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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Schwäbische Alb 2001

Von Rottenburg am Neckar nach Rothenburg ob der Tauber - ein Reisebericht

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Hechingen, Hohenzollern, F. Köhler, Tübingen, Reutlingen, Urach, Wurmlinger Kapelle, Gruibingen, Ulm, Blaubeuren, Buttenhausen, Schwäbisch Gmünd.
 

Urach
Der Ort ist an drei Seiten von hohen, steilen Felsen umgeben, konnte sich also nur zu der Seite hin, von der wir kommen, ein bißchen ausdehnen. Zum Glück nicht übermäßig. Doch zum Bau eines Parkhauses hat der Platz gereicht. Nach ein paar Schritten stehen wir auf dem Marktplatz. Fachwerk wohin das Auge blickt. Das alte Rathaus, ein gotischer Brunnen, ein Drogerie-Markt, bunte Sonnenschirme vor den Restaurants, die Plätze für die Menschenfracht von mindestens vier Reisebussen bereit halten und wo heute vielleicht insgesamt zehn Personen sitzen.

Ein hübsches Badeörtchen, das sich von seiner mehr oder weniger glanzvollen Vergangenheit (lange vor Stuttgart war es einmal Residenzstadt gewesen) ausruht. Köhler zeigte sich nicht so beeindruckt: ... sie ist nicht gros und ziemlich irregelair gebaut und hat zum größten Theil enge unräumliche Straßen. Der Marktplatz ist ein nicht ganz regelaires Dreieck, und das an seinem westlichen Ende stehende Rat¬haus unansehnlich. Die regelaire Frankfurter City des Jahres 2001 hätte Köhler wahr¬scheinlich besser gefallen...

Unweit des Marktplatzes die Amandus-Kirche mit angeschlossenem Stift. Wir schau¬en uns den Innenhof an und gedenken derer (darunter Mörike), die hier im Namen eines frömmelnden Protestantismus geschunden wurden. Heute nennt sich der Kom¬plex Evangelisches Einkehrheim, was immer das bedeuten mag. In der Kirche eine Statue von Eberhard im Barte, einem der wenigen liberalen Fürsten, den diese Ge¬gend gekannt hat. Der als einziger im Kreise seiner Mitfürsten erzählen konnte, er verfüge zwar über keine großen materiellen Reichtümer, aber er könne getrost im Schoß einer seiner Untertanen einschlafen und - gesund wieder aufwachen...

Vor der Kirche ein kleiner Platz mit alter Laterne und einer noch älteren Linde. Der Platz ist benannt nach Hermann Prey, der, wie wir auf einer Bronzetafel lesen, Ehrenbürger von Bad Urach ist... Da fehlen eigentlich nur noch eine schöne Müllerin und ein Mühlrad, das rauschet. Das tut es wirklich ein paar Schritte weiter. Ehrwürdig, mit Algenfäden behangen und feucht glänzendem Moos bewachsen, schaufelt es ohne besonderen materiellen Nutzen, nur um uns Nachgeborene in einen Soundtrack vergangener Zeiten zu entführen, die Wasser eines grünschim¬mernden Bächleins um und um. Wir setzen uns ein paar Minuten in der feuchten Kühle auf eine Bank und lauschen.

Die eigentliche historische Bedeutung Urachs (Bad ist es erst seit 1970) liegt auf anderem Gebiet. Einem Bäck (Bäcker), der wegen irgendeines Vergehens sein Leben verwirkt hatte, versprach der leutselig gestimmte Förscht, ihn nicht zu henken, wenn er ihm ein Gebäck bringe, durch das dreimal die Sonne scheine. Der Bäck brachte ihm eine Brezel und wurde nicht nur nicht aufgehängt sondern ist seitdem unsterblich. Zwei Nachkommen dieser Brezeln verzehren wir mit Genuss. Und bekommen mit, dass die nette Bäckersfrau Brot und Gebäck vom Vortag zum halben Preis verkauft. Auch hier schlagen wir zu und behalten Urach in guter Erinnerung. Auf direktem Weg zurückfahren können wir nicht, denn offensichtlich werden überall auf der Alb die Straßen aufgerissen und erneuert. Das ist heute mindestens die fünfte Umleitung. So fahren wir über Münsingen und Gomadingen über die rauhe Alb zu¬rück nach Rottenburg.

