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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Schwäbische Alb 2001

Von Rottenburg am Neckar nach Rothenburg ob der Tauber - ein Reisebericht

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Hechingen, Hohenzollern, F. Köhler, Tübingen, Reutlingen, Urach, Wurmlinger Kapelle, Gruibingen, Ulm, Blaubeuren, Buttenhausen, Schwäbisch Gmünd.
 

Regen in Schwäbisch Gmünd
Gestern hatte es schon unterwegs zu regnen begonnen, doch auf dem Platz hörte es nach zehn Minuten auf, und wir konnten uns zwei Schnitzel in die Pfanne hauen. Mal tröpfelte es, mal nicht, dann konnten wir aber doch noch von acht bis halb elf vorm Iglu sitzen und dem Schuhu des Uhus lauschen...

Gegen Morgen hören wir, wie der Sturm in den Wäldern braust. Ich stehe kurz nach Sieben auf. Als ich den Reißverschluß des Zeltes öffne, beginnt es zu regnen und hört den ganzen Tag über nicht mehr auf.

Über Göppingen, Lorch fahren wir nach Schwäbisch Gmünd. Wir gehen zum Markt¬platz. Köhler würde ihn wohl als regelair bezeichnet haben. Fachwerk, ein paar Ba¬rockfassaden, ein bißchen Glas und Stahlbeton. Solide, unaufdringliche Mischung. Durch eine hohe Toreinfahrt neben der Touristeninformation gelangen wir auf den Innenhof des Spitals zum Heiligen Geist, in dem sich jetzt ein Altersheim befindet. In der Studentenkneipe Exlibris sitzend, blättern wir ein bißchen in dem Informations¬material, das wir uns gerade besorgt haben. Hatten wir bis jetzt mit dem Namen des Städtchens verschlafenste schwäbische Provinz assoziiert, so lassen wir uns heute eines besseren belehren: Es gibt Schulen für Gold- und Silberschmiede, eine Pädagogische Hochschule, an der Fachhochschule für Gestaltung werden künftige Designer ausgebildet, die University of Maryland, USA, hat hier ihre einzige Außenstelle in Übersee…

In der Johanniskirche, einer romanischen Basilika am anderen Ende des Markt¬platzes, hat man im linken Seitenschiff die Original-Wasserspeier vom nahegele¬genen Heilig-Kreuz-Münster ausgestellt. Das ist ein wahres Gruselkabinett von Dä¬monen und Hexen aus grauem, teilweise arg verwitterten Kalkstein. Die Hexen, die manchmal auf einem Besen reiten, haben sogar Brüste. Bei manchen tierischen Fa¬belwesen sind die Geschlechtsteile angedeutet. Die allseits aufgerissenen Münder oder Mäuler geben den Figuren eine eigenartige Dramatik, denn hier unten, wo sie nicht mehr Wasser speien müssen, wirken sie wie zum Schrei aufgerissen. In diesen Skulpturen, die ganz profanen Zwecken dienten und in einer Höhe angebracht wa¬ren, wo Details mit bloßem Auge nicht mehr erkennbar sind, haben die Steinmetze ihre gar nicht christlichen Fantasien ausleben können.

In der Nähe des Eingangs verkauft eine freundliche ältere Dame Postkarten und Prospekte. Sie beantwortet unsere Fragen in einem Deutsch mit hartem, rollenden R. Wir erfahren, dass es viele Tschechien-Deutsche (sie meint wohl Sudentendeutsche) in Schwäbisch-Gmünd gibt. Brünn ist Partnerstadt.

Ein paar Schritte weiter das Heilig-Kreuz-Münster, das außen eine Baustelle ist, da die erwähnten Wasserspeier erneuert werden, diesmal aus Muschelkalk, der halt¬barer sein soll, als der normale Kalkstein. Im Inneren finden wir Barockes, viel Holzgeschnitztes und ein paar schöne Glasfenster. Auf Knopfdruck kann man architektonische Details mit einem Spot ausleuchten, u.a. hat sich auf der Orgelempore der berühmte Bau¬meister Parler mit seiner kotzenden (!) Frau an der Seite verewigt...

