nehmen, erzähle ich ihr, was ich so alles sehe. Sie nimmt es gelassen. Weiß aber auch, daß ich nur geringfügig übertreibe, denn auf der Hinfahrt hatten wir an einem Aussichtspunkt Halt gemacht und auf diese grandiose Wildnis hinabgeblickt. Da trennte uns immerhin eine solide Mauer vom Abgrund. Im fahrenden Auto ist das irgendwie anders. Nach endlosen Kurven erreichen wir wieder wohlbehalten das Vallé de Lignon. Ich kann wieder durchatmen. Als Einstieg in die Verhaltenstherapie bei Höhenangst ist diese Strecke sehr zu empfehlen.
Nachmittags, nachdem meine Knie aufgehört haben zu zittern, nach Jaujac. Wir gehen im Nieselregen über den Pont Romain, eine schön geschwungene Römerbrücke, die die Schlucht des Lignon überquert. Jenseits des Flusses ein paar alte Steinhäuser in den Hang hineingebaut. Ein paar steile Gässchen. Wir folgen einem Wegweiser, der zu einem Informationspunkt führen soll. Können uns trotzdem des Gefühls nicht erwehren, durch Wohnzimmer zu latschen. Aus einer Tür tritt ein älterer Herr. Als er deutsche Laute hört, fixiert er mich sekundenlang. Sein Blick, hart und abweisend, steckt mich in eine SS-Uniform. Unschuldig seid ihr schuldig. Sagt dieser Blick.
Es hat die ganze Nacht geregnet. Nach einer Gewöhnungsphase ließ es sich bei dem eintönigen Trommelgeräusch auf dem Dach des Campingwagens gut einschlafen. Gegen Morgen nieselt es nur noch. In einer kurzen Regenpause schaffen wir es, das Auto zu beladen, ohne daß etwas naß wird. Auf dem Markt in Jaujac kaufen wir noch ein paar Tomaten. Dann gehts ab in Richtung Süden.
Bei Vallon-Pont d'Arc biegen wir ab auf die Panoramastraße, die in relativ sanften Kurven dem Verlauf der Schlucht folgt, wo tief unten, grün und schön die Ardèche fließt. Die Kanufahrer sind nur als kleine Pünktchen zu erkennen. Meine Höhenangst hält sich diesmal in Grenzen.
Hinter Pont-Saint-Esprit kommen wir wieder auf die N 86 und sind in der Provence. Es nieselt. Alles sieht nicht so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten. Dieser nördliche Rand der Provence, wo die Cevennen in die Ebene übergehen, ist stark industrialisiert und entsprechend zersiedelt. Alle Zementfabriken Frankreichs scheinen hier konzentriert zu sein. Als es mal zwei Minuten aufhört zu nieseln, erschlägt die Baustelle der Betontrasse für den TGV die Landschaft. Mit Gesichtern, grau und zerfurcht wie das uns umgebende Land, fahren wir irgendwie in eine Richtung. Wir trösten uns: keine heile Urlaubsidylle, sondern die Realität hatten wir finden wollen. Muß die nur gleich so realistisch aussehen?!
Um Beaucaire-Tarascon werden wir über das ausgedehnte Gelände einer Zementfabrik herumgeleitet. Als wir schon ziemlich sicher sind, daß diese Straße auf dem Parkplatz des Verwaltungsgebäudes der Fabrik enden wird, sehen wir ein Schild, das uns den Weg nach St. Rémy weist. Fahren wir also nach St. Rémy. Nur die Kühltürme eines AKWs könnten uns jetzt noch beeindrucken.
Nachdem wir die Rhone überquert haben, wird es grüner. Aus dem Nieseln ist Regen geworden. Kaum zu glauben, in diesem Aquarium hatte vor über hundert Jahren van Gogh seine von irrsinniger Sonne durchglühten Bilder gemalt!
Wir sehen uns einen etwas abseits der Straße gelegen Camping Municipal an. Da schimmeln mächtige Caravan-Festungen vor sich hin. Wir wenden uns mit Grausen. Dito in St. Rémy. Obwohl wir kaum wissen, wo wir herkommen, fahren wir wieder irgendwie zurück. Auf einem Zebrastreifen in St. Rémy skurrile, freundlich gestikulierende und grimassierende Gestalten. Wir grüßen freundlich zurück. Vincents Irrenanstalt gibt es also noch.
Wir sind müde und hungrig und beginnen mit dem Gedanken zu liebäugeln, heute vielleicht doch kein Zelt aufzubauen und uns irgendwo ein Zimmer zu suchen. Dann am Straßenrand das Schild FONTVIEILLE. Ha! Daudet's Mühle! Da wollten wir doch hin.
Auf dem Cours Bellon quetschen wir uns in eine Parklücke, und mit etwas zittrigen Beinen stehen wir endlich auf dem Boden der Provence. Wir stolpern über die Hauptstraße und durch die drei Gäßchen des reizenden Ortes auf der Suche nach einem Hotel. Obwohl die vitale Bedürfnislage mein bestes Französisch aktiviert hatte, ist das erste Hotel complet, das zweite finden wir nicht.
Alle Gäßchen führen unfehlbar zum Cours Bellon zurück, wo wir uns unter die Markise eines Straßencafès setzen. Zwei kleine Rote. Wir sitzen und schauen, schauen rechts, schauen links und sehen, ein paar Schritte von uns ist ein Restaurant, und über dem Restaurant ist ein Hotel, und das hat auch noch ein Zimmer für uns frei.
Da's eh nicht mehr drauf ankommt, beschließen wir, uns mit einem Menu im Hotel zu belohnen. Essen gibt's erst in gut einer Stunde. Schwankend vor Hunger erstehen wir gegenüber in der Boulangerie zwei Croissants und machen noch eine kleine Runde durch den Ort, um nach anderen Restaurants Ausschau zu halten, doch vor der angegebenen Zeit gibt’s nix zu fressen, nirgendwo.
Wir geraten dann zufällig in die Eröffnung einer Ausstellung provencalischer Volkskunst. Als glutäugige junge Mädchen in wunderschönen provencalischen Trachten erscheinen, sind wir mit unserem harten Los hier in der Fremde einigermaßen wieder versöhnt. Aus einer im Café herumliegenden Zeitung erfahren wir, daß an diesem Wochenende in Arles und Umgebung aus Anlaß des Beginns der Reisernte in der Camargue drei Tage lang die Feria du Riz gefeiert wird.
Punkt halb acht sitzen wir erwartungsvoll im etwas plüschigen Speiseraum des Hotels. Fin de siècle mit ein bißchen Plastikkultur verschnitten. An den Wänden schreckliche Gemälde. Egal, wir haben Hunger. Pastis. Salat. Eine Fischpastete in Blätterteig. Eine köstliche Daube de Boeuf. RR speist ganz vornehm irgendwas mit Lachs. 1/2 Flasche Wein. Zum Dessert ein riesiges Stück Johannisbeerkuchen. Deux petits noirs. Wir sind rund und können kaum noch laufen. Brauchen wir auch nicht. Müssen nur noch eine kleine Treppe hochkriechen.
Über unserem Bett hängt kein röhrender Hirsch, sondern ein lustiger Kandinsky. Wir versuchen herauszufinden, wie man sich in diesem französischen Bett zudeckt. Wir schieben uns einfach zwischen die mumifizierenden, blitzsauberen Laken und schmeißen die im Schrank vorhandenen Wolldecken darüber! Doch das hat noch Zeit. Wir nippen am aus FFM mitgebrachten Rotweinvorrat und - der Provence-Regen ist fruchtbar für die Liebe, Kandinsky lächelt...
Nach wahrem Mumienschlaf öffnen wir am nächsten Morgen, hoffend, daß nichts kaputt geht, die grünen Fensterläden. Ein als Marktplatz getarnter Riesenparkplatz, ein paar halbrunde, altrosa getönte, provencalische Dachziegeln, ein graugrünes Pflanzengewucher und mindestens zwei winzige, azurblaue Stellen am Himmel versetzen uns, da es gerade mal nicht nieselt, in einen Zustand tiefster, hoffnungsvoller Euphorie.
