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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Schwäbische Alb 2001

Von Rottenburg am Neckar nach Rothenburg ob der Tauber - ein Reisebericht

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Hechingen, Hohenzollern, F. Köhler, Tübingen, Reutlingen, Urach, Wurmlinger Kapelle, Gruibingen, Ulm, Blaubeuren, Buttenhausen, Schwäbisch Gmünd.
 

Auf der Suche nach dem idealen Campingplatz
Am nächsten Morgen schaffen wir es, das Zelt im Trocknen abzubauen und fahren kurz nach 9 vom Platz, den wir in guter Erinnerung behalten werden. Wir haben uns vorgenommen, wenn wir unterwegs nichts Gescheites finden, kehren wir einfach nach hier zurück. Als wir das dem Platzwart zum Abschied sagen, freut er sich und meint, das hätten schon etliche vor uns getan. Das läßt nicht gerade darauf schließen, dass die Alb üppig mit Campingplätzen ausgestattet ist, zumindest nicht mit solchen, wie wir sie mögen: klein, preiswert, ohne Rummel... Wir werden uns überraschen lassen.

Hinter Lichtenstein halten wir auf dem Parkplatz Gereuthau an, den wir uns vor ein paar Tagen schon vorgemerkt hatten, weil wir dort aus dem Auto heraus Wacholder¬heiden gesehen hatten. Diese Landschaftsformationen gibt es so nur noch auf der Alb. Entstanden sind sie durch den Biß der Schafe, die nur Wacholder und einige Distelarten stehenließen. Das kurze Gras unterscheidet sich auch farblich vom saf¬tigen Grün der übrigen Weideflächen, es geht eher zum Grau hin. Wir wandern anfangs durch einen Buchenwald, der sich auf eine weit hinschwingen¬de Wiese öffnet und sehen dort, oben am Hang, der auch von Buchenwald begrenzt wird, eine ausgedehnte Wacholderheide, zu der allerdings kein Weg hin führt. Am an¬deren Ende der Wiese beginnt ein Fichtenwald, der störend wirkt, weil der für die Alb typische Baum seit jeher die Buche ist. Doch ist man seit Jahrzehnten dabei, durch die rücksichtslose Aufforstung der Wacholderheiden mit schnell wachsenden, und damit profitableren Fichten, das charakteristische Land¬schaftsbild der Alb allmählich zu zerstören. "Ohne Weidebetrieb stirbt der Wacholder¬wald. Die Bauern pflanzen schnellwachsende Fichten, und bald wächst überall Schwarzwald über verlassene Schafweiden. Nadelwald, der rascher dem Geld zuwächst..." Das schrieb Grieshaber schon vor mehr als dreißig Jahren. Aber wir wollen nicht meckern, es gibt immer noch genug Schönes zu sehen... An etlichen, mit Maschendraht geschützten riesigen Ameisenhügeln vorbei wandern wir zurück zum Parkplatz. Ein schneidender, kalter Wind lässt die Hände erstarren.

Wir machen einen kleinen Umweg, um am Gestüt Marbach vorbei zu kommen, dessen Pferde¬zucht sogar der Queen im fernen England ein Begriff war. Als sie in den Sechzigern auf Staatsbesuch nach Deutschland kam, hatte sie den Wunsch geäußert, Marbach zu besuchen. Das musengeküsste Protokoll führte sie natürlich nach Marbach am Neckar ins Schiller Nationalmuseum, wo man die etwas gelangweilt scheinende königliche Dame fragte, wie es ihr denn gefalle, worauf sie erwidert haben soll: Very nice, but where are the horses...

Hinter Münsingen geht die Landstraße immer hart an der Grenze des riesigen, 1937 von einem Hitler-General eingeweihten Truppenübungsgeländes entlang. Ganze Ortschaften mußten damals evakuiert werden. Heute dürfen sich einmal im Jahr, zu Pfingsten, die Nachfahren der damaligen Bewohner in dem kleinen Dorf Gruorn tref¬fen, um die Gräber ihrer Toten zu besuchen. Wir versuchen, unsere melancholischen Gedanken zu zügeln und fahren weiter über eine karge Hochebene, durch uralte Dörfer, in denen man kaum einen Menschen auf der Straße sieht. Man könnte mei¬nen, die Zeit sei stehengeblieben, wäre da nicht manchmal am Ortsrand eine kleine, unaufdringliche Fabrik, wo wir im Direktverkauf Schuhe oder Möbel kaufen könnten.

