Tübingen
Wir stellen das Auto in der Nähe des Technischen Rathauses ab und gehen durchs Universi¬tätsviertel zurück zur Neckarbrücke, von wo wir Hölderlins Turm sehen können. Eine gewundene Treppe führt hinab zum Fluss. Wir haben das Gefühl, uns in einer alten Postkarte zu bewegen. Jedoch das Baugerüst aus dem 21. Jahrhundert, welches den Turm umgibt, bringt uns in die Gegenwart zurück. Links plätschert der Neckar, rechts sind kleine Gärten an der Rückseite der Häuserfront. Kinderspielzeug aus Plastik, ein paar Fahrräder, ein Gartentisch mit zwei leeren Weingläsern darauf...
In den Räumen des Turms befindet sich eine Ausstellung u.a. mit Briefen von und an Hölderlin, den peniblen Aufzeichnungen der Mutter über Ausgaben vor den l. Fritz... Da sehen wir auch die Kostenberechnung der Klinik für die Anschaffung eines Stuhls im Narrenzimmer, da hängen Zeitungsartikel über ihn, die Todesanzeige, der Nachruf von Uhland. An den weißen Wänden des halbrunden Turmzimmers, das er bis zu seinem Tode bewohnt hat, hängen in Plakatgröße nur vier der spätesten Gedichte: Der Frühling, Der Sommer, Der Herbst, Der Winter... Alle unterzeichnet mit Untertänigst Scardanelli... Wie wir einer alten Postkarte entnehmen, hat sich der Blick aus dem Fenster kaum verändert, der Garten ist unaufdringlich verwildert. Wir sitzen auf einer Steinbank am Neckar im Schatten einer mächtigen alten Weide, deren Äste weit in den Fluß hineinragen und lassen den Geist des Ortes auf uns wirken. Hölderlin, der oftmals stun¬denlang hinter den Fenstern unruhig auf und ab gegangen war, ist uns gleichzeitig sehr nah und sehr fern.
Auf dem Weg zum Stift kommen wir an der Burse vorbei, die unmittelbar nach Gründung der Universität Ende des 15. Jahrhunderts als Wohnhaus für die Studenten errichtet und 1805 zum ersten Tübinger Klinikum umgebaut wurde. Hier war Hölderlin als einer der ersten Patienten eingezogen und nach über 230 Tagen als unheilbar entlassen worden. Bis zum Stift sind es nur ein paar Schritte. Es ist so viel über diese Einrichtung geschrieben worden, sie ist der Hintergrund so vieler Romane und Biografien, dass sich eine weitere Schilderung erübrigt. Es war und ist eine Zuchtanstalt für angehende Theologen, mit einem Unterschied, dass seit 1969 auch Mädchen hier studieren dürfen. Die Verwaltung nennt sich immer noch Ephorat, der Rektor heißt immer noch Ephorus. Am Hauptportal ein Hinweis an die Damen und Herren von der Stadtführung mit der Bitte, die Erläuterungen doch draußen vorm Por¬tal und nicht im Innenhof abzugeben, da die Studierenden, deren Studierstüb¬chen zum Innenhof gingen, die Erläuterungen inzwischen auswendig könnten...
An einem Seitenpoprtal entdecken wir die mit weißer Kreide in Druckschrift auf das dunkle Holz geschriebenen Zeilen aus einem der spätesten Gedichte Hölderlins:
Und immer ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht.
Vieles aber ist zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
auf schwankem Kahne der See.
Mit Kreide an eine Tür geschrieben, bekommen diese Worte etwas merkwürdig Gefährliches, Aufrührerisches, obwohl uns ihr Sinn alles andere als klar ist. Hier ist aus Sprache Musik geworden, die uns den ganzen Tag auf unserem Streifzug durch das Städtchen begleitet...
Wir gehen weiter zum Marktplatz mit Rathaus und Neptunbrunnen. Die astronomi¬sche Uhr am Rathausgiebel zeigt seit 1511 immer noch den Lauf der Gestirne und die Mondphasen an, der Brunnen plätschert leise und läßt sich willig fotografieren. Eigentlich dürfte es diesen Platz gar nicht mehr geben, da er auf so vielen Fotos in alle Teile der Welt davongetragen wurde. Auf der Rückseite des Rathauses gehen wir, an Uhlands Geburtshaus vorbei, durch die Judengasse, in der seit 1477, als sie aus der Stadt vertrieben wurden, keine Juden mehr wohnen. Am Kornhaus vorbei, einem imposanten Fachwerkgebäude von 1453, wo im Unter¬geschoß Getreide lagerte und im Obergeschoß reisende Komödianten Theatervorstellungen gaben, gelangen wir wieder zum Rathaus und von dort zum Holzmarkt, wo in der Heckenhauerschen Buchhandlung von 1895 bis 1899 Herrmann Hesse als Buchhändlerlehrling und -gehilfe gearbeitet hatte.