Um 9 Uhr sind wir bereits auf der kleinen Landstraße in Richtung Arles, das nur ca. 30 km entfernt ist. Es geht durch Pinienwälder. Ein kleiner Mistral weht immer mehr Wolken vor sich her in Richtung Meer. Den Hinweisschildern in Fontvieille zufolge müßten wir eigentlich an Daudet's Mühle vorbeikommen. Wir halten Ausschau: nichts. Vor der Einfahrt zu einem in einem verwilderten Park stehenden Landhaus halten wir an. Wir haben in Fontvieille Croissants gekauft. In der Thermoskanne ist noch lauwarmes Wasser, in dem wir einen Teebeutel schwenken. Wir frühstücken inmitten duftenden, wilden Thymians, der überall am Straßenrand wächst. Ein Trupp Rennradler fährt an uns vorbei. Bon jour. Bon Apétit! Das letzte, nicht gedopte Team der Tour de France unterwegs ins Ziel auf den Champs Elysées....?
Ein kurzes Stück auf der Autobahn an Arles vorbei. Dann biegen wir ab auf die N 570, die mitten durch die Camargue nach Les Saintes Maries de la Mer führt. Dort finden wir direkt an der Mündung der Petit Rhone unseren Camping: Le Clos du Rhone. Vier Sterne, man gönnt sich ja sonst nichts. Iglu aufbauen, Tisch und Stühle in den Sand stellen, sitzen, schauen.
Wir hocken im Windschatten des Autos. Der Mistral hat aufgefrischt und den Himmel blau gefegt. Die Sonne knallt. Von der Phonstärke her macht das Meer einen Lärm, der in etwa dem am Frankfurter Kreuz entspricht. Um den Lärm auch sehen zu können, muß man durch die vielleicht zehn Meter vom Zelt entfernte, mit verkrüppelten Pinien bewachsene Minidüne kriechen. Ein übermannshoher Drahtzaun, ein sandiger Weg, ein Steinwall, und dann bis Afrika nur Meer. Das würde gern gegen die Küste knallen, geht aber nicht, da der Mistral ja vom Land kommt. Das Meer ist also ziemlich durcheinander. Und protestiert lautstark.
Le Clos du Rhone also. Laut Herrn Langenscheidt bedeutet Le Clos: Gehöft oder eingezäunter Weinberg. Weinberg is nich. Da wo man jetzt Pferde für die Promenades à cheval mieten kann, könnte mal ein Gehöft gewesen sein. Eine weiß getünchte, reetgedeckte, an Dithmarschen erinnernde Hütte steht noch da. Bleibt: "eingezäunt"... In der Tat ist das Riesenareal, auf das schätzungsweise sechs oder sieben Fußballplätze passen würden, von einem hohen, teilweise stacheldrahtbewehrten, dezent von Hecken verdeckten Maschendrahtzaun umgeben. Ein luxuriöses Internierungslager also. Aber gut gemacht. Gut gegliedert. Hecken teilen die einzelnen Plätze in kleinere Einheiten, lassen weder ein Gefühl der Enge, noch des Verlorenseins aufkommen. Ganz anders als dieser Riesenplatz in Zeeland vor einigen Jahren, wo wir zwei Wochen lang, eingequetscht zwischen die Vorgärten der Caravanburgen hausten, um dann eines Morgens, als in NRW die Schule wieder begonnen hatte, allein und verlassen auf einem Areal von der Größe von vier Fußballplätzen zu stehen. Die Sanitäranlagen sind gut zu erreichen. Von außen sehen sie aus wie eine andalusische Finca. Innen ist alles blitzsauber, jeder Knopf funktioniert. Warmwasser kommt von Solarzellen auf dem Dach. Und erst die Piscine: ein Traum in Weiß und Blau.
Auf "unserem" Areal blähen sich, auf Rufweite voneinander entfernt, eine Handvoll Iglus oder sonstige Hundehütten im mächtigen Mistral. Jetzt in der Nachsaison darf sich hier auch mal ein Wohnmobil mit steiflippigen Engländern, die stilvoll aus geschliffenen Gläsern edle französische Rotweine schlürfen, hinstellen. Da haben die Iglus was zu gucken und zu tratschen. Alles in allem: wir fühlen uns zu Hause.
Wir fahren kurz ins Örtchen. Ein kleiner Yachthafen, eine weiße Arena, die berühmte Wehrkirche, im Winter ca. 4000, während der Sommermonaten ca. 100 000 Einwohner. In den Gässchen immer noch ein buntes Treiben. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie es hier im Juli und August aussehen mag. Trotzdem keine einzige Beherbergungsburg. Nur ein paar diskrete Ferienhaussiedlungen im örtlichen Cabane-Stil. Im Vergleich zu anderen Urlaubszentren an der Küste befindet sich Stes. Maries noch im Zustand der Unschuld.
Wir finden einen kleinen Supermarché, versuchen, die um die Kirche herumschwirrenden, unbedingt aus der Hand lesen wollenden Zigeunerinnen zu ignorieren, trinken einen Pastis, überlegen, ob wir an einem Morgen stattfindenden Boule-Turnier teilnehmen sollen und entdecken auf einem kleinen Platz ein wunderschönes Denkmal von Mistrals Mireille. Eine Brust halb entblößt, ringt sie verzweifelt die Arme gen Himmel. In Mistrals provencalischem Versepos hatte sie sich, nach einer dramatischen Nachtwanderung durch die Camargue, in der Katakombe der Kirche von Stes. Maries umgebracht, weil ihr fiancé sie verlassen hatte...
Zurück auf dem Platz versuchen wir, die Küche einzurichten, um das erste Freiluftmahl zu bereiten. Das ist gar nicht so einfach, da das Flämmchen des Gaskochers sich vom Mistral ziemlich irritieren läßt. Wir stellen das Auto gegen die Windrichtung, den Kocher auf die Ladefläche, und die Küche ist perfekt.
Wir fahren nach Arles. Der Wind hat etwas gedreht. Obwohl die Sonne ungeheuer groß und vangoghgelb am Himmel steht, ist es kühl. Heute ist der letzte von insgesamt drei Tagen Feria du Riz. Es ist gleichzeitig das Ende der Stierkampfsaison. Die Innenstadt ist für Autos gesperrt. Überall stehen Musikkapellen und machen einen fröhlichen Lärm. Rund um die Arena und auf den großen Plätzen eine Menge hauptsächlich französischer Touristen. In den Seitenstraßen der Altstadt treffen wir, abgesehen von dem alten Weiblein in Schlappen und schwarzer Kittelschürze mit Baguette unterm Arm, kaum einen Menschen.
Der Innenhof des alten Hospitals, in dem vor über hundert Jahren dieser verrückte holländische Maler mit seinem abgeschnittenen linken Ohr in der Hand erschienen war, nennt sich jetzt Foyer van Gogh. Geliebt haben sie ihn nie, den "Fou roux". Zuviel Unruhe hatte er in die gemächliche Biederkeit ihrer beschaulichen Welt gebracht. Im Park vorm Antiken Theater steht ein kleiner Gedenkstein, Geschenk eines englischen (!) Earls. In einer Seitenstraße nennt sich ein Laden mit Reproduktionen und Kunstgewerbe Musée van Gogh... Damit hat sichs.
Place du Forum. Den mittäglichen Ansturm hungriger Touristenmassen erwartend, ist der ganze Platz eine einzige große Freßkneipe. Frédéric Mistral blickt, majestätisch auf seinem Denkmalsockel stehend, auf gedeckte Tische unter bunten Markisen. In riesigen Pfannen bruzzeln Paella und regionale Spezialitäten. Da wir pinkeln müssen, beschließen wir, wenigstens einen petit noir zu uns zu nehmen.
Die kleine Kneipe, vor der wir sitzen, gehört einem Aficionado. Die Wände sind tapeziert mit Stierkampfplakaten und signierten Fotos von allen, die Rang und Namen haben in der Zunft. Untereinander spricht man Catalanisch.