Zwischen Berghülen und Machtholdsheim der erste Campingplatz - Heideland nennt er sich: Ferienvollzugsanstalt! Von Heide keine Spur, dafür reger Wochenendbetrieb auf dem betonierten Parkplatz. Eine Gang halbwüchsiger Jugendlicher (zwischen 10 und 14 Jahren, viele tragen imitierte Bundeswehrschlabberhosen) überquert, eine magere, halbwegs ausgewachsene Fichte hinter sich herziehend, die Bundesstraße in Richtung Campingplatz. Wir versuchen uns vorzustellen, welchen Beschäftigungen die dazu gehörenden Aufsichtspersonen nachgehen mögen, werfen einen Blick durch die breite Glasfront der Rezeption und noch einen auf die Preisliste (DM 29,--) und fahren weiter. Hinter Laichingen, bei Westerheim, ein Platz des Albvereins, Albcamping: verschärfter Vollzug (DM 33,--)! Uns wird langsam mulmig. Wir beschließen, noch ein paar Kilometer weiter in Richtung Wiesensteig zu fahren. Dass dieser Ort gut 250 Meter tiefer im Tal liegt, wird uns erst klar, nachdem wir eine sehr unvermittelt einsetzende Gefällstrecke mit endlosen Serpentinen hinter uns gebracht haben. Den Abzweig nach Hohenstadt, wo ein weiterer Campingplatz sein sollte, haben wir vor lauter Schreck verpaßt. Etwas mürrisch durchfahren wir die Hauptstraße Wiesen¬steigs, das einen ganz sympathischen Eindruck macht, und beschließen, da wir diesen Berg nicht wieder hoch wollen, über die nahe gelegene Autobahn bis zur nächs¬ten Ausfahrt zu fahren, wo laut Karte die Straße zum Heideland, als dem kleineren Übel, zurückführen müßte.

Wir wollen gerade auf den Autobahnzubringer abbiegen, als wir ein blaues Schild entdecken: Campingplatz 2 km. Dem geben wir noch eine Chance! Der nächste Ort heißt Gruibingen. Hinterm EDEKA geht’s links ab, noch 800 Meter, und wir sind da: Camping Winkelbachtal. Die Rezeption ist gleichzeitig Kneipe, wo die Chefin am Tisch sitzt und mit einem Typen quatscht, während im Hintergrund die Glotze läuft. Es ist noch ein Platz frei, pro Nacht will sie 20 Mark, das ist genau, was wir gesucht haben. Wir sagen ihr, dass wir einige Tage bleiben werden und dürfen unser Iglu aufbauen.

Ein deutsches Dilemma
Das Gelände ist sehr steil und daher terrassenförmig angelegt. Um vom Besucher¬parkplatz zu unserem Zelt zu gelangen, müssen wir ca. 30 Meter einer mindestens 20 prozentigen Steigung überwinden. Durchreisende Caravans haben hier keine Chance. Die müssen unten auf dem Besucherparkplatz bleiben. Wie die übrigen maximal 20 fest installierten Wohnklos hier hoch gekommen sind, wissen wir nicht. Für Camper gibt es nur wenige Plätze. Auf dem schönsten steht jetzt unser Iglu. An drei Seiten ist er von hohem Buschwerk und der Rückseite eines festen Caravans begrenzt. Ein paar Meter tiefer das Bett eines fast ausgetrockneten Bächleins. Die Stille ist überwältigend, nach allen Seiten hin geht der Blick auf bewaldete Höhen. Daß die Sanitäranlagen blitzsauber, funktional und nur 20 Schritte entfernt sind, sei nur am Rande erwähnt.

