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Hechingen, Hohenzollern, F. Köhler, Tübingen, Reutlingen, Urach, Wurmlinger Kapelle, Gruibingen, Ulm, Blaubeuren, Buttenhausen, Schwäbisch Gmünd. |
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Die grüne Tonne benutzen Sie bitte nicht... An einem strahlenden Sonntagmorgen fahren wir über Darmstadt, Mannheim, Heilbronn, an Stuttgart vorbei, nach Rottenburg am Neckar, von dessen Existenz wir bis vor kurzem keine Ahnung hatten, in dessen Nähe wir uns aber via Internet einen Campingplatz ausgeguckt haben. Nachdem wir die Hauptdurchgangsstraße mit grauschwarzen Mietskasernen auf beiden Seiten passiert haben, steuern wir eine Tankstelle an. Hier findet die erste Begegnung mit einem Eingeborenen, einem freundlichen Tankwart, statt, den wir nach dem Campingplatz fra¬gen. Mit Hilfe unserer Karte und etwas Phantasie verstehen wir seine Wegbeschrei¬bung, und nach etlichem Suchen finden wir auch den Platz. Ein Schild am Eingang weist darauf hin, dass das Feilbieten von Waren aller Art verboten ist und dass, natürlich politisch korrekt formuliert, Zigeuner hier nix zu suchen haben. Auf der Suche nach der Rezeption rollen wir an ein paar kartenspielenden, biertrinkenden jungen Männern vorüber, die uns zurufen, wir sollten ruhig weiterfahren, der Platzwart käme uns schon entgegen. Der zeigt uns, wo wir unser Iglu hinstellen können und gibt uns dann ausführliche Instruktionen, wie der Müll zu trennen sei, denen wir nur mit Mühe folgen können. Die grüne Tonne benutzen Sie bitte nicht, da kommt nur unser Gras rein... Wir nicken fleißig mit dem Kopf und geben ihm zu ver¬stehen, dass bei uns in Hessen auch Mülltonnen in den verschiedensten Farben rumstehen, worauf er versonnen lächelnd murmelt jo mir trennet de Müll. Als er uns noch erklären will, wo wir Zigarettenkippen entsorgen können, klappen wir die Ohren runter, den Glascon¬tainer haben wir beim Reinfahren schon gesehen, die gelben Tonnen, für die er eine be¬sondere Vorliebe zu haben scheint, interessieren uns nicht, da wir nicht vor¬haben, Joghurtbecher auszuspülen; dass in die Papiertonne nur sauberes Papier, also kein vollgerotztes Papiertaschentuch soll, nehmen wir auch widerspruchslos hin, klammern demonstrativ zwei Müllbeutel an die Zeltstrippe und schauen uns die Sanitäranlagen an. So was Blitzsauberes haben wir noch nie auf einem Campingplatz er¬lebt. Kein Spritzer auf den Spiegeln, die Wasserhähne und Kacheln sind poliert. Wir trauen uns kaum, ein Waschbecken zu benutzen. Als ich vom Duschen zurückkomme, lese ich die Bekanntmachungen, die in einem Glaskasten aushängen. Dabei stütze ich mich mit einer Hand auf dem oberen Rand des Kastens ab, ziehe aber reflexartig die Hand zurück, da ich direkt nach dem Duschen nicht gleich wieder schwarze Hände haben will. Fehlanzeige! Auch da, wo man nicht hinsehen kann, wird geputzt. Es gibt ca. hundert feste Stell¬plätze, eine kleine Wiese am Waldrand ist für Besucher reserviert. Ein paar Apfel¬bäume sind so platziert, dass sie uns bei jedem Sonnenstand Schatten spenden werden. Jenseits des Zauns plätschert ein Bächlein. Ansonsten ist die Ruhe überwältigend. Hechingen Das Kleinstädtchen liegt im Schatten des Hohenzollern. Wie immer stolpern wir in die erstbeste Kirche, die am Weg steht. Es ist die Stiftskirche St. Jakobus, ein klassizistischer Bau vom Ende des 18. Jahrhunderts. An den Wänden der übliche Erbauungskitsch für die damals meist analphabetischen Schäfchen. In einem Seitenraum rechts vom Hauptportal ein Glasfenster mit der Darstellung der Fürstin Eugenie von Leuchtenberg, mit arg gen Himmel verdrehten Augen. In dem Seitenraum links vom Eingang ein Glasfenster, das den Herrn Gemahl, den Fürsten Konstantin zusammen mit dem Hl. Jakobus darstellt. Die übliche Kumpanei von Thron und Altar. Rechts vom Fürstenfenster ein eisernes, emailliertes Waschbecken. Das Po¬dest darunter ist ganz unheilig aufgemeißelt. An die Wände sind Bittsprüche gekritzelt: Bitte mach das Mama und Papa nicht