Burg Lichtenstein
Als wir morgens aufwachen, fängt es an zu regnen. Trotzdem machen wir uns noch einmal auf den Weg nach Urach, diesmal um den Wasserfall zu besuchen. Wir ignorieren die Straßensperren und fahren auf direktem Wege, da wir davon ausgehen, dass man selbst Orte, die Öschingen, Gönningen, Genkingen, Ohnastetten oder Upfingen hei¬ßen, nicht völlig von der Außenwelt abschneiden kann. Wir behalten Recht. Straßen¬bauarbeiten sehen wir keine. Dafür ist die Straße schön leer und wir ge¬langen, nach¬dem wir die endlosen Haarnadelkurven der Hannersteige (15 % Gefälle) bewältigt ha¬ben, unangefochten hinunter nach Urach. Selbst ein ent¬gegenkommen¬des Polizeiauto ist so mit den Kurven beschäftigt, dass es davon absieht, uns an¬zuhalten. Im Tal angekommen, atmen wir tief durch und beschließen, da auf keinen Fall wieder hochzufahren... Vom heute ziemlich leeren Parkplatz führt ein gut ausgebauter Wanderweg am Rande ei¬nes Wäldchens durch ein lieblich grünes Tal zum Wasserfall. Da stürzt sich ein schütteres Bächlein aus 37 Metern Höhe in die Tiefe und rauscht aufgeregt gluck¬send über moosiges Felsgestein dem nächstgrößeren Wasser entgegen. Die das Tal im Westen begrenzenden, bewaldeten Felsabstürze erinnern uns mit den aus dem Grün hervorleuchtenden weißen Kalksteinflecken stark an die Landschaft der Dor¬dogne.

Zwischen Münsingen und Gomadingen ist die Alb eine sanft gewellte Hochfläche mit Tafelbergen am Horizont und Wacholderheiden rechts und links der Straße, "ein Stück Land, in das man kein Haus hineinbauen möchte und in dem man doch bleiben muß, weil das Le¬ben nicht ausreicht, Wacholderheide und Wiesental in sich aufzunehmen"... (Gries¬haber). Manche Tafelberge sehen aus, als seien sie mit einer Heckenschere rundum säuber¬lich abgeschnitten. Dann wieder erhebt sich plötzlich aus sanften Wiesen und Feldern ein Kegel, in der Regel oben mit einer Burg oder mindestens einer Ruine drauf.

Kaum sind wir auf dem großen, asphaltierten Parkplatz unterhalb von Burg Lichten¬stein aus dem Auto gestiegen, bereuen wir es, überhaupt hier her gefahren zu sein. Wir ahnen Disneyland. Doch da man uns die Parkgebühr schon abgeknöpft hat, ge¬hen wir die paar Schritte zum Schloss hoch. Vorm Burgtor ein Schaukasten mit dem Konterfei der jetzigen Bewohner: irgendein Nachfahre der Grafen von Urach mit Ge¬mahlin, einer geborenen v. Brauchitsch. Der Name kommt uns bekannt vor. Hin¬term Burgtor unübersehbar das Kassenhäuschen. Man will 8 Mark pro Person. Dafür darf man die ausrangierten Möbel des Förschten betrachten. Das halten wir für eine mo¬derne Variante der Raubritterei und verzichten. Gehen die hundert Meter weiter zum alten Forsthaus, das sich als Restaurationsbetrieb erweist mit Eiche rustikal, Hirsch¬ge¬weihen an der Wand und in Leder gebundener Speisekarte, aus der Jägerschnitzel und dicke Soßen dampfen. Uns dämmert all¬mählich, dass überall dort, wo man runtergucken könnte, entweder ein Teil der Burganlage oder eine Kneipe die Aussicht versperrt. Beim nochmaligen Studium der Eintrittspreise stellen wir fest, dass man für den halben Preis wenigstens den Burghof inklusive Aussichtsplattform betreten darf. Das leisten wir uns dann und müssen zugeben, daß der Blick bis zur Achalm sogar fünf Mark wert ist.

"Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem tiefen Albtal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor.. Weitab liegt alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten... Selbst, wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, klafft eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten Sprung einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, dass nicht die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten Teile vereinigen konnte... Wie das Nest eines Vogels auf die höchsten Wipfel einer Eiche(...) gebaut, hing das Schlösschen auf dem Felsen..". So beschreibt Hauff in seinem 1826 erschienenen, im 16. Jahr¬hundert spielenden Roman "Lichtenstein" das Schloß. Und genau so wird es 14 Jahre später, also1840, Graf Wilhelm von Würtemberg erbauen lassen.

Die Bärenhöhle
Der in einem Wäldchen versteckte Parkplatz ist so ausgedehnt und voll, dass wir uns fra¬gen, wie groß die Höhle wohl sein muss, um all die vielen Leute aufnehmen zu kön¬nen. Des Rätsels Lösung: auf dem Plateau, unter dem die Höhle liegt, befindet sich ein riesiger Freizeitpark, wo sich heute offenbar die halbe Bevölkerung Schwa¬bens tummelt. Vorm Höhleneingang dagegen steht nur ein kleines Grüppchen und wartet auf den Beginn der nächsten Führung. Die Höhle wurde 1949 entdeckt, weil bei einem Spa¬ziergang plötzlich ein Hund vom Erdboden verschluckt worden war. Man fand eine Öffnung im Boden, durch die sich beherzte Männer abseilten und in ca 20 Me¬tern Tiefe auf einem Haufen Knochen landeten - Menschenknochen, wie sich nach ge¬nauerer Untersuchung herausstellte. Im Mittelalter hatte man durch die Öff¬nung im Boden die Pestleichen aus den umliegenden Ortschaften entsorgt...

Wir folgen einem dicklichen Mädchen, das kaum dem Hauptschulalter entwachsen scheint und seinen Vortrag über Stalagmiten und Stalagtiten in einer Sprache, die es für Hochdeutsch hält, eher singt als spricht. Wir sind so fasziniert von ihrer Sprach¬melodie, die auf einer Hebung beruht an Stellen, wo eine Senkung angebracht wäre und umgekehrt, dass wir auf den Inhalt der Worte kaum noch achten. Als sich zu ihrem Singsang noch der Rückkopplungseffekt der Höhlenakkustik gesellt, klappen wir die Ohren runter und verlassen uns nur noch auf unsere Augen. Was wir sehen, ist gewaltig. Ein in Jahrmillionen von ständig sickernder Kalksteinbrühe geschaffener bizarrer Skulp¬turenpark. Auf den gut 270 Metern, die die Höhle für Publikum be¬gehbar ist, kann das fantasiebegabte Auge alles sehen, was es sehen will. Gnome, Elfen, Riesen, urzeitliches Getier. Überwältigend die durch einen so lange währen¬den Schaffens¬prozeß bedingte, unerschütterliche Gelassenheit, die die Gebilde ausstrahlen. Außer den oben erwähnten Menschenknochen hat man auch die Überreste von Höhlenbären gefunden. Einen von ihnen hat man zu einem riesigen Skelett zu¬sammengepuzzelt, das uns beinern entgegenleuchtet. Nach einer ¾ Stunde bedankt sich unsere rei¬zende Führerin artig, dass wir ihr so aufmerksam gelauscht haben und entschwindet eilig, um die paar Minuten, die ihr bis zur nächsten Führung bleiben, ein bißchen so zu schwätze, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das hat sie sich verdient.