Da es weiterhin kleine Hunde regnet, gehen wir nur ein paar Schritte weiter zum Pre¬diger, dem ehemaligen Kapuzinerkloster, in dem sich heute das Museum für Natur & Stadtkultur befindet. Das versucht, einen großen Bogen von den Funden auf dem Bo¬den des Jura-Meers vor 170 Millionen Jahren bis zur Gegenwart zu spannen. Da hat ein deutscher Professor 1953 eine systematische Einteilung der Lebens¬spuren auf dem Grund des Urmeers erfunden. Da erfahren wir von Ruhespuren, Liegespuren, Spreitenbauten, Freßspuren, Weidespuren, Stoffwechselspuren (verur¬sacht von Ko¬prolithen, weniger fürnehm: von fossilen Scheißhäufchen), Kriechspu¬ren, Wühlge¬füge, Rippelmarken, Oszillationsrippeln, Strömungs- oder Fließrippeln, Kreuzrippeln, Kleinrippeln, Großrippeln...

Als wir bei den Vendobionten im obersten Stockwerk angelangt sind, werfen wir ei¬nen sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster und erfreuen uns einen Augenblick am Anblick der Wassermassen, die sich in Kaskaden über's schräge Blechdach in die schäumende Dachrinne stürzen... Wir streifen noch ein bißchen durch die staufische Geschichte der Stadt, sehen eine wunderbare anonyme Kopie von Hans Baldung Griens Das Frauenbad, betrachten sehr interessiert (KB zumindest) eine Sammlung erotischer Elfenbeinminiaturen und landen schließlich am Ende unseres Rundgangs bei dem einheimischen Maler Peter Jakob Schober, dessen Bilder uns gut gefallen. Das Mädchen aus der Rue St. Paul könnte von Manet stammen. Jetzt ist der Kopf so voll, dass die Augen nichts mehr wahrnehmen wollen und die Füße immer schwerer werden. Es hat sich gelohnt, aber nun brauchen wir einen be¬quemen Stuhl und einen Kaffee. Oder ein Bier. Als wir ins Freie treten, sind die Geschäfte geschlossen, die Gas¬sen verlassen, und es regnet. Auf der Suche nach einer Kneipe schauen wir noch kurz in die barocke Franziskanerkirche, wo der Organist, der sich unbelauscht wähnt, gera¬de flotte Weisen improvisiert und landen schließlich in Carstens Schlupfloch, einem netten kleinen Bistro, wo offensichtlich die Ohrring-Szene Schwäbisch Gmünds ver¬kehrt und wo wir uns von den 170 Millionen Jahren Geschichte unter- und oberhalb der Meeresoberfläche erholen.

Als wir wieder beim Auto angelangt sind stellen wir fest, dass es aussieht, als sei es durch die Waschanlage gefahren worden… Da wir noch die Salvator-Kapelle etwas außerhalb der Stadt heimsuchen wollen, biegen wir in eine Straße ein, die laut Plan dort hinführen müsste und landen in einer Sack¬gasse... Kurz nach dem Start hatte die Batterieanzeige geblinkt, was sie, in unregelmäßigen Abständen, nun immer öfter tut. Als RR auch noch einfällt, dass sie letzte Nacht davon geträumt hatte, dass die Batterieanzeige blinkt, verzichten wir weise auf die weitere Suche nach der Salvator-Kapelle, zumal wir bei diesem Wetter den Weg eh nicht gefunden hätten. Die Batterieanzeige scheint sich beruhigt zu haben, doch als wir kurz vor Lorch durch eine große Pfütze fahren, blinkt sie wieder heftig und wir halten am Ortsausgang vor der Garageneinfahrt eines Einfamilienhauses, rufen den ADAC an und preisen die Erfindung des Mobiltelefons.

