Regen, Regen…
Als erstes waren wir morgens in die Werkstatt nach Gruibingen gefahren. Anzumerken ist, dass es eine Werkstatt direkt an der Hauptstraße gab, die uns im Vorbeifahren schon früher aufgefallen war. Vorsichtshalber hatten wir aber den Platzwart gefragt, ob er uns die Werkstatt empfehlen könne. Er riet ab und beschrieb uns eine zweite Werkstatt in einer Seitenstraße, die besser und billiger wäre. Der dortige Juniorchef schaute sich die Sache an und meinte, er müsse die Halterung erst besorgen. Wir sollten morgen anrufen. Er meinte auch, wir könnten ruhig noch damit rumfahren. Also fahren wir jetzt durchs Filstal ins nicht weit entfernte Geislingen. Zum ersten mal müssen wir nicht über einen Berg oder in ein Tal hinab, um irgendwo hin zu kommen, dafür regnet es ununterbrochen. Was Geislingen nicht gerade attraktiv macht, zumal auch noch ein eisiger Wind durch die Gassen fegt. Trotzdem schauen wir uns tapfer die mehrstöckigen, vorkragenden Fachwerkhäuser mit ihren geschweiften alemannischen Verplattungen an. Da wir durchgefroren sind, die zwei Kneipen, an denen wir vorbei kommen, einen trostlosen Eindruck machen und die evangelische Stadtkirche geschlossen ist, flüchten wir zurück zum Auto, wo wir erst mal volle Pulle die Heizung aufdrehen.
Auf dem Rückweg halten wir kurz in Bad Überkingen. Dort haben wie üblich, wenn wir kommen und Hunger haben, alle Kneipen Ruhetag. Die einzige geöffnete Futterstelle, das Golfhotel, wollen wir uns nicht antun. Wir fahren also weiter durch die schöne Auenlandschaft nach Deggingen, wo wir auf dem Hügel eine weiße Wallfahrtskirche entdecken, die nennt sich Ave Maria und ist ein Schmuckstück des Spät¬barock. Hinter dem zur Kirche gehörenden Kapuzinerkloster bewundern wir eine Nachbildung der Lourdes-Grotte in all ihrer Scheußlichkeit. Über einen abenteuerlich steilen Weg, der zum Glück teilweise treppenförmig ange¬legt ist, steigen wir in den Buchenwald hoch, vorbei am St.Anna-Brunnen, zur Original Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, Alt-Ave genannt. Wir müssen uns in einem Quellgebiet befinden, denn es rauscht und gurgelt und plätschert um uns her, dass man alle hundert Meter Harndrang verspürt. Über Alt-Ave läßt sich nichts weiter sagen, als dass sie wirklich betagt und etwas schäbig aussieht und überdies einem armen Rotkehlchen zum Gefängnis geworden ist. Wir können nur hoffen, dass der Liebe Gott nicht anderweitig zu sehr beschäftigt war und dem hektisch herumflatternden Vögelchen doch noch den Weg in die Freiheit gewiesen hat. Der grauenvolle Kitsch, der die "Lourdes-Grotte" und ebenso den St.Anna-Brun¬nen ziert, läßt darauf schließen, dass hier noch fleißig gewallfahrt wird. Und tatsäch¬lich hängt in einem Glaskasten neben dem Kirchenportal ein Zettel, der die nächste Wallfahrt ankündigt: am 8.10.2001 - von Russland-Deutschen…
Im Gasthaus 'Zum Hirsch' in Deggingen lassen wir uns, umgeben von Eiche rustikal und unter Hirschgeweihen sitzend, von gut bürgerlicher schwäbischer Küche verwöhnen, werfen anschließend einen Blick in die schmuddlige, barocke Hl. Kreuz-Kirche, vor der das Auto geparkt ist und sind am frühen Nachmittag wieder auf dem Platz, wo der Regen aufhört und wir sommerliche Temperaturen um die 12 Grad genießen können, die aber bald wieder auf 5 Grad absinken. Zum Glück sind die Sanitäranlagen solide gebaut und beheizt. Im Auto heizen wir mit Glühwein und schwören uns, nie wieder ohne Handschuhe loszufahren.
Nine/eleven im Funkloch
Es ist der 11. September 2001. Nach dem Frühstück rufen wir die Werkstatt in Gruibin¬gen an. Morgen früh um neun können wir das Auto vorbeibringen.