Nach einem Blick in die Stiftskirche, vor dessen Seitenportal einige, von der Be¬satzung eines im Schrittempo vorbeifahrenden Streifenwagens argwöhnisch ge¬musterte Jugendliche herumlungern, stehen wir in der Münzgasse vorm Cottahaus, dem ehemaligen Sitz des berühmten Verlages. An der Fassade eine Bronzetafel: Hier wohnte Goethe. Am Nachbarhaus unter einem kleinen Fenster ein Holzschild: Hier kotzte Goethe. Angebracht von Tübinger Studenten, die sich darüber erbost hatten, dass der Dichter, als er 1797 in Tübingen bei seinem Verleger Cotta weilte, von der unteren Stadt geschrie¬ben hatte, sie sei "äußerst schlecht und bloß notdürftig bebaut" und die Straßen seien "von dem vielen Mist äußerst unsauber"...
Durch die Lange Gasse, wo wir bei einem Antiquar ein altes Merian-Heft über die Schwäbische Alb erstehen und einer lebensgroßen, bunt bemalten Reich-Ranicki-Figur über die hölzerne Glatze streichen dürfen, gehen wir quer durch den ehemaligen Botanischen Garten in Richtung des Alten Stadtfriedhofs, wo wir Hölderlins Grab besuchen wollen. Nachdem wir die Universitäts-Kliniken hinter uns gelassen haben, überqueren wir eine Schnell¬straße und stehen vor dem kleinen Seitenportal des Friedhofs. Ein freundlicher Schwarzer fegt Laub in der schattigen Allee, wo dezente Pfeile auf die Grabstätten Prominenter hinweisen. Wir sehen die Gräber von Uhland, Kiesinger (da muss ich ein bißchen ausspucken), Carlo Schmid, schließlich am Ende bzw. am Anfang der Allee das Grab von Hölderlin, der als einer der ersten auf diesem, damals neuen, Alten Stadtfriedhof beigesetzt wurde. Ein schlichter Grabstein in Form einer eckigen Säule. Geburts- und Sterbedatum. Drumherum Efeu mit ein paar zartroten Blüten drin. Wildes Farnkraut, das sich wohl selbst ausgesät hat. Unten auf der Säule ein Vierzeiler aus einem frühen Gedicht:
Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land
Reutlingen
Heute folgen wir wieder den Spuren Köhlers. Unsere erste Station ist Nehren, ein paar Kilometer von Mössingen entfernt. Hier hatte er bey den lieben Eltern übernachtet. Wir sitzen auf den Stufen der Kirche mit ihrem schönen Fachwerkturm in der Sonne und lesen uns ein bißchen aus seinem Büchlein vor. Er berichtet von Ackerbau und Viehzucht im nahen Steinlacher Tal, vom Aberglauben der Bewohner, von der Kleidungsart der Steinlacher Mädchen, die etwas eigenes und luxuriöses hat, er schreibt von der sich stets vermehrenden Volksmenge, die eine immer ins kleinere gehende Vertheilung der Grundstüke nach sich zieht..., so dass viele Aeker 3theilig sind, d.i. nicht nur den Zehend sondern immer ein 3tel der erzielten Producte dem Landesherrn geben müssen... Von den Frauen des Dorfes sagt er, dass sie die angenehme Nacht, von Lunens sanften Strahlen gemildert, benutzten, und die ganze Nacht ihren Hanf brechten, welches die nächtliche Stille angenehm störte... Von Hanfanbau kann heute keine Rede mehr sein und die nächtliche Stille dürfte eher vom Krachen eines Joints ge¬stört werden, dessen Inhalt nicht aus heimischer Produktion stammt. Im Übrigen fährt man schaffe zum Daimler und der Zehend, oder auch ein bißchen mehr, wird vom Finanzamt eingetrieben...
Als wir zum Auto, das am Rande der Dorfstraße geparkt ist, zurückkehren, stehen auf der anderen Straßenseite drei ältere Eingeborene und beäugen misstrauisch unser Fahrzeug, das hier nicht hingehört. Ein älterer Herr kommt mutig auf uns zu und möchte wissen, aus welchem Stadtteil Frankfurts wir kommen, freut sich als er hört, aus Bockenheim, das kennt er, ebenso Fechenheim und die Wetterau. Er hat einmal eine Fensterbau-Firma gehabt und war da oft auf Montage. Hat sich hier ein Haus gekauft und zur Ruhe gesetzt. Dann will er wissen, ob wir auch ein Haus kau¬fen wollen. Es gäbe noch einige zu sehr günstigen Preisen. Die Frage erstaunt uns, da wir uns nicht vorstellen können, dass außerhalb des Schwabenlandes irgend¬jemand, nachdem er unser Auto gesehen hat, auf die Idee kommen würde, wir könnten es uns leisten, ein Haus zu kaufen... Nachdem wir ihm erklärt haben, dass wir nur ein bißchen auf den Spuren Köhlers die Alb bereisen wollen, sagt er, ver¬sonnen mit dem Kopf nickend, so als habe er gestern Abend mit ihm beim Viertele gesessen: Jo jo, der Köhler... Dann gibt er uns den Tipp, dass man in den Dörfern auf der Alb immer noch ein komplettes Mittagessen für acht bis neun Mark bekäme (das Auto hat seine Wirkung also doch nicht ganz verfehlt), worauf wir uns freundlich verabschieden und weiterfahren nach Gomaringen.