Eine knappe Stunde sitzen wir in unserer Blechkiste und betrachten stoisch die Was¬sermassen, die rings um uns niederrauschen. Ignorieren tapfer die Blicke, die, ver¬borgen hinter den Gardinen der Reihenhausfenster, Löcher in die Karosserie bren¬nen möchten. Zum Glück stehen da die Twin Towers in New York noch, sonst wären wohl die Grünen vor dem Gelben dagewesen. Der ADAC-Engel, der gleich mit dem großen Abschleppwagen gekommen ist, stellt folgende Diagnose: Der Keilriemen hat sich gelockert, weil der Halter der Lichtmaschine ziemlich im Eimer ist. Nur mit einem Schraubenzieher und einem Vierkantschlüssel, den ich dankenswerterweise fest¬halten darf, versucht er den Keilriemen zu straffen. Wir wissen, es ist eine Notope¬ration, doch sie gelingt. Er legt uns noch nahe "in nächster Zeit" eine Werkstatt auf¬zusuchen, und wir schaffen es ohne Probleme zurück zum Platz.

Dort ist es auch nicht gerade trocken. Um uns Schupfnudeln mit Gulaschsuppe in den Topf hauen zu können, müssen wir von den gerade abwesenden Nachbarn Holzbretter entleihen, die wir als Behelfsbrücken über die Bächlein legen, die zwischen Esszimmer und Küche gurgeln. Unten in der Kneipe ist schwer was los. Wir hören Autotüren knallen, unter Regenschirmen hasten feierliche Anzüge und Stöckel die zum munteren Bächlein gewordene Auffahrt hoch, der große Saal füllt sich. Unsere Neugier ist erst befriedigt, als wir sehen und hören, wie Berge von Ke¬ramik, Glas und Porzellan, darunter eine ganze Kloschüssel, auf dem Plattenweg vor der Kneipe lautstark scheppernd entsorgt werden: Polterabend!

Ehe es ganz dunkel wird, kommt noch ein älteres Weiblein die Steige hochgekeucht und klopft erst schüchtern, dann energischer an die hölzerne Zeltverkleidung der Nachbarn. Kopfschüttelnd vor sich hin brabbelnd geht sie wieder runter zur Kneipe. Wir sitzen hinter unserem Regenvorhang und voyören ungeniert.

Wandertag
Der Winkelbach, der die ganze Zeit über ein kleines Rinnsal war, ist zu einem Flüsschen geworden, das, zum Glück zu weit entfernt, um uns wegschwemmen zu können, unterhalb unseres Zeltplatzes dahinrauscht. Wir können einigermaßen trocken fühstücken bis gegen 10:00 Uhr wieder Regen einsetzt. Das Auto darf sich ausruhen. Heute ist Wandertag. Wir wollen auf den Bossler, den Hausberg Gruibingens. Auf dem einsamen Waldweg, der in sanften Serpentinen nach oben führt, werden wir immer wieder von Autos überholt, die vollgepackt sind mit Jugendlichen. Wir wundern uns, bis wir an einem Baum einen Zettel ent¬decken, der uns aufklärt, dass heute auf dem Berg ein Volleyball-Turnier stattfindet. Nach einer Stunde haben wir die Schutzhütte und das Wiesle auf 700 Metern Höhe erreicht, wo die jungen Leute hinter den Bällen herhechten.

Nach einer weiteren Viertelstunde sind wir weit und breit die einzigen Menschen, die durch eine tolkiensche Auenlandschaft wandern. Der Himmel ist so hoch, dass wir ihm seine Undichte vergeben. Erst, als wir fast bis zum Schwarzwald hin das Schwabenland wie in einer Spielzeugkiste vor uns liegen sehen, wird uns klar, dass wir über 800 Meter hoch sind.