Gleich nebenan van Goghs "Nachtcafé". Architektonisch kaum verändert nennt es sich heute "Café van Gogh" (Bravo!). Wir müssen dort aufs Klo gehen, da das in der Stierkampfkneipe verstopft ist. In die Kloschüsseln könnten Vincent und Gaugin schon gepinkelt haben...
Beim Durchqueren des Innenhofs, der zur Place de la Republique führt, treten wir kurz ins pompöse Treppenhaus des Rathauses und entdecken hinter schmiedeeisernen Gittern eine atemberaubend schöne Venus aus Marmor. Gegenüber, als ästhetische Antithese, schleppt der Blinde einen Lahmen auf den Schultern. In die Kirche St. Trophime werfen wir einen flüchtigen touristischen Blick, der berühmte Kreuzgang macht zum Glück gerade Mittagspause. In einem historischen Innenhof, der jetzt zu einer Bank gehört, entdecken wir drei alte Holztüren mit winzigen Gitterfenstern und schweren Riegeln davor. Eine Steintafel sagt uns, daß hier die Arlesier eingesperrt wurden, ehe die Nazis sie ins KZ abtransportierten...
Wir bummeln weiter in Richtung Arena. Ehe wir das riesige Bauwerk überhaupt zu Gesicht bekommen, hören wir schon in der Seitenstraße die hellen Fanfarenstöße, die eine neue Phase des Kampfes einleiten, das dumpfe Aufstöhnen der Zuschauermenge, gefolgt von frenetischem Beifall, wenn die tödlichen Hörner des Stiers um Haaresbreite am Gemächt des Matadors vorbeiwischen.
Wir schlendern langsam um die Arena herum. Versuchen uns vorzustellen, was dort gerade passiert, machen Verrenkungen, um durch die zweitausend Jahre alten Rundbögen einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen, sehen aber nur ein paar Damen hinter der Zuschauerbarriere, die sich mit bunten Fächern Luft zuwedeln. Dann wieder Fanfaren, Beifall rauscht auf. Der Stier ist tot. In der Straße unterhalb der steinernen Rampe, die um die Arena herumführt, helles Pferdegetrappel: auf einem mit Blech ausgeschlagenen Holzbrett liegend wird der tote Stier, alle Viere von sich gestreckt, im Galopp zum Metzger geschleift, der in den Katakomben der Arena auf ihn wartet. Morgen gibt es in den Restaurants und Charcuterien rund um die Arena frisches Bullenfleisch. Wer etwas auf sich hält, nagelt den blutigen Stierkopf auf ein Brett vor seinem Laden. Na ja!
Anmerkung: Die Kampfstiere der Camargue, ebenso wie ihre Artgenossen in Andalusien, wachsen in völliger Freiheit auf riesigen Weideflächen heran. Ihre Bestimmung ist es, im gleißenden Sonnenlicht unter einem weiten blauen Himmel im Sand der Arena getötet zu werden. Und das nach genau zwanzig Minuten. Das ist die Zeit, die der Stier braucht, um zu lernen, daß nicht das rote Tuch der Feind ist, sondern der Mensch, der es schwenkt. Ließe man ihm nur 5 Minuten mehr Zeit zum Lernen, am nächsten Tag gäbe es Torerofleisch in den Metzgereien.
Immer wieder passiert es, daß stierkampfbegeisterte junge Männer sich heimlich auf eine Weide schleichen, um dort mit einem jungen Kampfstier zu "üben". Werden sie erwischt, gehts ab in den Knast. Werden sie nicht erwischt, schneiden sie fairerweise dem Stier ein Stück vom Schwanz ab, um dem Züchter zu zeigen, daß dieses Tier Menschenkontakt hatte und somit für die Arena nicht mehr geeignet ist. Dort würde es sich mit der Capa nicht mehr aufhalten, sondern direkt auf den Mann gehen. Zwanzig Minuten also. Fünf Minuten etwa darf der Stier, ohne daß ihm ein Schmerz zugefügt wird, mit hocherhobenem Kopf seine geballte Muskelkraft und Eleganz demonstrieren. Er wird genau beobachtet, abtaxiert, ob das linke oder das rechte sein Angriffshorn ist. Von dieser Erkenntnis kann das Leben des Matadors abhängen. Dann die Picadores, die auf ihren gepanzerten Schindmähren sitzend, dem edlen Tier ihre Lanzen in den Nackenmuskel wühlen. Das ist unappetitlich. Es folgen die Banderillas. Das ist schmerzhaft. Aber er wird wilder dadurch. Jetzt kann er nur noch mit gesenkten Hörnern angreifen und der Matador muß, nachdem er mehr oder weniger elegant die rituellen Figuren am Stier ausgeführt hat, genau die winzige Stelle im Nacken für den Todesstoß fixieren. Ein guter Matador schafft das beim ersten mal. Ein schlechter... na ja, ein Pfeifkonzert ist ihm gewiß.
Wüßte unser Stier von qualvollen Tiertransporten, die tage- oder wochenlang übers europäische Schienennetz laufen, wofür, wenn er könnte, würde er sich entscheiden? Für den anonymen Tod im Neonlicht der gekachelten Blutrinne irgendeines Schlachthauses oder für die Arena?
Auf der Suche nach der Place Lamartine geraten wir in ein Gewirr von Gäßchen oberhalb der Arena. Eine freundliche Dame, deren Katze wir gerade streicheln, beschreibt uns den Weg: genau in die andere Richtung... Wir schlendern zurück in die Unterstadt, trinken einen Schluck auf der Place Voltaire und schauen dann kurz durchs Stadttor auf die Place Lamartine. Genau gegenüber auf der anderen Seite des weiten, verkehrsreichen Platzes erkennen wir das rechteckige Haus, in dem van Gogh gewohnt hatte und auf dem jetzt das Logo des Crédit Lyonnais in der Sonne leuchtet. Wir verzichten darauf, den Platz zu überqueren, denn wir wissen, dass wir von van Gogh nichts mehr finden werden.
Bevor wir in die Gässchen der Altstadt abgebogen waren, hatten wir am Ende des Parkplatzes ein kleines Bistro bemerkt. Auf der Terrasse saß ein weißbärtiger alter Mann mit einer bunt bestickten Kappe auf dem Kopf, vor sich einen kleinen Roten. Wir grüßten freundlich, er lächelte zurück. Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir wieder an dem Bistro vorbei, wo der alte Mann immer noch vor einem kleinen Roten in der Sonne sitzt. Wir sind uns sicher, daß er darauf lauert, fotografiert zu werden. Van Gogh hätte ihn bestimmt gemalt. Er erinnert sogar ein bißchen an das Portrait des Briefträgers Roulin... Die freundlich melancholischen Greisenaugen folgen uns, ohne daß er die Haltung des Kopfes verändert. Erst nachdem wir an ihm vorbei sind, wir haben ihm wieder freundlich zugenickt, bedeckt er die uns zugewandte Seite seines Profils mit einem Tuch, wohl um uns zu verstehen zu geben, dass er nicht heimlich und ohne Honorar fotografiert werden möchte...
Auf dem Rückweg nach Stes. Maries entdecken wir einen Schleichweg, eine gut ausgebaute schmale Landstraße, die ein paar Kilometer abseits der Nationalstraße durch eine Gegend führt, wo rechts und links der Straße so selbstverständlich Flamingos herumstehen, dass wir sie zuerst gar nicht bemerken. Sie sehen tatsächlich aus, wie auf den Postkarten. Der Kopf ist meistens nicht zu sehen, da er im seichten Wasser steckt, um nach Nahrung zu suchen. Wenn sich dann ein paar dieser lachsfarbenen Vögel, schwerfällig und doch elegant, wie eine rosa Wolke in die Luft schwingen, bekommt man eine Ahnung davon, wie es am Morgen der Schöpfung ausgesehen haben mag...
Nach ein paar Kilometern eine kleine Parkbucht. Das was von der Camargue noch übrig ist, steht unter Naturschutz, d.h. man darf sich nur auf vorhandenen Straßen und Pfaden bewegen. Wir spazieren ein Stück durch die Landschaft und genießen zumindest die Stille, die durch einen Vogelschrei oder das dezente Rauschen des Windes im Schilfrohr noch verstärkt wird.