Gerade lassen wir uns vor einer der Bretterbuden, wo Bier, Pommes und Postkarten verkauft werden, nieder, als der Himmel beginnt, immer schwärzer zu werden. Wir hasten zum Auto, und nach ein paar Kilometern Fahrt beginnt es zu schütten, dass wir fast im Schritttempo über die Landstraße kriechen. Als wir auf dem Platz ankommen, knallt dort die Sonne. Es ist kein Tropfen Regen gefallen, und wir haben 27° im Schatten. Außerdem haben wir neue Nachbarn bekommen. Aus dem Odenwald. Kaum ist unsere Heck¬klappe unten und sie sehen das Frankfurter Kennzeichen, als sie auch schon, kommunikativ wie die Südhessen sind, angeschlendert kommen und uns vollzu¬quatschen beginnen. Nach 5 Minuten wissen wir, dass sie in Bad Nauheim zur Kur war, dort eine Dame kennengelernt hat, die hier mit Familie im fest installierten Caravan ihren Urlaub verbringt, und die sie unbedingt besuchen wollte. Sie haben auch ein Iglu, haben hier aber einen Caravan gemietet usw... Als sie einmal kurz Luft holt, beginnt er lautstark odenwälderisch zu gurgeln, schwärmt vom Römischen Mu¬seum in Rottenburg, wo es ihm besonders die Scheißhäuser, die man ausgegraben hatte, ange¬tan haben. Sie ermahnt ihn, nicht so zu brüllen, denn er scheint zu allem Unglück auch noch schwerhörig zu sein. Es beginnt zu regnen, das scheint ihm aber nichts auszumachen, denn er blubbert weiter, von den Römern und was die alles und wie die so toll... Als er dann beim Limes angelangt ist, merkt er, dass die Luft etwas feucht geworden ist und verpisst sich in sein Wohnklo. Wir ziehen uns aufatmend ins Auto zurück, wo wir den restlichen Abend unbehelligt verbringen. Zwar schlappt er in den kurzen Regenpausen auf der Suche nach einem Opfer seiner geistigen Inkontinenz immer mal um die Ecken, da wir aber jeden Blickkontakt vermeiden, trollt er sich zu seiner Mischpoke, die hinter verhängten Scheiben sitzt und Bier säuft.

Droben stehet die Kapelle...
Die ganzen letzten Tage hatten wir, aus welcher Richtung wir auch kamen, nordöst¬lich von Rottenburg in Richtung Tübingen einen kegelförmigen Berg mit einer kleinen Kirche obendrauf aus der flachen Landschaft unterhalb des Albtraufs aufsteigen sehen. Aus der Karte erfahren wir, dass es die berühmte Wurmlinger Kapelle ist, die Uhland in einem Gedicht besungen hat. Der Parkplatz am Fuße des Berges ist an diesem Morgen ganz leer. Ein Schild verkündet, dass die Kapelle werktags geschlossen sei, man sich aber gegen ein 'Entgelt' von 10 Mark beim Küster der Wurmlinger Kirche einen Schlüssel holen könne. Wir verzichten und wandern los. Es geht ziemlich steil bergan. Nach ein paar Metern stehen wir vor der ersten, aus dem Jahr 1687 stammenden Station des Kreuzwegs, die keinen großen Unterhal¬tungswert für uns besitzt. Dafür bewundern wir die alle 10 Schritte sich verändernde Aussicht ins Ammertal. Die Aussicht zur Neckarseite wird noch von bewaldeten Ge¬steinsformationen verdeckt, die aber auch für uns geologische Laien hübsch anzu¬schauen sind. Außerdem sorgen sie für Schatten und eine etwas modrig riechende Kühle. Bald öffnet sich der Blick zum Neckartal und auf die blauen Tafelberge der Alb. Man möchte sich, wie Mörike, ausgelassen selig mit Augen in dieses Meer von Landschaft stürzen... Die Hänge sind mit Wein bewachsen, der, mit Netzen gegen die räuberischen Vögel sorgfältig abgedeckt, der Lese harrt. Zur Ammerseite hin lichte Streuobstwiesen. Am Fuße des letzten steilen Anstiegs zur Kapelle der neue Friedhof.