Die aufgerissene Dorfstraße, aus der alle paar Meter die Betonunterbauten der Kanaldeckel drohend emporragen, durchfahren wir im Slalom und im Schritttempo. Köhler schreibt von einer Kirche und einem Schlößchen. Beides interessiert uns nicht, wohl aber Köhlers Bemerkung, dass das Clima dieses Ortes schon etwas rauher als in den benachbarten Orten Dußlingen und Nähren sei. Für uns gehen die beiden Orte heute fast ineinander über. Für ihn lagen sie noch eine ¾ Stunde Fußmarsch auseinander. Wir sitzen ein bißchen im Schatten alter Bäume vor der Kirche herum, schauen einer jungen Frau zu, die ihren Nachwuchs im Kinderwagen spazierenfährt, überlegen, ob wir uns den Friedhof ansehen sollen und beschließen, weiterzufahren nach Reutlingen.
Dort parken wir an der Hauptstraße vor einer Bankfiliale, da wir befürchten, wenn wir weiterfahren, liegt Reutlingen schon wieder hinter uns, was sich später als richtig erweist. Wir fragen einen Herrn, wo denn die Marienkirche sei. Er deutet mit dem Kinn auf die andere Straßenseite, und da sehen wir schon über den Dächern die grauen Türme aufragen. Rund um die Kirche baut man gerade Marktstände auf. Auch 1790 scheint man diesen Platz als Bazar genutzt zu haben. Köhler schreibt: Es sind zwischen die massiven hohen Pfeiler (der Kirche), die ihre dauernde Festigkeit von außen sichern, elende Baraken, Buden und kleine Werkstätte gebaut, die ganz häßlich aussehen. Heute wird irgendein lokales Fest gefeiert zur Belebung des ört¬lichen Einzelhandels. Abends wird es regionale Spezialitäten geben, deren bloße Namen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, zu Preisen allerdings, dass uns der Appetit wieder vergeht. Von der Kirche, die wie alle Kirchen dieses Baujahrs (1247) mit einem Gerüst umge¬ben ist, geht rechts und links die Wilhelmstraße, eine Fußgängerzone, ab. Hübsche, saubere Häuser, weder alt noch neu, die angenehm unaufgeregt und ein wenig nichtssagend den Verlauf der Straße markieren. Köhler mault: Die Bauart der Häu¬ser, sowie die Anlage der Straße ist sehr irregulair und an manchen Stellen eigentlich schlecht.... Die Wilhelmstraße mündet auf den großen Marktplatz mit dem Brunnen, über dem Kaiser Maximilian II als Ritter thront. Wir sehen ein paar histori¬sche Ge¬bäude, eine Kunsthalle aus Glas und Beton, das moderne Rathaus, Kauf¬hausfilialen. Die Kids tragen Nike. Die Alten schleppen Einkaufstüten. In der Gasse, die zum Tübinger Tor führt, dem einzigen noch erhaltenen der alten Stadtbefesti¬gung, duftet es nach Döner und Pizza. Auf dem Rückweg zum Auto werfen wir einen flüchtigen Blick in die Marien¬kirche, in der es feucht und muffig riecht. Wir lassen uns durch Köhler in unserer Antipathie bestätigen: ... das innere der Kirche ist dunkel, voll plumper Kirchenstühle, auf denen die städtischen Damen für ihre Bequemlichkeit Polsterküssen genagelt haben, die ein zerfetztes lumpichtes Aussehen haben...
Als einem, der in Tübingen Theologie studierte, wird Köhler bekannt gewesen sein, dass Reutlingen eine wohlhabende Stadt war. Es war immer die Stadt der Gewerbe, des Geldes gewesen, während die Rivalin Tübingen sich rühmte, die Stadt des Geistes zu sein. Obwohl er wohlwollend fest¬stellt, dass es viele Hand¬werke gebe, besonders viele Gerber, sieht er doch auch an den vielen ihn bestürmenden Bettlern (...) dass es viele arme Einwohner geben müsse... Wir sahen in Reutlingen, einer Stadt mit immerhin um die 100 000 Einwohnern, keinen einzigen Obdachlosen oder Bettler, die doch sonst überall in Deutschland zum normalen Stadtbild gehören. Auch in Tübingen, sowie später in Ulm und Schwäbisch Gmünd haben wir keine gesehen. Gibt es keine? Oder mussten die alle in andere Großstädte oder in Gegenden nördlich des Mains emigrieren? Gibt es heute im Schwabenland keine Armen mehr? Oder pflegt man nur einen diskreteren Umgang mit der Armut? |