Kurz vor dem Camping fahren wir auf einen Parkplatz in den Dünen. Es stehen vielleicht fünf Autos dort, man kann sich aber vorstellen, wie es in der Hochsaison aussieht. Es ist sehr windig. Wir laufen trotzdem am Strand entlang bis zur Anlegestelle des Raddampfers, mit dem man über die Petit Rhone schippern kann.
Gegen die Mündung zu hört der Strand auf. Man hat ihn mit dicken Felsbrocken aufgefüllt, um Meer und Flußmündung in Einklang zu bringen. Das Meer donnert mit großem Getöse gegen die Felsen, auf denen mit stoischer Ruhe die Angler sitzen, lange Ruten ins Wasser halten und die Myriaden von Mücken ignorieren, vor denen wir schleunigst die Flucht ergreifen. Später erfahren wir, dass die Angler alle nicht bedeckten Körperteile mit Petroleum einreiben...
Der Parkplatz vor der Anlegestelle des Raddampfers läßt von der Größe her darauf schließen, dass die Fahrten sich großer, sehr großer Beliebtheit erfreuen. Wir können nur hoffen, dass diese im September ein bißchen abgenommen hat...
Pünktlich um 10.00 Uhr sind wir am Anlegesteg der "Tiki III". Die Sonne scheint, aber es weht ein eisiger Wind. Der Dampfer hat in der Mitte einen verglasten Aufbau, in den sich die Handvoll Passagiere zurückzieht, um dem Wind zu entkommen. Während wir auf die Abfahrt warten, wird es draußen lebendig: Offenbar ist ein Bus mit den Bewohnern eines Altenheims angekommen, die sich alle, zitternd vor Kälte, ebenfalls hinter das schützende Glas flüchten. Der Platz reicht gerade aus, dass alle einen Sitzplatz haben. Nun kommt allerdings eine weitere Busladung, die noch mehr nach Altenheim aussieht - und alle quetschen sich in den Glaskasten. Höflich wie wir sind, überlassen wir und die anderen jüngeren Passagiere zähneknirschend unsere Plätze den älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern und setzen uns nach vorne in den Wind. Da wir vorsichtshalber dicke Jacken mitgenommen hatten, ist es dann auch zu ertragen.
Die Petit Rhone versucht den Eindruck zu erwecken, als fließe sie durch "unberührte" Natur. Doch die zahlreichen Wochenendhäuschen und Anglerhütten am Ufer strafen diesen Eindruck Lügen. Trotzdem hat die Landschaft ihren besonderen Reiz. Die nicht begradigten Ufer sind mit niedrigem Buschwerk bewachsen, man ahnt weites flaches Land, über dem ein hoher zartblauer Spätsommerhimmel steht. Ab und zu macht uns eine Lautsprecher-Durchsage auf Graureiher, schwarze Stiere und weiße Pferde aufmerksam. Gehorsam fotografieren wir, obwohl wir wissen, dass ohne Teleobjektiv auf den Fotos später kaum was zu erkennen sein wird.
Nachdem der Dampfer nach ca. einer Stunde gewendet hat, steuert er langsam eine freie Stelle am Ufer an. Hier löst sich das Rätsel, warum das Schiff im Bug einen ganzen Berg Heuballen mit sich führt. Ein stolzer Camargue-Cowboy, der Guardian, hat hinter einer Hecke verborgen, auf die Ankunft des Schiffes gelauert, um dann wie zufällig eine Handvoll Jungstiere und weiße Pferdchen vor die Objektive der Schiffspassagiere zu treiben. Ein Helfer wirft die Heuballen an Land, der Guardian auf seinem Pferd wirft sich in Pose und die Fotoapparate klicken. Ein Hauch von Disney-Land. Unsere erste Fotosafari. Wir sind entzückt.
Neben uns ein junges französisches Paar. Ehepaar, Liebespaar? Sie redet dann und wann halblaut auf ihn ein, er nickt, zuckt die Schultern, starrt mit Tunnelblick anderthalb Stunden vor sich hin, ohne einmal den Kopf zur Seite zu wenden, manchmal hat er die Augen geschlossen, dann ein träges Blinzeln, als hätte er das alles schon in einem anderen Leben gesehen. Es gelingt uns nicht herauszufinden, ob sie glücklich oder unglücklich aussehen...
Nachmittags fahren wir nach Salin de Giraud. Am Straßenrand kann man Spezialitäten aus der Provence kaufen. Eine reizende Dame kredenzt uns Muscat-Wein und Stierwurst, lecker aber teuer, wir kaufen Trauben, Pfirsiche, Tomaten, Herbes de Provence.....
Die 60 Kilometer bis Salin de Giraud führen durch einen Teil der Camargue, der noch recht intakt scheint. Dann und wann klettern wir auf einen der extra zu diesem Zweck am Straßenrand errichteten Hochstände, um Vögel und die kleinen "wilden" Pferde zu beobachten. Man wird fast betrunken vom Licht, von den Düften und den Farben. Die Stille, nur unterbrochen vom Sirren der Zikaden, verursacht ein sanftes Kribbeln im Bauch.
In den Salinen sehen wir die weißen Berge aus Myriaden von Salzkristallen vor den viiolett schimmernden, seichten Wasserflächen, die unbarmherzig das Licht und die Hitze reflektieren.
Zurück auf dem Platz erholen wir uns von dem anstrengenden Tag, schwimmen ein paar erfrischende Runden im Pool. Danach gibt es Spaghetti, Rotwein, Baguette, Käse, Trauben, Kaffee, wir leben wie Gott in Frankreich...
Heute fahren wir nach Aigues-Mortes. Das war vor Jahrhunderten Hafenstadt mit einem direkten Zugang zum Meer, welcher im Lauf der Zeit verlandete, daher der Name "Tote Wasser".Heute liegt es immer noch innerhalb einer imposanten mittelalterlichen Stadtmauer mit zahlreichen düsteren Festungstürmen. Wir schlendern durch die recht leeren mittäglichen Gässchen. Leider haben wir, da wir uns immer noch nicht daran gewöhnt haben, daß man überall eine Unsumme für Parkplatzgebühren zahlen muss, das Auto außerhalb der Stadtmauern auf einem Busparkplatz abgestellt. Nun sind wir doch etwas beunruhigt, laufen deshalb zum Auto zurück und beschließen, uns Aigues-Mortes ein andermal in Ruhe anzuschauen.
Ein paar Kilometer weiter die Dunes de l'Espiguette. Die Sonne knallt. Wir kommen an einen Schlagbaum - und sollen Parkplatzgebühren zahlen. Das tun wir nicht, denn in einiger Entfernung vom Schlagbaum gibt es Parkbuchten, wo man kostenlos parken kann, von dort aus wandern wir zu Fuß los.
Auf halbem Weg geht rechts eine Schotterpiste ab. Auch hier ein Schlagbaum, wenn auch geöffnet. Da hatten wir erst parken wollen. Ließen es aber zum Glück sein. Hinterm Häuschen des Parkwächters hüpfen wir über einen kleinen Graben und gehen unbehelligt, wenn auch mißtrauisch beäugt, in Richtung Dünen. Ein Schild: Eingang nur für Promenades à Cheval (also: Nur für Pferde) läßt uns beschließen: wir nix verstehen, und wir gelangen, den trockenen Pferdeäpfeln folgend, in die Dünen. Es sind riesige Wanderdünen, die unter strengstem Naturschutz stehen und einmalig für Europa sein sollen. Wäre nicht ganz weit weg das Meer, könnte man sich vorstellen, in der Sahara zu stehen.
Ein paar Meter entfernt wachsen die herrlichsten Schirmpinien. Da fällt uns ein, die Kids hatten erzählt, letztes Jahr auf ihrem Campingplatz an der Cote d'Argent waren sie von Pinienzapfen fast erschlagen worden, hatten es aber nicht geschafft einen mitzunehmen und wünschten sich so sehr einen, also: ....der eine ist zu klein, dem anderen fehlt eine Zacke, die übrigen hängen unerreichbar in den Zweigen. Die Verkrüppelten als Wurfgeschoß benutzend, gelingt es zwar, ein oder zwei abzuschießen, aber die stehen voll im Saft, und Saft bedeutet Harz, und der läßt die Fingerkuppen aneinander festkleben....
