|
||||
|
||||
|
|||||
KB: Aus 10 000 Metern Höhe wunderbar anzuschauen, die Salzfelder der Camargue, die, in allen Rosatönen leuchtend, sich mit einer sanft geschwungenen Küstenlinie vom erhabenen Blau des Mittelmeeres absetzen. Nach einer knappen halben Stunde taucht rechts das spanische Festland auf. Die Costa Brava liegt im hellen Sonnenschein, über Barcelona breitet sich ein Grauschleier. Im Terminal C, das an einen Provinzflughafen erinnert, fragen wir nach dem Barcelona Turismo, das sich auf dem Flughafengelände befinden soll. Die Dame am Schalter meint, wir müssten Terminal C verlassen und es im nächsten Gebäude versuchen. Doch wo ist das nächste Gebäude. Die Ausschilderung ist sehr schlecht. Im Lauf der nächsten halben Stunde finden wir mit Hilfe meines immer noch gut funktionierenden Küchenspanisch heraus, dass es noch ein Terminal B und ein Terminal A gibt, die alle ziemlich weit von einander entfernt sind, was lange Märsche in einer grauen Hitze bedeutet, die den Beton des Flughafengeländes mit einem schmierigen Film überzieht. Schließlich erreichen wir, nachdem wir, unsere Trollies hinter uns her ziehend, stoisch einen Fuß vor den anderen gesetzt haben, Terminal B, wo wir eigentlich hätten ankommen sollen und von wo wir laut Flugplan auch abfliegen werden. In der großen, gut gekühlten Halle mit einem Fußboden aus glänzenden roten Natursteinen fühlen wir uns schon eher wie auf dem Flughafen einer Metropole. Auch die Touristen-Information ist nicht zu übersehen. Wir werden von zwei freundlichen jungen Frauen begrüßt und bringen unser Begehr auf Englisch vor, was bei der einen, einer charmanten Blondine, sofort fast akzentfreies Deutsch aktiviert (Ich bin eine halbe Deutsche). Wir kaufen zwei Barcelona Cards, und bekommen Stadtplan und anderes Infomaterial in die Hand gedrückt. (Hier gleich der Hinweis, dass die 34 € pro Person, die man für die Barcelona Card zahlt, rausgeschmissenes Geld sind, es sei denn, man hat vor, jeden Tag in mindestens zehn Luxusläden Einkäufe zu tätigen oder in teuren Nobelrestaurants zu speisen oder ununterbrochen Museen zu besuchen. Nur um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Barcelona fahren zu können, hätte eine Dauerkarte für 5 Tage und 20 € gereicht. Nach Sabadell Sur, wo unser Hotel war, mußten wir eh zusätzlich bezahlen und eine Zehnerkarte kaufen. Beim nächsten Mal sind wir schlauer). Der Gang zum Tranvia Bahnhof zieht sich endlos über eine verglaste Brücke, die die breiten Zufahrtsstraßen zu den Terminals überspannt. Über ca. 100 Meter gibt es zwar ein Laufband, doch bei 31° C und einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent sind wir ziemlich erschöpft, als wir endlich den Ticketschalter für den Öffentlichen Nahverkehr erreichen, wo uns eine grimmige Matrone eine Zehnerkarte für die Strecke nach Sabadell verkauft. Durch ein kleines, nur angelehntes Türchen betreten wir den Bahnsteig. Dort haben bewaffnete Polizisten einen Halbkreis um eine Handvoll junger Männer gebildet, die mit Tunnelblick an der Glaswand der Station aufgereiht stehen. Wir denken erst, es handelt sich um eine Routinekontrolle illegaler Arbeitsimmigranten aus Nordafrika. Doch dann bemerken wir den Spanier, der, in knielangen Trekking Shorts (!) nicht wie ein Einheimischer, sondern eher wie ein ausländischer Tourist aussehend, mit den Polizisten diskutiert, dann wieder in den umliegenden Abfallbehältern wühlt und schließlich auf einen der sistierten Männer zeigt: Der da war’s, ich weiß es ganz genau, der da hat mir alles geraubt (me ha robado todo)... Etwas abseits die Frau und zwei pubertierende Töchter, erschrocken und verzweifelt. Offenbar war man dabei gewesen, in Urlaub zu fliegen und nun hatte man ihnen Tickets und alles Geld geklaut... Uns fällt sofort ein, was wir über Taschendiebstahl in Barcelona gelesen haben! In dieser Stressituation kann man nur