Da wir keine Lust haben, heute noch die Küche zu installieren, fragen wir die Wirtin, ob sie uns etwas zu essen machen kann. Irgendwo in den Tiefen ihrer Küche finden sich dann auch eine Paprikawurst und Leberkäs' mit einem Spiegelei drüber. Dazu einen Roten und einen Weißen aus der Gegend, köstlich und - bezahlbar. Während die Zähne malmen, Zunge und Gaumen schlotzen, lauschen wir, in einer kleinen rustikalen Nische des Gastraums sitzend, mit einem Ohr auf die immer noch unge¬wohnte Sprache, die sich über dem Tisch der Wirtin, an dem inzwischen offenbar einige Dorfbewohner Platz genommen haben, zu einem gemütlichen Geräuschpegel verdichtet hat. Obwohl mein Ohr dem Tisch zugewandt ist, verstehe ich nichts. Manchmal meinen wir, ein Wort identifizieren zu können, sind uns aber nicht sicher. Wir lassen's dabei bewenden und ziehen uns, gesättigt und glücklich, in unser Wohn¬zimmer vorm Iglu zurück.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Platzbeleuchtung ist eingeschaltet und leuchtet durchs Gebüsch. Ausreichend Licht, um das Rotweinglas zu erkennen. Droben im Walde schuhuut ein Uhuu. Wir sitzen ganz still und fühlen kleine Schauer über den Rücken rieseln. Dann irgendwann der Klang eines Akkordeons und junge Stimmen, die ein Volkslied singen: Hoch überm Tale standen unsere Zelte... Wir haben das Gefühl, dass die Musik von oben aus dem Wald kommt, sind uns aber nicht sicher. Quasi auf Zehenspitzen machen wir ein paar Schritte in Richtung Kneipe, wo zwei Dorfbewohner gerade dabei sind, sich, leicht schwankend schon, zu ihren Autos zu begeben. Wir fragen, ob sie wissen, wo die Musik herkommt. Auch sie lauschen, doch mehr als "die feiern droben ihr Abschieds¬fescht..." ist nicht aus ihnen rauszuholen. Wir vermuten, die Abschlussfeier einer Jugendfreizeit, denn am Montag beginnt in Schwaben wieder die Schule. Diffuse Sehnsucht weckend, mal ansteigend, dann wieder im Laub der Bäume versickernd, kommt die Melodie von den bewaldeten Höhen herab. Noch zwei weitere Lieder können wir identifizieren und mitsummen, die anderen sind offenbar Weisen, die nur im Schwabenland bekannt sind. Punkt 22 Uhr ist Schluß. Nur der Uhu hält sich nicht an die gesetzlich vorgeschrie¬bene Nachtruhe, mindestens eine weitere Stunde lang jagt er mit schaurigem Schuhuuu seinen Mäusen nach, während wir noch einige Zeit in der Dunkelheit vorm Zelt sitzen und über unser ambivalentes Verhältnis zu Begriffen wie Volkslied, Heimat etc. philosophieren. Zu viel braune Soße klebt immer noch an ihnen. Die Musik hat eine Saite in uns angerührt, die leider verstimmt ist. Wir würden sie gern, ohne uns schämen zu müssen, wieder zum Klingen bringen, wissen aber nicht wie. Ein deutsches Dilemma.

Ulm
Auf dem Münsterplatz, über den ein grauer Wind pfeift, legen wir den Kopf in den Nacken, um den, mit genau 161,53 Metern, höchsten Kirchturm der Welt zu bewundern, der wegen der schnell treibenden Wol¬ken aussieht, als wolle er auf uns herabstürzen. Abgesehen von Barlachs Bettler aus dem Jahr 1930, finden wir im Inneren nichts, was uns besonders antörnen würde. Vorm Hauptaltar geben die Mitglieder eines durchreisenden Kirchenchors ein Ständchen. So können wir wenigstens die wunderbare Akustik des Raumes bewundern.

