Auf dem Grund des Urmeeres
Nachdem wir einen Sonnenaufgang überm Kamm des Wal¬des beobachtet haben, versuchen wir heute, einen weniger steilen Weg aus unserem 570 Meter über N.N. liegen¬den Tal hinaus zu finden, doch die direkte Straße nach Weilheim, die parallel zur Autobahn verläuft, ist wegen Bauarbeiten (!) gesperrt, und wir müssen uns daher über enge Haarnadelkurven ins Tal hinab quälen und einen ausgedehnten Umweg über Gammelshausen, Heiningen, Betzgenried, Bad Boll fahren. Diesem Umweg haben wir es allerdings zu verdanken, dass wir am Hinweisschild zum Hauff-Museum vorbeikommen. Wir denken erst an den Märchendichter Wilhelm Hauff, müssen dann aber fest¬stellen, dass wir ganz, ganz falsch liegen. Das Museum ist nach dem Mann benannt, der als erster die fossilen Funde, die sich in dieser Gegend unterhalb des Albtraufs häuften, sorgfältig bearbeitet hat. Vor 170 Millionen Jahren war hier der Grund eines Jura-Meeres, auf den abgestorbene Pflanzen und Tiere hin¬absanken und im Laufe der Zeit versteinerten. Die ganze Gegend ist deshalb nicht nur Naturschutz- sondern auch Versteinerungsschutzgebiet.
Da der Park¬platz in dem Dorf Holzmaden leer ist, ahnen wir schon: Das Museum hat Ruhetag. Etwas irritiert fahren wir 10 Meter zurück, dort befindet sich ein weiterer Parkplatz vor einem lang gestreckten Gebäude: Urweltsteinbruch und Museum sagt uns ein Schild. Wir marschieren an der steinernen Skulp¬tur eines halb aus dem Ei geschlüpften Saurier-Babys vorbei auf das große Eingangstor zu, und was wir dahinter sehen, lässt unsere Herzen höher schlagen: Ein großer Schiefersteinbruch, in dem Steine aller Formen und Größen herumliegen und darauf warten von uns aufgelesen und nach Hause getragen zu werden... Doch erst die Pflicht! Im Museum bewundern wir den Formenreichtum der ausge¬stellten versteinerten Tier- und Pflanzenwelt des Urmeeres, der über diverse Saurier¬arten, Ammoniten und Muscheln in allen Größen bis zu Seelilien reicht. Diese wun¬derbaren Pflanzen siedelten vorzugsweise in ganzen Kolonien auf Treibholz. Wurde die Kolonie zu schwer, sank das Ganze auf den Meeresgrund und ver¬stei¬nerte. Vieles von dem, was da heute an der Wand hängt, könnte aus dem Atelier eines Jugendstil-Künst¬lers hervorgegangen sein.
Durch eine Hintertür gelangen wir direkt in den Steinbruch, aus dem die Funde, die inzwischen auch in Museen in alle Welt gegangen sind, stammen. Da hocken Kinder und Erwachsene und hämmern konzentriert mit Hammer und Meißel, die man sich ausleihen kann, in den Ölschieferablagerungen herum. Man kann immer noch Funde machen. Die darf man, wenn sie "freigegeben" werden, mitnehmen. Einen Steneo¬saurier, heißt es, sollte man nicht mehr erwarten. Doch wer weiß. Am Grund des Schieferbruchs ist man noch nicht angelangt. Außerdem deuten abgesperrte Be¬reiche immer noch auf "ernsthafte" Grabungsarbeit hin. Da das Gelände von der Größe eines Fußballplatzes eine schiefergraue, staubige Hitze ausdünstet, sind wir nicht zu mehr zu motivieren, als ein bißchen mit den Fußspitzen zu scharren. Was immerhin dazu führt, dass wir zwei kleine Schieferplatten mit der deutlichen Abbildung eines Ammoniten bzw. zweier Muscheln entdecken. Da werden wir nun doch etwas hektisch und lassen die bei¬den Platten unauffällig im Rucksack verschwinden. Ähnliche, allerdings schon lackierte, Exemplare kosten an der Kasse je DM 10.- und wir fragen uns, ob der freundliche Rentner, der die Kasse bedient und uns auf Nachfrage eifrig die Grabungs- und Präparationstechniken zu erklären versucht, den Rucksackinhalt 'freigegeben' hätte...
