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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Schwäbische Alb 2001

Von Rottenburg am Neckar nach Rothenburg ob der Tauber - ein Reisebericht

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Hechingen, Hohenzollern, F. Köhler, Tübingen, Reutlingen, Urach, Wurmlinger Kapelle, Gruibingen, Ulm, Blaubeuren, Buttenhausen, Schwäbisch Gmünd.
 

Darf der Mensch in eine Höhle pinkeln?
Vormittags waren wir hoch auf die Schopflocher Alb gefahren. Wir parkten beim Otto-Hoffmeister-Haus, einem Restaurationsbetrieb, vor dem eine Gruppe von Leuten mit Kniebundhosen herumstand. Wir befürchteten schon das Schlimmste, doch sie ver¬schwanden alle in der Kneipe, und das Schopflocher Torfmoor gehörte uns ganz allein. Wir guckten uns die Augen aus dem Kopf, doch etwas, das wie Moor aussah, konnten wir nicht entdecken. Aber wir grämten uns nicht weiter und machten einen erhol¬samen Spaziergang durch das ausgedehnte Naturschutzgebiet, das aus nichts als Feld und Wald und Wiese unter einem blaßblauen Spätsommerhimmel bestand, über den weiße Federwölkchen zogen. Bei dem anschließenden halbherzigen Versuch, mit dem Auto zum Randecker Maar zu gelangen, verirrten wir uns so gründlich, dass wir erst unmittelbar vor dem Schild, das eine 17-prozentige Gefällstrecke ankündigte, zur Besinnung kamen, stoppten, auf einem Feldweg wendeten und zum Platz zurückfuhren. Vorher hatten wir in Wiesensteig noch kurz in die Fleischboutique des Metzgers rein geschaut, wo wir etwas Schnelles für die Pfanne kauften und uns nebenbei nach dem Preis für Schweinegehacktes erkundigten: 14 Mark das Kilo. Also liegt der Gruibinger Metzger mit seinem Preis durchaus im ortsüblichen Bereich. Auch wenn er noch das Datum mit draufgeschlagen hatte.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf zur Schertelshöhle. Das Sträßchen auf dem 850 Meter hohen Westenberg oberhalb Wiesensteigs schlängelt sich über ein Hoch¬plateau, wo nur eine einsame alte Linde vor dem gewaltigen Horizont steht. Vom Parkplatz am Waldrand führt ein steiler Fußweg hinunter zum Eingang der Höhle. Da mangels Besucherandrang heute keine Führungen stattfinden, bekommen wir einen Plan der Höhle und ein kleines Taschenlämpchen (für Notfälle), mit dem man noch nicht mal das Haustürschlüsselloch finden würde, in die Hand gedrückt und werden durch eine Eisentür über eine steile Treppe in die Unterwelt entlassen. Da hängen die Titen von der tropfenden Decke und die Miten wachsen ihnen sehn¬süchtig seit Jahrmillionen entgegen. Heute dürfen wir, da nicht unter Kuratel, ihre feuchten Rundungen streicheln. Ich erlaube mir sogar, von dem unaufhörlichen Ge¬sickere um mich herum animiert, verstohlen in eine dunkle Ecke zu pinkeln. Das mußten die Riesen und Zwerge und Wollnashörner und Bären und Säbelzahntiger, was weiß ich, wer sich in diesen Gängen sonst noch alles rumgetrieben hat, schließlich auch, ohne dass die Titen gleich von der Decke gefallen wären.

Da wir einmal in der Gegend sind, steigen wir noch einen wirklich steilen Pfad, der zum Glück durch Treppenstufen strukturiert und durch ein wackliges Geländer ge¬sichert ist, in ein Tälchen hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf, wo sich das große schwarze Maul vom "Steinernen Haus" vor uns auftut, eine zwar er¬forschte aber nicht domestizierte Höhle, in der die Nonnen des nahegelegenen Wiesensteiger Klosters vor der plündernden Soldateska des 30-jährigen Kriegs Zuflucht gesucht ha¬ben sollen und deren schwarzen Schlund wir ohne Bedauern den Fledermäusen als Winterquartier überlassen.

Als wir wieder beim Auto angelangt sind, fühlen wir uns ziemlich groggy. Auf dem Platz fängt es an zu regnen. Während wir im Auto sitzen, würzigen Grünfelder Käse essen und uns einen Trollinger leisten, haben wir beide das Gefühl, entweder einen Sonnenbrand im Gesicht zu haben oder kurz vor einem Schlaganfall zu stehen, so rote Köpfe haben wir. Wir nehmen an, dass uns das Reizklima und das ständige Rauf und Runter, aus dem diese Landschaft besteht, zu schaffen macht.