versuchen, sehr konzentriert auf seine Sachen aufzupassen. Ich wurschtele die Gürteltasche mit Geld und Papieren unter den Gummizug meiner indischen Hose und komme mir ziemlich blöd dabei vor. Als die Bahn einfährt, frage ich einen der Wartenden, ob es für die Zehnerkarte im Waggon einen Entwerter gibt oder wie oder was. Der meint, ich müsse noch mal durch die Sperre und eines der Drehkreuze mit automatischem Entwerter passieren. Gleichzeitig winkt er ab Es igual... Doch die Frau an seiner Seite meint, es sei schon besser, wenn die Karte entwertet wäre. Also sagt er Venga und spurtet mit mir zur Sperre, auf der einen Seite raus und auf der anderen Seite, wo ich direkt neben dem immer noch angelehnten Klapptürchen das Kärtchen in einen Automaten schiebe, wieder rein. RR hat sich, mit unserem ganzen Gepäck alleingelassen, nur mit Mühe aus dem Strom der Aussteigenden, die an der den Bahnsteig zum Nadelöhr machenden Polizeiaktion vorbei zur Sperre drängen, an den Rand des Bahnsteigs retten können. Endlich sind wir im Zug. Ich bedanke mich bei dem freundlichen Ehepaar, mache ein bisschen Konversation und erzähle, dass wir in Sants nach Sabadell umsteigen wollen. Dann folgen sie uns am besten, wir müssen in die gleiche Richtung... Na gut, wie raffinierte Trickdiebe sehen sie nicht aus. Der Zug braucht endlos durch die staubige Melancholie ausgetrockneter Vorstadtghettos, an Plattenbauten vorbei, die auch in Magdeburg stehen könnten, bis er endlich im unterirdischen Bahnhof Sants einläuft. Der hat in etwa die Dimensionen der S-Bahnstation Hauptwache, aber fast den gesamten Schienenverkehr der Metropole zu bewältigen. Wir folgen dem freundlichen Paar: Treppe rauf, durch eine Sperre, Diskussion mit einem Bahnbeamten, Treppe runter, zu einem anderen Bahnsteig, wo in einigen Minuten unser Zug einlaufen soll. Die Bahnsteige sind voller Menschen, und die 33 Grad warme Tunnelluft (mindestens 63 Grad !, RR) traut man sich kaum einzuatmen. Man hat nichts zu tun, als ergeben vor sich hin zu schwitzen. Dann endlich der Zug nach Manresa/Terrassa. Obwohl es sehr voll ist, bekommen wir noch einen Klappsitz und können uns ein wenig erholen. Die netten Leute steigen drei Stationen vor uns aus. Ich bedanke mich und versuche ihnen mit meinem dürftigen Spanisch zu erklären, dass wir ohne ihre Hilfe jetzt wahrscheinlich noch auf dem Bahnhof Sants herumirren würden. Sie verstehen auch ohne dass ich mir abenteuerliche grammatikalische Konstruktionen ausdenken müsste und verabschieden sich mit guten Wünschen für unseren Barcelona-Aufenthalt. Zehn Minuten später stehen wir auf dem kleinen Vorstadtbahnhof Sabadell Sur und versuchen uns zu orientieren. Das Hotel soll laut Internetbeschreibung ca. 700 Meter vom Bahnhof entfernt und damit zu Fuß erreichbar sein. Der freundliche ältere Herr, den wir fragen, zeigt auf die breite, sich schier endlos bis zum Stadthorizont erstreckende, wenig befahrene Vorstadtstraße mit kaum dem Kindesalter entwachsenen, staubigen Bäumen auf einer Seite. Wir sollen immer geradeaus gehen und dann am Ende links. (RR: Er meint auch noch, dass wir besser mit dem Bus fahren sollten, es wäre zu weit zum Laufen und ginge bergauf. Während ich noch überlege, sagt KB neben mir: Ach was, ich weiß doch, wie die Spanier gehen, das schaffen wir!). Leicht gereizt und apathisch zugleich ziehen wir unsere Köfferchen durch die graue Hitze des Carrer de Comerç, über den alle Trostlosigkeit der Welt ausgebreitet scheint. Wir erkennen einen Straßennamen, den es auch auf dem Internetausdruck gibt, und vermuten eine diagonale Abkürzung, die zur Carretera de Barcelona führen müßte, wo unser Hotel liegt. Leider ist auch diese Abkürzung wie immer ein Umweg. Wir treffen zwar auf die Carretera de Barcelona, doch muß ich erst einen ziemlichen Teil der Straße abschreiten, ehe ich aufgrund der Hausnummern feststellen kann, in welcher Richtung