Schweinerei
Auf der Rückfahrt schauen wir kurz beim einzigen Metzger in Gruibingen rein. Wir wollen Schweinemett kaufen. Das kennt die Verkäuferin nicht. Wir versuchen ihr zu erklären, was das ist. Irgendwann strahlt sie übers ganze Gesicht und meint, das heiße bei ihnen Tartar. Auf unseren Einwand, das sei doch reines Rindfleisch, meint sie, Schweinegehacktes könne sie uns natürlich auch machen. Wir nicken ergeben mit dem Kopf, lassen sie einen Klumpen durchwachsenes Schweinefleisch durch den Wolf drehen und verlassen aufatmend, nachdem wir unserem Einkauf noch eine Flasche Bier der im Ort ansässigen Privatbrauerei hinzugefügt haben, den Laden. Obwohl wir ein Heftchen Streichhölzer geschenkt bekommen haben, verdichtet sich auf dem Weg zum Iglu das Gefühl, dass das Preis-Leistungsverhältnis nicht recht stimmt. Auf dem Platz angekommen, schauen wir uns den Kassenzettel an und stel¬len fest, dass sie für das Kilo Schweinegehacktes 17,90 berechnet hat. Zum Ver¬gleich: beim besten Metzger in der Frankfurter Kleinmarkthalle kostet das Kilo 9,90 DM. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder die Preise sind hier wirklich so hoch, oder das Mädel hat aus Versehen statt 7,90 (was für diese Gegend angemes¬sen wäre) 17,90 eingetippt. Das werden wir gelegentlich durch einen Kontrollkauf bei einem Metzger in Wiesensteig nachprüfen...
Schwäbische Nachbarn II
Wir lassen uns durch diese „Schweinerei“ die gute Laune nicht verderben und genießen kurzbehost die 28° im Schatten. Gegen Abend erscheinen unsere Nachbarn. Offenbar kommen sie direkt von der Ar¬beit , denn er steckt noch in einer grünen Latzhose, einen Zollstock in der Seitentasche. Wir tippen auf Schreiner... Beide sind ca. Mitte Vierzig. Sie sitzen auf ihrer "Ter¬rasse", trinken Kaffee und beobachten argwöhnisch alles, was um sie herum vorgeht. Einer der Dauercamper, der weiter oben wohnt, kommt vorbei und begrüßt sie: Hallo ihr zwei, euch hab ich ja lange nicht gesehen... Sie tuscheln ein bißchen, dann geht er weiter. Als wir uns zu einem kleinen Spaziergang aufmachen und an der Anmeldung, die direkt in Hör- und Sichtweite der Nachbarn liegt, vorbeikommen, spricht uns der jun¬ge Mann an, der bei unserer Ankunft mit am Wirtsstammtisch saß. Er knattert öfter auf seinem Motorrad den Berg rauf und runter. Wir sind sicher, als wir vor ein paar Abenden einen Spaziergang in der Dämmerung über den Platz machten, ihn in sei¬nem Caravan sitzend gesehen zu haben, denn wir hatten ein bißchen indiskret, da der Wagen nicht bewohnt schien, durch die Scheibe geblickt und im Halbdunkel des Wageninneren etwas gesehen, das eine aufrecht sitzende, mumifizierte Leiche, aber auch ein Mensch in Meditationshaltung hätte sein können und vorsichtshalber be¬schlossen, das letztere anzunehmen... Heute erkundigt er sich freundlich, während er Unkraut aus einem Blumenrondell rupft, ob uns die Gegend gefalle. Als wir ihm sagen, dass wir es wunderschön hier finden, strahlt er und bietet an, uns Routen zusammenzustellen. Wir plaudern noch ein bißchen und haben das Gefühl, in die Platzintrige mit einbe¬zogen zu werden, da er offensichtlich unseren muffigen, mißtrauischen Nachbarn demonstrieren will, dass wir hier als Gäste erwünscht und akzeptiert sind.