mehr streiten sich vertragen und Papa der Mama glaubt das sie keinen anderen hat... Vom Marktplatz geht die Synagogengasse ab, an deren Ende die wieder aufgebaute Synagoge steht. Da es kaum noch jüdische Einwohner in Hechingen gibt, machte man aus dem von außen eher an ein schmuckloses Schulgebäude erinnernden Haus eine Stätte der Begegnung... Mitte des 19. Jahrhundert hatte der jüdische Be¬völkerungsanteil bei rund einem Viertel der 2500 Einwohner gelegen. Jüdische Un¬ternehmer waren es hauptsächlich, die, nachdem Hechingen unter preußische Herr¬schaft geraten war, die Industrialisierung der Stadt vorantrieben. Nach 1860 ging die Zahl der jüdischen Einwohner ständig zurück. Nach 1933 konnten 53 emigrieren, 35 wurden nachweislich deportiert und von den Nazis ermordet. In der Goldschmiedgasse liegen in den teilweise gut erhaltenen alten Häusern mittags noch die Betten im Fenster. Wer lüftet seine Betten am längsten?! In einer kleinen Bäckerei in der Synagogengasse kaufen wir bei zwei reizenden älteren Damen ein noch ofenwarmes Brot, dessen Produktionsprozess sie uns in einem lebhaften Honoratiorenschwäbisch zu erklären versuchen. Untereinander sprechen sie ein Idiom, dass uns die Ohren klingeln. Noch auf der Straße beißen wir in das warme, knusprige Brot, das köstlich duftet. Sonst ist zu Hechingen noch zu vermerken, dass es an diesem Tage in den Gassen schlichtweg stinkt, da bei Temperaturen um die 32 Grad die - im übrigen abschließbaren (!) -Biotonnen geleert werden. Im Mittelalter, als man den Inhalt von Nachttöpfen und sonstigen Müll noch aus den Fenstern auf die Gasse entsorgte, kann der Gestank nicht schlimmer gewesen sein. Vom Fels zum Meer Obwohl wir nicht unbedingt Fans des Hauses Hohenzollern sind, fahren wir hoch zu ihrer Burg, deren gezackte, an ein Raubtier¬gebiß erinnernde Silhouette uns schon vom zwanzig Kilometer entfernten Rottenburg aus aufgefallen war. Das Land unterhalb des Albtraufs wird von dieser Stein gewordenen Demonstration der Macht einer Raubrittersippe immer noch optisch beherrscht. Vom Parkplatz aus geht es auf einem steilen Pfad, der teilweise als Treppe ausgebaut ist, hoch zur Burg. Die Klamotten kleben am Leibe, der Schweiß tropft von der Stirn. Wir hätten auch vom Parkplatz mit einem Shuttle-Bus fahren können, aber das finden wir unter unserer Würde... Die Treppenstufen sind mit Vorsicht zu genießen, da sie von Höhe und Breite her so angelegt sind, dass es, will man nicht immer den gleichen Fuß be¬lasten, unmöglich ist, einen angenehmen Aufstiegsrhythmus zu finden. Wir schaffen es trotzdem in knapp 20 Minuten und belassen es bei einer schlichten Umrundung der neugotischen Architektur, wobei wir uns besonders an den von Generation zu Generation dekadenter werdenden Fressen der in Bronze gegossenen Herrscher¬figuren ergötzen. Diese dümmliche Arroganz, mit der man auf seinen steinernen Sockeln posiert. Und sowas hat deutsche und europäische Geschichte gemacht. Wie man weiß, leider nicht die Beste. Atemberaubend ist der Blick über das weite Land, dessen Farben unter einer äqua¬torialen Sonne zu einem dunstigen Blau verdampfen. Aufgelockert wird das wuchtige Ensemble graubrauner Steinquader durch die Darbietungen einer Yogalehrerin, die sich, die Burganlage als Kulisse benutzend, von ihrer Freundin fotografieren läßt, wo¬bei sie auch bei den akrobatischsten Übungen ihren schwarzen Strohhut aufbehält. Die alte Kanone im Burghof, eine original „Nürnberger Feldschlange“, wie wir später lesen, erinnert uns daran, dass die Herren dieser Anlage auch noch anderen Ge¬schäften, als Burgen zu bauen, nachgingen. Gleich nebenan die aus dem 13. Jahrhundert stammende, heute evangelische Kapelle, in der seit 1952 die Gebeine Friedrichs des Großen ruhten. Die hatte die damalige DDR der Bundes¬republik großzügig zum Geschenk gemacht. Nachdem die DDR von der politischen Landkarte verschwunden war, waren die Gebeine mit einem lächerlich pompösen Staatsakt wieder ins jetzt kommunistenfreie Potsdam überführt worden. Ölschiefer