das Hotel liegen muß. Natürlich in der entgegengesetzten, als der von uns eingeschlagenen (RR: von KB eingeschlagenen, ich warte auf ihn, mir ist klar, dass das Hotel nur ein paar Häuser weiter sein kann). Wären wir den Carrer de Comerç, wie uns der ältere Herr beschrieben hatte, ein paar Meter weiter hochgegangen und dann links um die Ecke gebogen, hätten wir direkt vor dem Hotel Arrahona gestanden. Das tun wir jetzt auch, nur nach einem schweißtreibenden Umweg. Da wir noch nie über Internet etwas gebucht haben, sind wir sehr gespannt, ob die junge Dame an der Rezeption in der eisgekühlten Empfangshalle unsere Namen in ihren Unterlagen findet. Sie tut es, und wir gehen erleichtert auf Zimmer 228. Dort erholen wir uns ein bisschen und verstauen vor allem die Sachen, die wir nicht unbedingt unterwegs brauchen und die wir uns ungern würden klauen lassen, in dem im Kleiderschrank eingebauten Safe. Im direkt neben dem Hotel gelegenen Supermarkt kaufen wir eine 5-Liter Gallone Wasser, Käse, Bier und Rotwein. Die Preise für Lebensmittel sind deutlich niedriger als in Deutschland. Wir haben Hunger und Durst. Das Hotel ist aus einer umgebauten ehemaligen Fabrik entstanden. Der Eingangsbereich mit Rezeption und Lounge, oder wie man das nennt, erinnert mit seinen Dimensionen immer noch an eine Montagehalle. Das angeschlossene Restaurant leidet an einem Missverhältnis zwischen Grundriß und Höhe, was ihm die Atmosphäre eines auf den Kopf gestellten Schuhkartons verleiht. Außerdem hat es keine Fenster und ist auf ca 15 Grad runtergekühlt. Wir machen deshalb einen Gang um den Block, um uns aufzuwärmen und etwas zu finden, wo wir einen Happen essen können. Schon nach ein paar Metern ist klar, dass wir uns am äußersten Rand des Industriestädtchens befinden. Die Carretera, an der das Hotel liegt, ist die Ausfallstraße nach Barcelona. Die parallel verlaufende Carrer Benuti (oder so ähnlich) führt in der anderen Richtung offensichtlich ins Zentrum von Sabadell, das ca 180 000 Einwohner haben soll. Wir sind also nur auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten angewiesen, die aber Hunger und Durst nicht schmälern. Die erste Kneipe, wo man draußen sitzen kann, ist zu laut, die zweite liegt noch in der prallen Sonne. Die dritte schließlich, wo eine Seitenstraße in die Hauptstraße einmündet und sich zu einem kleinen Platz erweitert, gefällt uns. Es ist die Bar Julia, die augenscheinlich von einer asiatischen Großfamilie bewirtschaftet wird. Die Chefin, die ein freundliches Castellano zwitschert, bringt uns Bier und Weißwein, dazu eine Tapa de Chorizo und Patatas bravas mit einer scharfen Mayonnaise. Als die Sonne hinter dem einstöckigen Parkhaus auf der anderen Straßenseite verschwunden ist, wird es erträglich, und die ersten Nachbarn kommen aus ihren Wohnhöhlen, um die Abendluft zu genießen, von Kühle kann keine Rede sein, es ist schwülheiß und drückend, doch regnen wird es hier kaum. Wir beobachten die katalanischen Kleinbürger, die sich wie Kleinbürger überall auf der Welt verhalten, nur dass ihre Kinder hier bis spät in den Abend hinein noch Narrenfreiheit genießen. Sie werden aus dem Leben der Erwachsenen nicht ausgegrenzt, sind dafür aber auch erstaunlich brav und diszipliniert. Gegen 10 Uhr machen wir uns auf den kurzen Heimweg, genießen unter den Bäumen eines Spielplatzes den Abendhauch, der hier etwas Sauerstoff zu enthalten scheint und schauen den muslimischen Frauen zu, die, unter Kopftüchern verborgen, auf ihre Kinder aufpassen. Um halb elf sind wir auf Nr. 228, wo wir noch etwas Rotwein trinken, Käse knabbern, mit der Klimaanlage experimentieren und bald im Bett liegen. |
|||||
|
|||||
| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | |||||
| Unsere Linkempfehlung: Reisespinne | |||||
Copyright © 2002-2007. Alle Rechte vorbehalten. WebDesign & WebHosting: nalukkettu consulting manasvi.de |