Als wir von einem kurzen Spaziergang zurückkommen, der uns an einer kleinen Wachol¬derheide mit Silberdisteln und einer seltenen Orchideenart, die nur in diesem Tal wächst, vorbeigeführt hat, sind die Nachbarn dabei, Blümchen zu pflanzen. Sie pus¬seln rum und gießen wie die Wilden. Am Rande unseres Stellplatzes lehnen ein paar Bretter an einer Konifere. Dahinter entdecken wir fünf aufeinander gestapelte Autoreifen. Ein paar Schritte weiter hat das Schlitzohr begonnen, eine weitere Terrasse mit Kies aufzuschütten, wo er Rad¬kappen und Kabel lagert. Uns wundert nur, dass er noch keinen Nato-Draht um sein Häusle gezogen hat. Wird er wohl tun, wenn die Mitgliederversammlung der Dauer¬camper entschei¬det, dass er seinen ganzen Kram wieder abreißen muss...
Unten auf dem Parkplatz steht seit zwei Tagen ein riesiger Caravan mit Zeltvorbau. Eine zierliche, hübsche junge Frau hatte gestern von einem Pritschen-LKW das dazugehörige Gestänge und diversen Hausrat abgeladen. Inzwischen sehen wir unter dem Vorzelt eine Kochstelle, einen Tisch mit Stühlen und anderes Mobiliar. Zuerst hatten wir an Vorbereitungen für ein Dorffest gedacht, doch da sich in dieser Hinsicht nichts getan hatte, nehmen wir an, dass es Sinti oder Roma sind. Er ist ein hübscher Machotyp mit gegeelter Elvistolle. Einmal rasiert er sich neben mir im Waschraum und ich kann aus den Augenwinkeln sehen, wie er sich selbstverliebt im Spiegel bewundert. Tags¬über scheint er mit dem LKW unter¬wegs zu sein. Sie fährt mehrmals am Tag mit einem Daimler neueren Baujahrs die Steige zu den Sanitär¬anlagen hoch, um ent¬weder Wäsche oder sich die Haare zu waschen. Dabei hat sie immer zwei kleine Kin¬der im Schlepptau.
Burg Reußenstein
Ein erster Schauer hatte gestern Abend das Wetter der nächsten Tage angekündigt, und wir hatten den Rest des Abends gemütlich im Auto verbracht. Jetzt fahren wir unter einem tiefliegenden Himmel von Wiesensteig aus die Serpentinen¬straße hoch, die nach dem, was wir in den letzten Tagen kennengelernt haben, im¬mer noch die harmloseste Steige zu sein scheint. Wir haben uns damit abgefunden, dass unser Tal wie ein Treppenpodest auf halber Höhe am Albaufstieg liegt. Um irgendwo hin zu kommen, müssen wir entweder hoch, oder runter, was anderes gibt es nicht. Kommt man von Norden, liegen wir auf der Höhe, kommt man von Süden, liegen wir im Tal. Die Ost-West-Verbindung, die wir gestern ausprobieren wollten, ist wegen Bau¬arbeiten gesperrt. Heute fahren wir also zur Abwechslung hoch. Hinter Neidlingen parken wir auf einem riesigen Wanderparkplatz, der verlas¬sen im Nieselregen daliegt. Nach einigem Kartenstudium entscheiden wir uns für einen Weg, der auf der anderen Seite der Landstraße in ein Wäldchen hineinführt und ge¬langen nach kurzem Fußmarsch zur Ruine der Burg Reußenstein. Die steht mehr¬ge¬schossig und solide gemauert seit dem Ende des 13. Jahrhunderts auf einem stei¬len Felsen und ist nur über einen schmalen, rutschigen Pfad zugänglich. Wir sind die ein¬zigen Besucher heute, klettern über Treppen, durch modrige Gänge, stehen in kahlen Innenhöfen, die noch die einstige Aufteilung der Räume ahnen lassen, mes¬sen mit den Augen die Dicke der Mauern. Über uns nichts als Himmel mit einem Vo¬gelschrei darin, unter uns nichts als Tiefe und nach drei Seiten der Blick auf weites Land, ausgelegt mit einem Flickenteppich aus mühsam gepflügten, steinigen Fel¬dern, hell-ockerfarben bis braun-violett, in denen die graugrünen Schafweiden, mit dunklerem Wacholder gesprenkelt, wie die Endmoränen eines vegetabilen Glet¬schers versickern.