Irgendwie haben wir heute das Gefühl, dass die Luft bei uns raus ist, außerdem geht uns das Wetter ganz schön auf den Keks. Wir merken auch, daß wir es satt haben, erst endlose Serpentinen hoch oder runter fahren zu müssen, um irgendwo hin zu kommen, deshalb wählen wir den Hohenstauffen, einen der drei Kaiserberge, zum heutigen Ausflugsziel, da er auf dem gleichen topografischen Level liegt wie Gruibingen. Nachdem wir im Dorf Hohenstauffen das Auto geparkt haben, steigen wir den ziemlich steilen Weg zum Gipfelplateau hoch, wo die Grund¬mauern der ehemaligen stauffischen Stammburg, auf der der Staufferkaiser Barbarossa einmal wenigstens besuchsweise geweilt haben soll und die 1525 von aufständischen Bauern geschleift wurde, noch zu erkennen sind. Obwohl man nach drei Sei¬ten einen weiten Blick übers Land hat, wissen wir nicht so genau, was wir hier sollen, denn das Land ist grau und die Welt ist kalt. Deshalb fahren wir bald zurück nach Deggin¬gen, wo wir einen Supermarkt finden, in dem wir einkaufen. Gegen drei sind wir wieder auf dem Platz, wo uns in unser¬en Winterklamotten nicht mehr so kalt wäre, wenn wir nur Handschuhe hätten...
Um kurz nach sieben hören wir, wie jeden Abend, die Mailbox ab. Um 18:30 hat Zarina eine Nachricht aufs Band gesprochen, erzählt etwas von New York. Eine halbe Stunde später eine Nachricht von einer aufgeregten Sarah, die auch etwas von New York erzählt. Sie hätte uns unbedingt anrufen müssen und hofft, dass wir gut zurück kommen. Wir gucken uns ratlos an. Schließlich gehen wir runter zur Telefonzelle, denn der Handyempfang ist hier sehr mies, rufen Sarah an und erfahren, was sich in New York ereignet hat, und dass man in Frankfurt gerade dabei ist, den Messeturm zu evakuieren...
Da der Radioempfang hier im Tal sehr schlecht ist und wir auch unterwegs nie einen gescheiten Sender reinbekamen, hatten wir es aufgegeben, Radio zu hören. Jetzt stürzen wir aber doch zum Auto, kramen das uralte Transistorgerät, das uns auf unseren Reisen immer begleitet, hervor, und es gelingt uns tatsächlich, ein paar Sender herein zu bekommen, so dass wir uns allmählich ein Bild von dem machen können, was in New York heute passiert ist. Eigentlich hatten wir erst am Freitag fahren wollen, doch gegen 9 Uhr, als wir das Ausmaß der Ereignisse zu ahnen beginnen, beschließen wir, dass - nicht zuletzt auch wegen des scheußlichen Wetters - unsere Reise zu Ende ist. Wir rufen Sarah an und teilen ihr mit, dass wir morgen nach Hause kommen.
Ratlos in Rothenburg
Um 9 Uhr fahren wir das Auto in die Werkstatt. Wir reden ein bißchen über die augenblickliche Weltlage und sind uns einig, dass Gruibingen zur Zeit der sicherste Ort auf der Welt ist. Der Chef meint, in einer Stunde könnten wir das Auto abholen. Wir laufen zurück zum Platz und kaufen beim Edeka, was es an Zeitungen gibt. Das ist nicht viel. Ein Provinzblättchen und die Zeitung mit den vier großen Buchstaben. Da sehen wir die Bilder, die wir sowieso schon im Kopf haben und lesen von großer Ratlosigkeit. Auf dem Platz sitzen wir ein bißchen im Regen herum und können schließlich um halb Elf das reparierte Auto abholen. Wir bauen das Zelt ab und brechen gegen Mittag im strömenden Regen auf in Richtung Frankfurt.
Bei Heidenheim fahren wir auf die Autobahn. Wir haben uns vorgenommen, da es am Wege liegt, dem berühmten Rothenburg ob. der Tauber noch einen kurzen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Wer weiß, wann wir nochmal in die Gegend kommen und ob es dann noch steht. Die Welt ist etwas aus den Fugen geraten, da seien sol¬che irrationalen Gedanken gestattet. Rothenburg im Dauerregen und abseits des touristischen Trampelpfads ist dann wirklich sehr reiz¬voll. Wir lassen Fachwerk Fachwerk sein und konzentrieren uns fast ausschließlich auf die Riemenschneider-Altäre, die wir zum ersten mal im Original sehen und die uns für lange Augenblicke die aktuelle Weltlage vergessen lassen, an die wir dann aber immer wieder durch an den Kirchenportalen hängende, hektografierte Zettel, die von Trauer und Soli¬darität mit Amerika reden, erinnert werden. Nachdem wir einen Zwiebelkuchen gegessen und unter vielen bunten Postkarten eine in schwarz-weiß gefunden haben, die einen Blick vom Faulturm auf die Stadt zeigt, wie sie aussah, nachdem sie noch kurz vor Kriegsende von den Alliierten bombardiert worden war, fahren wir auf der Romantischen Straße durchs lieb¬liche Taubertal weiter in Richtung Norden. Unterwegs hört es auf zu regnen, und die Septembersonne schickt ein paar milde Strahlen übers Land. Ein paar Stun¬den später sehen wir erleichtert von der Auto¬bahn aus am Horizont die unversehrte Skyline Frankfurts auftau¬chen...
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