Oben angelangt, ist zu unserem großen Erstaunen das kleine Seitenportal weit geöff¬net. Als wir auf Zehenspitzen eintreten ins Dämmerlicht des Raums, sehen wir eine ältere Dame, die gerade dabei ist, etwas in das ausliegende Gästebuch zu schreiben. Sie schaut zwar leicht erstaunt, läßt sich aber nicht stören, vermittelt auch nicht den Eindruck, als seien wir unerwünschte Eindringlinge. Ein junger Mann versucht unter der Empore vor einer wurmstichigen Holztafel, auf der Namen stehen, ein Kamera¬stativ aufzubauen. Der Raum mit seiner Kassettendecke aus dunklem Holz ist von anrührender bäuerlicher Schlichtheit, der liebe Gott zum Anfassen. Kein Wunder, dass, wer hier heiraten will, sich lange vorher anmelden muss.

Nachdem wir unseren Rundgang beendet haben, suchen wir in einem Ständer unter der Empore nach Postkarten und kommen mit der alten Dame, die wir für eine Ge¬meindeangestellte halten, ins Gespräch. Sie wird Ende Sechzig sein und erweist sich als sehr kommunikativ. Als wir ihr sagen, wie sehr wir von der schlichten Schönheit der Kapelle beeindruckt sind, beginnt sie lebhaft zu erzählen. Von der Geschichte der Kapelle, von den wertvollen Figuren, die sich in der Krypta befanden, im Krieg nach Stuttgart ausgelagert und dort bei einem Bombenangriff zerstört wurden. Sie stammt aus Urach und ist im Krieg nach Wurmlingen verschlagen worden. Jetzt ist sie gerade dabei, in eigener Verantwortung, eine Dokumentation zu erstellen, in der, beginnend mit den napoleonischen Kriegen, die Namen aller Männer aufgeführt sind, die, aus Wurmlingen stammend, fürs Vaterland oder was auch immer gefallen sind. Von 860 Einwohnern Wurmlingens blieben 82 Männer allein in Stalingrad…

Der junge Mann, ihr Sohn übrigens, ist inzwischen dabei, die Holztafel mit den Na¬men der Toten der napoleonischen Kriege von der Wand unter der Empore, wo die Lichtverhältnisse zum Fotografieren ungünstig sind, abzuhängen. Die Mutter bittet uns, ihm dabei zu helfen. Doch er hat es schon allein geschafft, denn die Tafel sieht schwerer aus, als sie ist. Wir treten jetzt auch vor die Tür, wo er die Tafel an die Wand gelehnt hat und dabei ist, sein Stativ aufzubauen. Über Grabsteine und eine diese einfriedende Mauer hinweg blicken wir auf die wie blaue Särge aussehenden Tafelberge der Alb. Ein schöner Ort, um zu heiraten oder um tot zu sein. Als die Dame die Maquila, mei¬nen baskischen Spazierstock, bemerkt, erzählt sie stolz, ihr Sohn, der jetzt etwas ver¬legen lacht, sei gerade 700 km über den Jakobsweg gepilgert und erst vor einer Woche zurückgekommen. Dann sagt sie unvermittelt, jo jo, die Schwobe sind nicht dumm, obwohl man das immer sagt... sie reden nicht darüber, aber sie haben es faustdick... und sie tippt mit dem Finger hinter ihr Ohr... Nachdem wir uns herzlich verabschiedet haben, setzen wir uns auf eine morsche Holzbank und lesen uns vor der Kulisse dieser deutschesten aller Landschaften Uhlands Gedicht über die Wurmlinger Kapelle vor. Eigentlich warten wir jetzt nur noch darauf, dass der Hegel und der Hölderlin Arm in Arm anspaziert kommen…

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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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