Guter Dinge, wenn auch etwas gefrustet, machen wir uns auf den Rückweg, hüpfen wieder über den Graben, sehen ein großes schmiedeeisernes Tor, das geöffnet ist und den Blick auf eine sympathisch verwilderte Parklandschaft freigibt. Und direkt hinter dem Tor steht eine riesige alte Pinie. Und in ihrem Schatten liegen die schönsten Zapfen. Mit angehaltenem Atem und auf Zehenspitzen sammeln wir die Dinger auf. Als wir mit dieser unschuldigen Beute beladen aus dem Tor heraustreten, kommt uns die Dame des Hauses mit Einkaufstüten beladen über die Schotterpiste entgegen. Ein melancholischer Blick auf die Eindringlinge. Behutsam schließt sie das Tor hinter sich. Auch der Schlagbaum ist jetzt unten. Wir wissen nicht warum, doch wir schämen uns ein bißchen...
Wir fahren weiter Richtung Montpellier, biegen kurz ab in einen scheußlich mondänen Badeort namens La Grande-Motte, halten nach einem Bäcker Ausschau, den wir nicht finden und kehren wieder zurück auf die Hauptstraße. Vorher hatten wir Le Grau-du-Roi, ein ehemaliges Fischerdorf heimgesucht. Ziemlich scheußliche Ferienburgen und ein kleiner Yachthafen. Im Juli/August muß es knüppelvoll sein, im September kann man wunderbar durch hübsche Gassen laufen und auf den Terrassen fast leerer Bistros in der Sonne sitzen.
In Montpellier fahren wir immer den Parkplatz-Schildern nach, die uns in die Historische Altstadt führen sollen. Eine halbe Stunde quälen wir uns im Stop-and-Go durch die Stadt, sichten endlich ein Parkhaus und reihen uns in eine Warteschlange ein. Nach ca. 5 Minuten steige ich aus, um nachzuschauen, warum es nicht weitergeht. Das Parkhaus ist voll und nur wenn ein Auto rausfährt, kann ein wartendes reinfahren... Wir haben die Nase voll, und da wir keine Lust haben, eine Stunde vor dem Parkhaus zu warten, düsen wir zurück nach Stes. Maries.
Auf dem Campingplatz haben sich während unserer Abwesenheit die Mücken gewaltig vermehrt. Die kleinen Biester umschwirren uns in dichten, agressiven Wolken und stechen durch Socken und Pullover, bis wir aussehen, als hätten wir gerade die Windpocken gehabt.
Und dann hören wir sie: die Zikade, das Wappentier der Provence. Wir gehen dem schrillen Gesang nach. Sie sitzt im Innenhof einer, wegen der nur wenigen noch vorhandenen Touristen bereits geschlossenen Sanitäranlage und singt und singt - das zweigestrichene C. Und an den weiß gekalkten Wänden kleben viele kleine grüne Frösche und hören ihr zu...
In Nimes finden wir problemlos ein Parkhaus, sehen uns die Arena an, die mit den auf die alten römischen Steinquader geknallten Plastikstuhlreihen etwas zwiespältig aussieht. Wir beschließen, uns trotzdem nicht zu ärgern, daß wir für diesen Anblick bezahlt haben.
In den Gässchen der Altstadt herrscht lebhaftes mediterranes Treiben. Die Lädchen sind elegant und teuer. Die Damen sind außerdem noch selbstbewußt und hübsch...
Vor einem kleinen Bistro sitzend finden wir das Leben recht angenehm. Wir schauen und denken uns, dass, wenn man Arles gesehen hat, man auch die anderen Städte der Provence gesehen hat. Es ändern sich nur die Namen der alten Steine und Kirchen.
Abends besuchen wir die Kirche in Stes. Maries. Wenn man sich vorstellen könnte, daß so etwas wie ein Gott in einem ummauerten Raum lebte, dann könnte man das hier. Da es eine Wehrkirche war, sind fast alle Fenster zugemauert. Nur durch eine runde Öffnung hoch über dem Altarraum kommt Sonnenlicht herein und erzeugt ein diffuses Zwielicht zwischen den hohen, unverputzten Mauern. Alles ist schlicht, kein Protz, kein Gold, kein Stuck. Trotzdem strahlt die Kirche eine durchgeistigte, schwermütig-heitere Sinnlichkeit aus, die in sich selber ruht und auf die Drohgebärden der Macht verzichten kann.
In einer Krypta, die so niedrig ist, dass man mit dem Kopf fast an die Decke stößt, sehen wir die Holzstatue der Heiligen Sara, die im Mai jeden Jahres von Zigeunern aus aller Welt in einer lärmenden Prozession ein paar Meter ins Meer hinausgetragen wird. Der Legende nach war Sara die schwarze Dienerin der beiden heiligen Marien, die auf einem unbemannten Boot vom Heiligen Land übers Meer getrieben und hier an Land gegangen waren, wo sie Wunder vollbrachten... Hinter der Statue stehen weggeworfene Krücken und überall an den Wänden hat man Steintafeln mit der Aufschrift Merci angebracht. Ein Lourdes im Kleinformat. Da man in dem niedrigen Raum, der von einer Unmenge Kerzen erhellt und aufgeheizt wird, kaum atmen kann, flüchten wir nach oben ins strahlende Blau des Mittelmeerabends. Einem Aushang entnehmen wir, daß am Samstag um 18 Uhr eine Heilige Messe gelesen wird. Die werden wir uns reinziehen.
Heute bezahlen wir die Parkgebühr am Strand von L'Espiguette und können über eine breite Sandpiste bis zum Fuß der Dünen vorfahren. Nach kurzem Fußmarsch sehen wir das Meer. Und Himmel. Und Sand. Kilometerweit Sand und Meer. Eine kleine Rettungsstation. Ein Leuchtturm. Am Horizont ahnt man die Betonburgen des nächsten Urlauberghettos. An einer windgeschützten Stelle legen wir uns in den warmen Sand und halten für eine mediterrane Stunde die Zeit an.
Zurück im Auto sind wir uns einig, daß die "Parkplatzgebühr" mehr als gerechtfertigt ist. Sie sollte erhöht werden. Ist sie doch eher der geringe Preis, den man bezahlt, um einen kleinen Ausschnitt aus dem paradiesischen Urzustand zu erleben. Nicht auszudenken, daß man hier zum Nulltarif alles niedertrampeln könnte, wie es etliche Kilometer entfernt geschieht.
Auf dem Rückweg hüpfen wir noch mal nach Aigues Mortes rein. Diesmal kommen wir von der anderen Seite und landen gleich auf dem zentralen Platz, der eine einzige Freßkneipe ist. "Die Stadt wurde auf Wunsch Ludwigs IX. erbaut, um dem Königreich einen Zugang zum Mittelmeer zu verschaffen. Aigues-Mortes ist seit dem 13. Jahrhundert intakt geblieben." So steht es auf einem kleinen Info-Blatt. In der Mitte des Platzes das Bronzedenkmal von irgendeinem mittelalterlichen Heinrich, der von hier mit seiner Flotte aufgebrochen war, um das Heilige Land aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Diesen Raubzug, wo die Hoffnung auf fette Beute mit ein bißchen christlicher Ideologie übertüncht war, nannte man Kreuzzug, das hörte sich besser an und konnte von den Pfaffen abgenickt werden.
Die Geschichte der Stadt ist mit Blut und Weihrauch geschrieben. Während der Religionskriege, die hier in der Provence besonders heftig tobten, sollen die Straßen so voller Leichen gelegen haben, daß man nicht mehr wußte, wohin damit. Man stapelte sie kurzerhand in einem der großen Türme der Stadtmauer: eine Lage Leichen, eine Lage Salz, eine Lage Leichen.... Das Pökelfleisch war erfunden. Ansonsten ein reizendes Städtchen mit reizenden Bewohnern, die von morgens bis abends darüber nachsinnen, wie sie es am besten anstellen, daß das Geld in meiner Tasche unruhig wird und in ihren Taschen um Asyl bittet.