Nachdem wir unter Lebensgefahr eine Ringstraße überquert haben (den Fußgängertunnel entdecken wir erst auf dem Rückweg), befinden wir uns im Fischerviertel, dem einzigen Teil der Ulmer Altstadt, der 1944 nicht zerbombt wurde. Die Blau, die hier in die Donau mündet, mäandert als die kleine und die große Blau durch die Gegend. Überall verwinkelte Durchgänge, kleine Brückchen und Ste¬ge. Im Erdgeschoß der renovierten Fachwerkhäuser entweder Boutiquen oder teure Kneipen. Die übliche, knallhart auf Verwertung kalkulierte Idylle. Über die Stauffermauer, die parallel zur Donau verläuft, und durch den Metzgerturm, den "schiefen Turm" von Ulm, der oben fast 2 Meter über die Basis hinausragt, ge¬langen wir zurück zum Marktplatz mit dem bunten Rathaus und der astronomischen Uhr aus dem Jahre 1520, die immer noch funktioniert. Es hat wohl ein Platz¬konzert stattgefunden, zum Glück packen die Musiker gerade ihre Blasinstrumente ein. Ganz Ulm scheint bei dem schönen Wetter auf den Beinen zu sein und schiebt sich durch die Gassen. Wir halten uns etwas abseits der Menschenströme, essen vor einem griechischen Imbiß am Ufer der Blau, auf deren Grund ein Gartenstuhl rostet, eine Pita und finden ohne Probleme zurück zur Autobahn.

Freund Köhler und sein Kumpel hatten es vor gut 200 Jahren schwerer gehabt, vor allem, in die Stadt, die damals eine Festung war, hineinzukommen. Von Blaubeuren kommend waren sie erst bei Dunkelheit vor den Toren angelangt, als diese bereits geschlossen waren. Sie hatten um die halbe Stadt herumirren müssen, die 16.000 Schritt im Umfang haben soll und nur unter Führung eines Feldhirten war es ihnen gelungen, das auf der Donauseite gelegene Frauenthor zu erreichen, wo ihnen 4 Kreuzer für den Kopf abgefordert wurden, ehe man sie einließ. Auch als sie im Gasthof zum Vogel Greif angelangt waren, wurden sie der nach einer solchen Strapaze so nothwendigen Ruhe und Erquikung nicht teilhaftig, weil sie Handwerks¬pursche durch die Straßen singen und tumultuiren hörten...

Die Schwierigkeiten des Reisens im 21. Jahrhunderts sind anderer Art. Zwanzig Kilo¬meter Stop and Go bis zur nächsten Ausfahrt, verursacht durch eine Dauerbaustelle bei Gruibingen. So können wir uns die Hochfläche der Alb, die von der A8 überquert wird, in Ruhe anschauen. Bei Merklingen verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer Umleitungsstrecke über Drackenstein, Hohenstadt, Gosbach in steilen Haar¬nadelkurven wieder zurück ins Tal, wo wir, auf dem Platz angekommen, kurze Hosen anziehen, denn wir haben 30 ° im Schatten.

Schwäbische Nachbarn I
Später kommen die Nachbarn, deren Caravan-Rückwand unseren Stellplatz be¬grenzt. Sie glotzen sehr, sehr mißtrauisch auf unser Zelt, unser Auto. Uns selbst ig¬norieren sie völlig. Wir bekommen mit, dass es zwischen ihnen und den übrigen Platzmietern sowie der Gemeinde, die für den Platz zuständig ist, Probleme gibt. Sie haben ihr Wohnklo mit abenteuerlichen Anbauten versehen, was laut Platzordnung nicht gestattet ist. Die Tatsache, dass sie dieses Verbot umgangen haben, indem sie die festen Anbauten mit Zeltplanen als mobile Vorbauten tarnten, scheint auf dem Platz und im Dorf Tagesgespräch zu sein. Aber wir müßten nicht im Schwabenland sein, wenn sich in die Empörung über diese Schlitzohrigkeit nicht ein bißchen Be¬wun¬derung mischte... Nachdem sie ihr illegal errichtetes Häusle verlassen haben, kommt eine ältere Dame aus der Kneipe die Steige hochgekeucht und klopft neugierig an die textilverkleideten Anbauten. Es klingt, nicht nur für die Ohren eines Schreiners, eindeutig hölzern! Kopf¬schüttelnd vor sich hin murmelnd geht sie wieder zur Kneipe runter. Wir klopfen auch kurz aufs Holz und genießen dann bei 8° und sternklarem Himmel einen üppigen Vollmond.

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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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