Der jüdische Friedhof von Buttenhausen
Butten¬hausen ist ein kleines, graues Dorf im Tal der Lauter. Hier war im Jahre 1787 vom Ortsherrn, dem Freiherrn von Liebenstein, 25 jüdischen Familien der sogenannte Judenschutzbrief ausgestellt worden, der ihnen erlaubte, sich in Buttenhausen nieder¬zulassen. Auch Köhler, der 1790 drei Wegstunden weiter nördlich, wo das Lautertal beginnt, vorbeigekommen war, hatte davon gehört, dass diß Pfarrdorf unter seinen Einwohnern mehrere Judenfamilien hatte. Das war ihm deshalb der Erwäh¬nung wert, weil ihm ein Grundgesez des Landes bekandt ist, das alle Duldung der Juden im Lande verbietet...

Nicht nur Menschenfreundlichkeit hatte den Freiherrn dazu bewogen, den Juden das Recht einzuräumen, mit Vieh und Getreide zu handeln oder als Handwerker und Geldwechsler tätig zu sein, auch der üppige Nebenverdienst durch Abgaben und Sondersteuern, die sie für ihr Wohnrecht an den Ortsherrn zahlen mußten, spielte eine Rolle. Im Verlauf mehrerer Generationen entwickelte sich ein blühendes Ge¬meinwesen, in dem Juden und Christen friedlich zusammen lebten. 1801 zählte man neben 226 christlichen Einwohnern 140 Juden, 1827 waren 47 Hausbesitzer jüdi¬schen und 42 christlichen Glaubens. Im Jahre 1870 gab es 442 jüdische und 392 christliche Einwohner. 1925 lag der jüdische Einwohneranteil bei 20 Prozent, der 60 Prozent des Steueraufkommens erwirtschaftete…

Als im November 1938 in ganz Deutschland die Synagogen brannten, brannte auch die in Buttenhausen. Doch die örtliche Feuerwehr löschte den Brand. Erst am nächsten Morgen wurde sie von aus Münsingen herbeigeeilten SA-Horden, die den Bürgermeister Hirrle, der sich ihnen mit gezogener Pistole entgegenstellte, auf dem Rathaus festsetzten, erneut angezündet und die Feuerwehr mit Gewalt am Löschen gehindert. 1941 gab es noch 31 Juden in Buttenhausen. Ab 1944 keine mehr.

Am ehemaligen Mikve, dem Frauenbad vorbei gehen wir die steile Straße zum alten jüdischen Friedhof hoch. Wir kommen nach ein paar Schritten an der Stelle vorbei, wo die Synagoge stand. Vor dem Panorama einer ausgedehnten Wacholderheide auf der anderen Talseite steht ein Stein, in den ein siebenarmiger Leuchter und ein Davidstern eingemeißelt sind. Eine Gedenktafel klärt darüber auf, was hier geschah.

Bei den letzten Häusern geht die Straße in einen steinigen Feldweg über, der nach ein paar hundert Metern an der Pforte des Friedhofs endet. Während unseres Auf¬stiegs, vorbei an den blitzenden Einfamilienhäuschen, hatten wir versucht uns vorzustellen, wie schwer die Särge ihren Trägern damals geworden sein mussten. Das an einem steilen Hang inmitten alter Bäume gelegene Gelände ist unaufdringlich gepflegt. Die teil¬weise reich verzierten alten Grabsteine sind fast ausschließlich mit hebräischen Schriftzeichen bedeckt. Manchmal entdecken wir ein paar deutsche Worte, so auf dem Sockel eines Steins aus dem Jahre 1919:

Laßt sie ruhn nach kurzem Ringen
In der Erde kühlem Schoß
Nur ihr Geist kont frei und groß
Aufwärtz sich zum Äther schwingen

Auf dem Stein einer 1925 gestorbenen Frau lesen wir, dass ihr Sohn Moritz 1917 in Frankreich gefallen ist... Die letzten zehn Gräber, ganz oben am Hang, bestehen aus einheitlichen flachen Zementblöcken. Die darunter liegen, waren alle jenseits der Achtzig als sie in den Jahren zwischen 1932 und 1943 starben. Danach gab es keine mehr, die hier hätten bestattet werden können. Einige wenige hatten noch emigrieren können, die anderen waren in Hitlers KZs umgebracht worden. An diese erinnert ein Kreis in die Erde gesteckter, einseitig geschwärzter Holzlatten mit je einem Namen darauf. Auf fast jeder Latte liegt ein kleiner Stein. Ein jüdischer Brauch, der bedeutet: es ist jemand hier gewesen und hat an euch gedacht. Auch wir legen, da wo eine heruntergefallen ist, eine Blume aus Stein nieder.