Vorm Stadttor bahnen wir uns den Weg zum Parkplatz durch bettelnde Zigeunerinnen. Ein kleines Mädchen, ca. 5 Jahre alt, läßt nicht locker, folgt uns ein paar Meter, hält uns das geöffnete Händchen entgegen, große schwarze Augen, die bis ins Innerste unserer Geldbörse sehen... Seufzend drücken wir ihr, von so viel Folklore überwältigt, ein 10-Franc-Stück ins schmutzige Patschhändchen, ein ungläubiger, dann triumphierender Blick und wie der Blitz ist sie zurück bei Muttern, die das Geld gelassen in Empfang nimmt.
Abends
auf dem Platz: Wir versuchen tapfer, die riesigen Mückenschwärme zu ignorieren,
bis plötzlich ein Pulk nicht gerade kleiner Libellen innerhalb von Sekunden
die Mückenpest überm Auto abräumt. Bravo.
Da capo!
Wir machen uns noch einmal auf die Suche nach Daudet's Mühle und fahren nach Fontvieille, denn dort hatten wir eindeutige Hinweisschilder gesehen. Beim dritten Anlauf entdecken wir tatsächlich den Parkplatz, der zur Mühle gehört. In der Hochsaison wären wir sicher nicht zweimal daran vorbeigefahren, aber im September steht dort kaum ein Auto. Nachdem wir die Parkplatzgebühr bezahlt haben, steigen wir einen Hügel hoch und da steht sie vor uns. Ein paar Touristen sind auch da, das Innere der Mühle schenken wir uns. Denn mittlerweile haben wir natürlich gelesen, daß Daudet nie in "seiner Mühle" gelebt hat, trotz der "Briefe aus meiner Mühle". Und daß es höchstwahrscheinlich eine ganz andere Mühle war, die die Provencalen ihrem berühmten Dichter schenkten. Die jetzt als "Daudet's Mühle" bezeichnet wird, war einfach die am besten erhaltene und vor allem von Touristen am leichtesten zu erreichende gewesen...
Unser nächstes Ziel ist Les Baux, ein winziges Nest, in die Kalksteinfelsen der Alpilles gebaut und überragt vom Chateau der Grafen von Les Baux, einer ehemaligen, fast uneinnehmbaren Festung. Da wurde in finsteren Zeiten gefressen, gesoffen, geliebt, gemordet und - gesungen, denn die Troubadours sollen sich dort die Klinke in die Hand gegeben haben. Wer wen warum im Laufe der Jahrhunderte von den Festungsmauern in die Tiefe schmiß, ist letztlich gleichgültig. Die ganze Chose gehört heute den Grimaldis von Monaco, die sich mit den Parkplatzgebühren und Eintrittsgeldern der 1 1/2 Mill. (in Worten: eineinhalb Millionen) Besucher jährlich ein kleines Zubrot verdienen... Der Förscht möge uns verzeihen, daß wir darauf verzichteten, uns gegen eine Wegelagerergebühr von 35 FF ein paar rostige Kanonen im Schloßhof anzuschauen...
Im Vorgarten eines als Bistro getarnten Schnellimbiß trinken wir etwas. Mein Panaché kommt in einer eiskalten Büchse. Die stelle ich, nachdem sie leer ist, auf das Mäuerchen neben unserem winzigen Tisch. Ein heftiger Windstoß entführt sie laut scheppernd in das darunter liegende Gässchen. Böse Blicke der Kurzbehosten.
In den Souvenirläden singen die Zikaden - vom Band. Unter den Arkaden eines Innenhofes wunderschöne nackte Weiber -aus Holz. Die üppigen Brüste blankpoliert von den zupackenden Händen sinnenfroher Besucher. In den verlassenen Gässchen der Cité Morte verfällt die Substanz in erhabener Stille. Die Fensterläden der noch bewohnten Häuser sind - verständlicherweise - fast überall geschlossen.
Über kurvenreiche Sträßchen kommen wir aus den Alpilles herunter in eine fruchtbare Ebene. Silbrige Olivenhaine. Obstplantagen. Dann Maillane. Das Haus, in dem Frédéric Mistral gewohnt hatte, ist noch bis 15 Uhr geschlossen. Beginnen wir also mit dem toten Mistral. Der Friedhof liegt unter einer fast senkrechten Sonne. Es gibt kaum Schatten. Auf den schweren Grabplatten stehen Fotos der Verstorbenen. Porzellanrosen. Viel schmiedeeiserner Kitsch. Plastikblumen. Kleine graue Eidechsen huschen durch Rosmarinsträucher. Schließlich an einem der wenigen Bäume ein verschämter Pfeil: Le Tombeau de Mistral. In einiger Entfernung direkt an der Friedhofsmauer ein kleines Tempelchen mit vier schlanken Säulen. Darin eine Marmorplatte mit vier Zeilen aus einem Gedicht in provencalischer Sprache. Kein Name. Kein Geburts-, kein Todesdatum. Nur ein paar trockene Thymianzweige, die der Mistral in eine Ecke geweht hat. Wir legen sie in den Innenraum zurück und hoffen, es möge ihm, der hier ruht, gut ergehen in seiner namenlosen Ewigkeit. Später lesen wir irgendwo, daß auch andere provencalische Dichter auf der Namenlosigkeit ihrer Grabstätte bestanden haben.
Zurück fahren wir wieder durch die Alpilles. Die "Kleinen Alpen" erheben sich mit ihren bizarren Felsformationen aus blendend weißem Kalkstein direkt aus der Ebene in Höhen bis knapp 400 Metern. Bei La Caume steigen wir aus und klettern auf einem steilen Pfad durch den Pinienwald in Richtung Gipfel. Um unsere Beine hüpfen heuschreckenartige Insekten. RR meint, das seien Zikaden. Ich denke mir, sage aber nichts: das sind sie, die gefährlichen GIBIERS, vor denen ein Schild auf dem Parkplatz warnte (DANGER! DES GRANDS GIBIERS DANS LES BOIS!). Trotz der Gefahr, in der wir uns befinden und in der Hoffnung, daß dies nur kleine Gibiers und die wirklich großen in einem anderen Teil des Waldes sein mögen, zupfe ich für den heimischen Balkon einen wilden Thymianbusch aus dem sandigen Boden, und wir machen uns auf den gefährlichen Abstieg durch Horden bluttrünstiger Gibiers zum 100 m entfernten Parkplatz. Nachdem wir der Gefahr entronnen sind, schlage ich im Langenscheidt unter GIBIER nach. Danach lautet der Text auf dem Schild: In diesen Wäldern gibt es Rotwild. Betreten auf eigene Gefahr...!
Über einsame Straßen zum Etang de Vaccares, einem flachen Binnensee, dessen gegenüberliegende Ufer man nicht erkennen kann. Die Herbstsonne knallt sommerlich, wir können trotz der brütenden Hitze im Auto die Fenster nur einen kleinen Spalt öffnen, denn dieses Sumpfgelände bietet Mücken einen idealen Lebensraum. Der Etang de Vaccares, der natürlich unter Naturschutz steht, ist so beeindruckend schön, daß wir anhalten und aussteigen, was bedeutet, dass wir in affenartiger Geschwindigkeit das Auto verlassen, alle paar Sekunden mit den Händen vorm Gesicht wedeln, vor dem Weiterfahren das Wageninnere nach Mücken absuchen und mordlüstern alles, was summt, niedermachen. Wir lassen uns nicht entmutigen und fahren weiter.
Irgendwann endet die asphaltierte Straße. Auf der Karte sehen wir, daß vor uns ein Deich ("La Digue") liegt. Man kann mit dem Auto noch ein Stück weiterfahren. Wenn wir nicht sowieso schon durchgeschwitzt wären, hier würde uns der Schweiß ausbrechen: es geht über eine Sandpiste mit riesigen, z.T. einen halben Meter tiefen Löchern. Endlich lassen wir das Auto stehen und laufen ein Stück auf dem Deich entlang, der ideal ist für Fahrradfahrer und für Mücken...