Wohin die Politik dieser Dynastie, die sich vom Fels zum Meer ausgebreitet hatte, zumindest mittelbar geführt hat, daran werden wir auf dem Parkplatz erinnert. Da hängt in einem Schaukasten hinter Glas ein Faltblatt, auf dem das nur wenige Kilo¬meter entfernte Städtchen Bisingen einen Geschichts¬lehrpfad anbietet. Und dieser Pfad führt geradewegs zu einem KZ. Das war noch im Herbst 1944 auf einer Wiese, hundertfünfzig Meter vom Ortsrand entfernt, errichtet worden. Die Häftlinge mußten Ölschiefer brechen, da man in Berlin die hirnrissige Vorstellung hatte, daraus Benzin und damit den Krieg gewinnen zu können. In den 234 Tagen sei¬nes Bestehens starben von den 4150 Insassen mindestens 1187, die namenlos in einem Massengrab verscharrt wurden. Kurz nach Ende der Naziherrschaft mußten auf Betreiben der französischen Besatzungsmacht ortsbekannte Nazis die Leichen exhumieren und in Einzelgräbern bestatten. Der Friedhof ist heute mit einigen Reihen steinerner Doppelkreuze als Gedenkstätte gestaltet. Das eigentliche Lager¬gelände existiert nicht mehr. Nur die ehemalige "Entlausungsbaracke" steht noch und wird heute als Wohnhaus benutzt... Ein einzelner Grabstein mit dem Namen eines holländischen Juden ist zu finden. An den Ort des Massengrabs erinnert ein Gedenkstein, auf den wir einen kleinen Stein zu etlichen anderen legen. F. Köhler Der Tübinger Student war im Jahre 1790 zu Fuß quer über die Alb gewan¬dert, und sein Reisebericht hatte uns so gut gefallen, dass wir beschlossen, wenn auch 200 Jahre später, seinen Spuren, allerdings per Auto, ein wenig zu folgen. Über Mössingen, wo wir seine Spur aufnehmen, bemerkt Köhler lapidar, dass es im Sommer des Jahres 1790 dort einen "Hexenproceß" gegeben habe.... Heute besteht es aus einer Durchgangsstraße und einem ausgedehnten Gewerbegebiet. Das nahegelegene Dußlingen, dessen Einwohnern, nebst denen von Dettingen bei Urach man laut Köhler nachrühmte, "dass sie die rohesten und unhöflichsten in ihrem Thale seyen", ist nichts als ein ödes Schlafdorf, in dem von Einwohnern, unhöflichen oder höflichen nichts zu sehen ist, da wohl alle beim Daimler schaffe sind... Die Farbe der Geranien Nachdem wir, in Rottenburg angekommen, auf der Suche nach der Altstadt das ausgedehnte, mit hohen Gitterzäunen und Stacheldraht gesicherte Gelände der Justizvollzugsanstalt, in der die Hälfte der Einwohner der Stadt wohl Platz hätte, zweimal umrundet haben, landen wir in einer auf einem Hügel hoch über der Stadt gelegenen Reihenhaussiedlung. Die hier zu besichtigende Synthese aus deutsch plus schwäbisch ist schwer zu ertragen. Wir geben Gas und finden unten im Tal irgendwann den mittelalterlichen Stadtkern, wo wir erschöpft und durstig vor einer Kneipe auf dem Marktplatz sitzen und eine halbe Stunde darauf warten, dass die beiden italienischen Kellner sich einigen, wer uns die bestellten Getränke servieren darf... Beim Betrachten der Fassaden der teils mittelalterlichen, teils klassizistischen Ge¬bäude, die den Marktplatz einrahmen, fällt uns der Geranienschmuck auf. Jedes Gebäude hat seine eigene Farbe, und wir sind ziemlich sicher, es hat einer, wenn nicht mehrerer Sitzungen des Gemeinderats bedurft, um die Farben auf¬einander abzustimmen. Kein Blühen blieb hier dem Zufall überlassen. Hinter uns sitzen zwei flotte junge Damen, die sich temperamentvoll abwechselnd auf schwäbisch und serbokroatisch unterhalten. Eine schwangere Frau trägt würde¬voll ihren Bauch über den Platz. Ein paar Kinder spielen. Ein grüner Linienbus schnurrt behutsam über das ansonsten Fußgängern vorbehaltene Steinpflaster. Ein Mann hat seinem Handy enorm Wichtiges mitzuteilen. Verhuschte Hausfrauen tragen hastig die noch fehlenden Zutaten fürs Abendessen nach Hause - Spätsommerabend in einer schwäbischen Kleinstadt. |
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| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | |||||||||
| Unsere Linkempfehlung: Reisespinne | |||||||||
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