Am Hang auf der anderen Talseite sieht man auf gleicher Höhe den christlichen Friedhof liegen. Wenn auch räumlich getrennt, hatte man sich doch immer im Blick gehabt - auf gleicher Augenhöhe...

Bei der Ehrenfelserseenixe
Durchs idyllische Lautertal fahren wir weiter in Richtung Zwiefalten. Wieder eine dieser Landschaften, wo man aussteigen und wandern möchte. Kurz vor Zwiefalten folgen wir dem Hinweisschild zur Friedrichshöhle, besser als Wimsener Höhle be¬kannt. Wir stehen in einem engen Tal, durch das munter die Lauter über ein Wehr plätschert, das zu einer alten Mühle, die jetzt ein Restaurant ist, gehört. Bis zur nächsten Führung haben wir noch eine knappe halbe Stunde Zeit. Wir gehen ein paar Schritte entlang des Bächleins im Schatten der zusammengewachsenen Kro¬nen alter Buchen, die nur spärlich das Tageslicht durchlassen. Es ist grün und feucht, die Forellen stehen bunt schillernd und groß wie Karpfen in der Strömung hinterm Wehr, und wir meinen, uns in einem Schubert-Lied zu befinden.

Vorm Eingang der Höhle wartet ein Nachen auf uns mit einem ca. 40-jährigen lang¬haarigen Gondoliere, der große silberne Gehänge in den Ohren trägt. Hoffentlich singt er nicht, der schwäbische Späthippie. An den Höhlenwänden sich abstoßend, steuert er den Nachen geschickt übers mild glucksende Wasser und schwäbelt uns dabei mit Geschichten voll, die alle irgendwie mit der Höhle zu tun haben müssen. Immerhin haben wir so viel verstanden: In der Höhle entspringt ein kleiner Fluß, die Zwiefalter Ach. Deshalb führt die Höhle ständig Wasser und kann nur bis zu einer Tiefe von 70 Metern befahren werden. Der unterirdische Teil des Höhlensystems, der durch einen Erdeinbruch teilweise trockengefallen war, konnte bisher etwa einen Kilometer weit durchtaucht werden...

Auf einer Ansichtskarte hatten wir das Foto einer steinernen Seenixe im leider unzu¬gänglichen Teil der Höhle gesehen. Es ist der Torso eines üppig aus dem Felsge¬stein hervorquellenden Weibs mit langen lockigen Haaren. Wir wollen näheres über die Ehrenfelserseenixe erfahren, bekommen auch freundliche Auskunft, aber leider ist unsere Kenntnis der Schwäbischen Sprache immer noch sehr mangelhaft. Nur so¬viel können wir uns zusammenreimen: Die Höhlenforscher haben etwas vollendet, was die Natur vorgeformt hat...

Auf dem Rückweg machen wir einen kurzen Abstecher nach Zwiefalten mit seiner Klosterkirche Zur Lieben Frau, wo wir unsere Augen mit einer Farborgie aus Hellrosa, Weiß und Gold mit einem kontrapunktischen Blau darin verwöhnen. Als architekto¬nische Laien nehmen wir zwar nur den Gesamteindruck wahr, aber der ist überwältigend. Läßt man die religiöse Thematik beiseite, bietet sich ein Bild vollendeter Harmonie. Die Kirche ist, obwohl das Kloster säkularisiert wurde und heute das Psychiatrische Landeskrankenhaus beherbergt, immer noch eine Kultstätte der Marienverehrung. Christusdarstellungen kommen nur am Rande vor.

Wir fahren weiter über die Oberschwäbische Barockstraße, die in auch im kleinsten Dorf an einer prächtigen Kirche vorbeiführt. In Riedlingen mit seinem Markt und einigen schönen Fachwerkhäusern trinken wir etwas auf der Terrasse eines Bistros und fahren dann, einen Umweg übers Donautal machend, ohne den Fluß jemals zu Gesicht zu bekommen, weiter bis nach Ehingen und von dort auf der Bundesstraße über Blaubeuren, Feldstetten, Wiesensteig zurück zum Platz in unserem Tal auf der Höhe.

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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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