Laut Karte muß es eine Abkürzung zurück nach Stes. Maries geben. Wir finden die Straße und landen nach ein paar Kilometern vor einer Stierkampf-Arena, die Herrn Ricard (dem Schnapsfabrikanten) gehört, daneben ein großes Ausflugslokal, ebenfalls im Besitz von Herrn Ricard, recht gut besucht und ziemlich scheußlich anzusehen. Hier endet wiederum die asphaltierte Straße, unsere Abkürzung entpuppt sich als löcherige, holprige Schotterpiste, und das über schätzungsweise acht Kilometer. Wir schonen unser braves Auto und unsere Nerven und fahren gemächlich, wie wir gekommen sind, zurück zum Campingplatz.
Kurz vor 18 Uhr treten wir, festlich gestimmt in Erwartung der Hl. Messe, in die Kirche von Stes. Maries. Da ist noch nicht viel los. Der Zuschauerraum ist spärlich besetzt. Nur vorm Altar ist High Life. Offensichtlich eine Kindstaufe. Da wird geschnattert und gelacht und fotografiert. Kinder wuseln um die Beine der Erwachsenen. Der recht junge Priester in weißem Ornat und Sandalen versucht zwar einen Anschein von Würde zu erwecken, doch augenscheinlich ist er von der Lebendigkeit dieser Großfamilie überwältigt und sehr angetan. Nachdem er das vor ihm liegende große Buch ein paar mal auf- und zugeklappt und ein paar rituelle Texte gemurmelt hat, ist die Zeremonie zu Ende. Inzwischen ist es zwanzig nach sechs! Die Damen stöckeln in ihren Miniröcken zum Ausgang. Die Herren folgen in etwas gemessenerer Gangart. Die Brut macht Faxen und rennt in den blauen Spätsommernachmittag hinaus.
Langsam beginnt die Menge, die auf dem Platz vor der Kirche ausgeharrt hat, hereinzuströmen. Während sich die Bankreihen füllen, behängen sich auf der Bühne, d.h. im Altarraum, die Protagonisten, der junge Priester hat für die Messe Verstärkung bekommen, in aller Seelenruhe mit ihren Kostümen. Inzwischen ist es halb sieben. Da an einer Falte zupfen. Dort die Stola ein bißchen zurechtrücken. Die Bewegungen sind gemessen. Der Blick nach innen gerichtet. Es ist fünf nach halb sieben. Jetzt noch die Kultgegenstände ein bißchen geraderücken. Prüfende Blicke, alles OK. Ein imaginärer Vorhang geht auf. Es ist zwanzig vor sieben. Musik. Das Weihrauchfaß schwenken. Einer der Kostümträger nuschelt ins Mikro. Aus den Bankreihen steigt Gesang auf. Ich denke: Playback. RR meint, die singen wirklich so. Eine ondulierte Dame in Zivil geht zur Kanzel, liest einen Text vor, den wir nicht verstehen. Der Priester macht gravitätische Faxen. In den Bankreihen geht man auf die Knie. Wir gehen an die frische Luft.
Wir machen einen autofreien Sonntag und wandern die ca. 2 km am Strand entlang nach Stes. Maries. Auf der Terrasse eines Bistro am Hafen trinken wir einen Pastis und warten auf das Abrivado, die Ankunft der Stiere. Festtagsstimmung auf der Promenade am Hafen. Fische werden direkt vom Boot verkauft. Eine Jazzband spielt Dixieland. Eine fast weiße Sonne am riesigen Himmel. Das Meer ist blau so blau. Dann geht eine kleine Bewegung durch die Menge. Ein Lautsprecherwagen des Club Taurin fegt die Fahrbahn frei. Das anschwellende helle Stakkato von Pferdehufen auf dem Asphalt. In vollem Galopp nähert sich eine keilförmig angeordnete Formation von Gardians auf zierlichen weißen Camargue-Pferden. Inmitten des Keils traben drei schwarze Kampfstiere, die heute zum erstenmal die Weide verlassen haben. Am Ende des Hafens ist die Straße abgesperrt. Durch die geöffnete Heckklappe nimmt ein Viehtransporter die drei Stiere auf, die anschließend zum Toril der nahen Arena gefahren werden. Obwohl das Ganze eine knappe Minute dauert, sind wir beeindruckt und wandern am Strand unter einer fast senkrechten Sonne zurück zum Platz.
Direkt am Bahnhof in Avignon finden wir ein Parkhaus. Wir wandern durch die Porte de la République. Die Stadtmauer erinnert an eine Hollywoodkulisse - Zeitgenossen hatten als sie gebaut wurde schon geunkt, die könne man ja umpusten - sie ist wirklich nur einen knappen halben Meter dick und hatte auch lediglich symbolischen Charakter, trotzdem steht sie heute noch... Es geht weiter über den Cours J. Jaurès, die Place de l'Horloge, durch eine kleine Gasse, und die marmorne Pracht der Place du Palais tut sich vor uns auf. Rechts türmt sich die Einschüchterungsarchitektur des Papstpalastes. Eintritt 49 FF. Wir treten nicht ein. Der Dom ist kostenlos zu besichtigen. Kitsch, Prunk, Kotz, Protz. Der Spruch: Leben wie Gott in Frankreich hieß ursprünglich "Leben wie der Papst in Avignon", das macht jetzt einen Sinn.
Nach dem obligaten Blick auf den Pont d'Avignon machen wir Rast im Innenhof einer Wegelagerei. Ein Café, ein Panaché 31 FF. Absoluter Rekord. "Entschädigt" werden wir durch den Anblick einer Busladung verstörter englischer Touristen, die über eine eiserne Treppe zum Parkplatz hochgetrieben werden. Dieses Elend in den Augen, die nur sehen dürfen, was sie sehen sollen. Zum Trost hat man ihnen dicke Kameraobjektive vor die buntbehosten, unförmigen, abgearbeiteten Leiber gehängt, die schwitzend, im Sog eines greisenhaft gutgelaunten Animateurs, der vollklimatisierten Sicherheit ihres Reisebusses entgegenstreben.
Ein paar Kilometer weiter südlich liegen die Leute, für die diese Herde Arbeitsvieh schuftet oder ein ganzes Leben lang geschuftet hat, gelangweilt auf ihren Yachten und saufen Champagner. Tucholskys Frage Mitte der 20er Jahre beim Anblick juwelenbehangener "uralter Engländerinnen" in den Hallen der Luxusherbergen an der Cote d'Azur: "Wer arbeitet eigentlich für die...?" ist immer noch aktuell, nur, daß im Gegensatz zu damals die Antwort heute für jedermann sichtbar ist.
Durch die hübschen Gässchen der Altstadt schlendern wir zurück zum Parkhaus und bemerken mit Entzücken, daß eine Schicki-Micki-Boutique sich "L'Ane du Pape" ("Der Esel des Papstes") nennt. Das bezieht sich auf ein reizend boshaftes Geschichtchen aus Daudets "Briefen aus meiner Mühle". Da hat ein speichelleckender Karrierist am Hof des greisen Papstes dessen Lieblingsesel einen bösen Streich gespielt. Den hatten im Lauf der Jahre alle vergessen - nur der Esel nicht! Als der Schleimer nach Jahren, mit der Ernennungsurkunde für ein hohes Amt am päpstlichen Hofe in der Hand, den Papstpalast verläßt und dem inzwischen auch alt gewordenen Lieblingsesel des Papstes eine wohlwollend zerstreute Streicheleinheit zukommen läßt, verpaßt ihm dieser mit seinen Hinterhufen einen Tritt an die Birne - und aus ist's mit der Karriere. Herr, schmeiß Esel vom Himmel!