Zu der Burgruine gehört eine alte Sage: Ein Riese, der in einer auf der anderen Talseite liegenden Höhle wohnte und viel Gold besaß, beschloss, sich ein Schloss bauen zu lassen. Alle Handwerker der Um¬gebung wurden beschäftigt, doch als die Burg fertig war, stellte der Riese fest, dass am obersten Fenster ein Nagel fehlte. Und bevor dieser Nagel nicht eingeschlagen wäre, würde er die Handwerker nicht bezahlen. Obwohl die Meister den zehnfachen Lohn in Aussicht stellten, fand sich niemand, der sein Leben riskieren wollte. Da meldete sich ein Schlossergeselle, der die Tochter seines Meisters liebte, und sie ihn, aber weil er arm war, wollte der Meister sie ihm nicht zur Frau geben. Der Riese war beeindruckt von seinem Mut und half ihm, indem er ihn am Genick packte und über dem steilen Abgrund festhielt. Der Schlossergeselle konnte den Nagel ein¬schlagen und bekam nicht nur einen Sack Gold geschenkt, sondern auch des Meisters Töchterlein zur Frau...
Das Grab des Musikers
Um nach Zainingen zu kommen, müssen wir wieder ins Tal hinab. Auf dem Friedhof des kleinen Dorfes wollen wir das 'Zigeunergrab' besuchen. Erst nachdem wir den alten Totenacker um die Kirche herum und den neuen Teil des Friedhofs Gräberreihe für Gräberreihe ohne Erfolg abgesucht haben, fällt uns ein, dass wir gelesen hatten, der Zigeuner sei als einer der ersten außerhalb der alten Friedhofsmauer begraben worden. Und tatsächlich, es ist die erste Grabstätte direkt an der Mauer. Ein Grabmal aus rötlichem Sandstein mit dem runden Foto eines bärtigen Mannes, der einen spitzen Tirolerhut auf dem Kopf trägt. Darunter die Worte:
Hier ruht
Jakob
Reinhardt
von Musik
Kreis Schlettstadt
geb. 4.Sept. 1863
gest. 20. Aug. 1925
R. I. P.
Auf dem Sockel steht:
Hier ruh ich auf dem Gottesacker,
tu auf Kinder und Enkel warten,
Kinder und Enkel, geht nicht vorbei,
denkt, dass ich Euer Vater sei!
Im August 1925 war eine Zigeunersippe durch Zainingen gekommen, wo ihr Ober¬haupt Jakob Reinhardt schwer erkrankte und starb. Um ihn würdig begraben zu kön¬nen, gingen die Mitglieder der Sippe im Dorf von Haus zu Haus, um sich Trauer¬kleidung zu borgen. Trotz aller Skepsis dem fahrenden Volk gegenüber rückten die Zaininger ihre schwarzen Anzüge und Kleider raus, die sie nach der Trauerzere¬monie in bestem Zustand zurück bekamen. Seitdem wird das Grab bis zum heutigen Tag von einer Frau aus dem Dorf gepflegt. Als wir davon lasen, hatte uns der Name Reinhardt mit dem Zusatz von Musik interessiert, denn es hätte ja ein Vorfahre der großen Zigeuner-Jazzer Schnuckenack Reinhardt und Django Reinhardt sein kön¬nen. Wie dem auch sei, wir erweisen als spätgeborene Wahl-Enkel dem Jakob un¬sere Reverenz...
In Zainingen war Köhler aufgefallen, dass die Häuser dieses Dorfes viel besser ge¬baut sind als in Böringen, und am Ende desselben rechts an der Straße, die sehr kothigt war zwei kleine Seen sind, die ziemlich reines Wasser zu haben schienen... Vermutlich sind es nicht blos Behälter des gesammelten Regen Wassers, wie sonst auf der Alp, sondern das Product einer lebendigen Quelle. An dieser Hüle, wie die Dorfweiher auf der Alb heißen, kommen wir vorbei und erfahren später, dass sie eine der letzten ist, die es auf der Alb noch gibt. Läßt man die Tatsache beiseite, dass fast bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mensch und Tier gemeinsam aus diesen Tüm¬peln ihren Wasserbedarf decken mussten, so sieht es sehr idyllisch aus. Diese Hüle strahlt einen eigenartigen Zauber, eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, dass man sich tatsächlich um 200 Jahre zurückversetzt fühlt. Irgendwann reißen wir uns los von dem Anblick und sind froh, dass wir mit etwas mehr PS als Köhler die verschlafene Eigenheimarchitektur hinter uns lassen können...
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