Bei den „Jahrhundertsteinen“ werden wir daran erinnert, in welcher Welt wir leben. Drei aufrecht stehende Felsplatten aus Jura-Kalkstein bilden einen begehbaren Raum, eine Metapher für den Zeitraum des 20. Jahrhunderts. Auf die bearbeiteten Flächen hat der Bildhauer ca. hundert Worte, Begriffe, Ideen, die das Jahrhundert geprägt haben, eingemeißelt, wie zum Beispiel: BETON, ARBEITSLOSIGKEIT, KOMMUNISMUS, FASCHISMUS, PSYCHOANALYSE, HOLOCAUST, usw. Vor dem grandiosen Panorama der Landschaft, über die man nur den Wind pfeifen hört, dröhnen manche Worte wie ein Paukenschlag.

Unweit eines Naturfreundehauses verzehren wir unsere Stullen und genießen den Blick ins Tal. Es hört zwar auf zu regnen, doch die Temperaturen sind winterlich, um acht Uhr morgens hatten wir 5 Grad gemessen, und wir bedauern, keine Handschuhe dabei zu haben. Um wieder warm zu werden, machen wir uns an den Abstieg auf einem Weg, der hart am Rande des Traufs entlang führt. Unten müßte laut Karte Bad Boll liegen. Mit Buchen bewachsene Abhänge führen steil in die Tiefe, aus der wir das dezente Rauschen der Autobahn hören. Als es drauf ankommt, hört die Kennzeichnung des Wanderwegs auf. Wir müssen uns zwischen zwei Wegen entscheiden und nehmen den, der nach unten führt, was uns offensichtlich einen Abzweig verpassen läßt, denn wir kommen leider nicht am Anfang des Rundwanderwegs raus. Zwar schaffen wir es, ins Tal zu gelangen, das Dorf heißt auch Gruibingen, doch sind wir - die Leistungsfähigkeit unserer Füße als Maßstab genommen - am falschen Ende des Dorfes, und die Straße ist verdammt lang und auch noch eine Baustelle.

So kämpfen wir uns also gottergeben durch Sand- und Kieswüsten, balancieren auf schwankenden Brettern über Entwässerungsgräben und verfluchen bald die Sonne, die jetzt, da wir sie nicht brauchen können, hervorkommt. Hätten wir vorher gewußt, wie abenteuer¬lich die Landschaft hier unten ist, wären wir gar nicht erst auf den Berg gelatscht. So müssen wir aber durch, und die Zunge hängt immer länger aus dem Hals. Wie meistens haben wir auch heute Glück im Unglück: die bloße Vorstellung, dass wir an einem Werktag diesen heute in sonntäglicher Ruhe geparkten, unhandlichen, lär¬menden Baumaschinen hätten begegnen müssen, läßt uns noch ein bißchen zusätzlichen Angstschweiß auf die Stirn treten.

Nachdem wir den langgezogenen Abenteuerspielplatz hinter uns haben, müssen wir noch diagonal über den Hügel durch eine Reihenhaussiedlung, die so idyllisch ist, dass wir uns wieder zur Baustelle zurücksehnen. Als wir unser Iglu erreicht haben, stellen wir fest, dass wir 4 Stunden unterwegs waren. Wir können noch eine Viertel¬stunde die Sonne genießen und etwas zu essen machen. Dann fängt es wieder an zu regnen. Wir sitzen im Auto und trinken Glüh¬wein, damit die Hände warm werden. Ein tiefsinniges Gespräch über die Vorzüge und Nachteile von Urlaub am Meer oder in den Bergen führt zum Ergebnis, dass wir jetzt lieber am Meer wären. RR notiert ihre Wander¬bekleidung: Unterhemd, zwei Pullover, blaue Winterjacke, Halstuch, zwei Hosen übereinander, Wollsocken, rote Stiefel... Na ja, so lange es nicht schneit...

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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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