Punkt 14:30 stehen wir vor Mistrals Haus in Maillane, das jetzt ein kleines Museum beherbergt, und entdecken nach 10 Minuten, daß Montags geschlossen ist... Wir setzen uns auf die Terrasse der Bar "Lou Soleou", Le Soleil, Zur Sonne, trinken ein Bier und einen Anis... Wilder Wein umrankt uns, Bougainville... Der Wirt spielt mit einem Gast im Hinterzimmer Billard, das Klicken der Elfenbeinkugeln ist das einzige Geräusch, das wir hören. Die kleine Place Frédéric Mistral liegt im Sonnenschein, ein Hund und eine Katze ignorieren sich schläfrig, ab und zu fährt gemächlich ein Auto vorbei... Als ich die Kamera holen gehe, hält ein langsam fahrendes Auto mit französischem Kennzeichen neben mir: "S'il vous plait Monsieur, la maison Mistral...?" Da kann ich in gepflegtestem Französisch Auskunft geben.
Kurz darauf sehen wir den älteren Herrn (Typ: pensionierter Oberlehrer), der am Steuer gesessen hatte, mit flinken Beinen in einem Gässchen verschwinden. Offenbar hatte er im Tabac einen Tip bekommen, wo der Schlüssel zu Mistrals Haus zu finden sei. Gefunden hat er ihn wohl nicht, denn kurze Zeit später stehen wir nebeneinander am Postkartenständer des Tabac und greifen gleichzeitig nach den etwas vergilbten Karten. Er scheint tief beleidigt zu sein. Kommt er einmal im Leben mit seinen Damen, die hinten im Auto saßen, nach Maillane, um ihnen La Maison Mistral zu zeigen, das ungefähr den Kultstatus des Hebbel-Hauses in Wesselburen hat, mit dem Unterschied, daß man Hebbel keinen Nobelpreis umgehängt hatte, dann ist ausgerechnet Montag Ruhetag, und dann muß es auch noch ein Boche sein, der ihm den Weg weist... Diese Schmach. Wir überlassen ihn seiner etwas muffigen Arroganz und machen uns auf den Rückweg.
Zurück in Stes. Maries schlendern wir über den kleinen Antiqitätenmarkt vor der Arena. Ziemlich am Rand, im winzigen Schatten eines Bäumchens, ein Klappstühlchen, darauf ein Hutzelweiblein, vor sich einen Einkaufsroller (mon caddy, nennt sie ihn), auf dem liegen ein paar Bücher. Ich trete näher, blättere in einem von ihnen (Une Arlésienne à travers le Siècle, etwa Das Leben einer Arlesierin in diesem Jahrhundert), schaue das Weiblein an, dann wieder das Buch, frage schließlich: C'est vous qui a écrit ca? Haben Sie das geschrieben? Oui; Monsieur, ce sont mes mémoires... Wir kaufen ihr für 100 FF(!) ein Büchlein ab. Sie besteht darauf, eine Widmung reinzuschreiben. Ich frage Pauline, ob wir sie fotografieren dürfen. Wir dürfen. Sie setzt sofort ihre Mütze ab und richtet sich die Haare. Wir wollen sie aber mit Mütze und sagen ihr, daß wir erst die Kamera aus dem Auto holen müssen. Im Auto schreiben wir ihr auf die Rückseite eines alten Einkaufszettels, daß sie eine sehr charmante Madame ist. Pauline strahlt, als ich ihr den Zettel in die Hand drücke, RR macht das Foto, ich übersetze Pauline, was auf dem Zettel steht und gebe ihr zum Abschied ein Küßchen auf die Wange, ihr kullern fast die Tränen übers faltige Gesicht, wir winken ihr noch einmal und gehen. Seitdem haben wir eine 84-jährige Brieffreundin in Arles...
Um 14:30 Uhr sitzen wir in der Arena von Les Stes. Maries, zu unserem großen Erstaunen ist der Eintritt frei. Die Arena ist voll besetzt (wir schätzen ca. 4.000 Plätze). Viele ältere Leute aus der ganzen Umgebung haben auf den Steinbänken Platz genommen, allerdings erkennt man die erfahrenen Zuschauer an den Sitzkissen, die sie mitgebracht haben und daran, daß sie eine Kopfbedeckung gegen die pralle Sonne tragen.
Um 15.00 Uhr beginnt der "Parcours de Manades". Es handelt sich nicht um einen Stierkampf im eigentlichen Sinne, sondern hier werden die Jungstiere vorgestellt und getestet, ob sie Stierkampftauglich sind. Zehn Stiere werden angekündigt, sechs davon sehen wir uns an.
Es wird nun jeweils ein schwarzer Camargue-Stier in die Arena getrieben, der empfangen wird von zehn Razeteurs, weißgekleideten jungen Männern, die ihren Mut beweisen möchten. Drei von ihnen scheuchen den Stier den anderen sieben zu, die auf einer Hand eine Art Kralle aus Metall tragen. Damit versuchen sie, dem Stier Kokarden von den Hörnern zu pflücken. Die jungen Männer sind ununterbrochen in Bewegung, rennen vor den Stieren her und vor ihnen davon und sind nach kurzer Zeit klitschnaß geschwitzt. Wenn sie von einem Stier gejagt werden, retten sie sich mit einem kühnen Sprung über die ca. 2 Meter hohe Holzbarriere, die die Arena umgibt. Zwischen Barriere und Zuschauertribüne befindet sich ein ca. zwei Meter breiter Gang. In brenzligen Situationen bringen die Männer sich dadurch in Sicherheit, daß sie über die Barriere bis zum Rand der Tribüne hechten.
Ein Stier bringt das Publikum zum Jubeln und Klatschen: Kaum ist er in der Arena, springt er über die Barriere und rast den Gang entlang, so daß die Menschen in der Arena sind und der Stier dort, wo man sich sonst vor ihm in Sicherheit bringt. Nach etlichen vergeblichen Versuchen scheucht man ihn raus, er taugt nicht für die Arena.
Morgens sprechen uns unsere derzeitigen Nachbarn an. Ein gutes Pärchen, sie Russin, er Österreicher. Beide sind robust gebaut, was Honey, so nennt er sie, nicht daran hindert, ihre üppigen Formen in figurbetonten Minis unterzubringen und dazu in türkisfarbene Stöckel zu steigen... Nachts hatte man ihnen das Zelt aufgeschlitzt und ein Handtuch war von ihrer Leine verschwunden. Ca. 30-40 Meter von uns entfernt steht ein großes Hauszelt, in dem ein junges Schweizer Pärchen wohnt. Denen hatte man auch das Zelt aufgeschlitzt und Papiere und Geld geklaut - und das Handtuch der Nachbarn benutzt, damit die Knie beim Aufschlitzen nicht schmutzig wurden. An diesem Vorfall merkt man, daß die Saison zu Ende ist, normalerweise patroullieren auf einem 4-Sterne-Campingplatz rund um die Uhr dezent gekleidete Wachmänner. An unser kuscheliges Iglu hatte sich niemand herangetraut und wir hatten nichts mitbekommen.
Wir machen uns auf die Rückfahrt. Wieder durchs Rhonetal bis Valence. Dann ein Stück an der Isère entlang bis Voiron. Eine Umleitung führt uns bedrohlich nah an die schwarzen Ausläufer des Jura heran. Abends Camping du Lac am Lac de Paladru. Wir sind fast allein auf dem Platz. Morgen ist die Saison zu Ende. Kleiner Spaziergang am Seeufer. Im Dunst der Abenddämmerung und unter einer bleichen Mondsichel sieht das Ganze aus wie eine chinesische Tuschzeichnung. Die Stille ist überwältigend, und wir schlafen tief und fest.
Morgens dichter Nebel. Durch die Bresse zurück bis Besancon. Wir fahren wieder durchs Tal des Doubs. Hinter Baume-les-Dames auf den Camping "De Lonot", wo wir von einem freundlichen elsässischen Rentnerpaar empfangen werden, er angelt, sie trägt enorme Lockenwickler. Wir sitzen, essen Linsen aus der Büchse, schauen auf den langsam fließenden Doubs und das bewaldete Ufer. Alles könnte so friedlich sein, wäre nicht direkt hinter uns die Nationalstraße und darüber noch die Bahnlinie. Und zu regnen beginnt es auch. Wir sitzen im Auto, trinken Rotwein und freuen uns auf zu Hause.
©
Klaus Bölling, Frankfurt
a.M., 2002
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