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DI 25.7.06. Morgens ignorieren wir das Frühstücksbuffet im eisgekühlten Schuhkarton. Direkt neben dem Hotel ist die Bar Arrahona, wo wir eine Ensaimada, ein Croissant und zwei Cafe con leche bekommen. Alles für 4 Euro 30. Zeitungsrascheln, Geschirrklappern und das Zischen der Kaffeemaschine inclusive. Der vor uns liegende Tag scheint noch voller Verheißungen. Heute, in der Morgenfrische und auf der schattigen Seite des Carrer de Comerç, dauert der Weg zum Bahnhof gerade mal 10 Minuten, allerdings auch, weil es bergab geht und weil wir wissen wo’s langgeht. Die Tranvia nach Barcelona ist eisgekühlt und ziemlich voll, doch wir bekommen noch einen Sitzplatz. Wir können zum ersten mal das Land betrachten, durch das wir fahren. Es ist Ballungsraumland, das zu immer größeren, alle Unterschiede nivellierenden Einheiten zusammenwächst. Öde und trostlose Karstlandschaft. Staubig und ausgetrocknet. Die Menschen haben genau die gleichen müden, stumpfen S-Bahn Gesichter, wie die Leute im übrigen Mitteleuropa. Die EU als der große Gleichmacher. Nach einer halben Stunde Fahrt steigen wir aus dem unterirdischen Bahnhof empor zur Plaza de Catalunya (die Namen schreibe ich wild durcheinander mal spanisch mal catalanisch; In diesem Falle wäre catalanisch: Plaça de Catalunya; spanisch: Plaza de Cataluña... Beides wird gleich ausgesprochen). Catalunya ist der absolute Verkehrsknotenpunkt, sowohl unter als auch über der Erde. Neun breite Paseos oder Avenidas gehen sternförmig davon ab. Doch ist der Platz so groß, dass man sich nicht unbedingt wie auf einer Insel im tobenden Verkehrsgewühl fühlt. Kühle Brunnen schießen ihre Wassernebel, Marmorstatuen strecken ihre nackten Hintern in die blaue Luft, die ist weich und riecht nach Meer und Knoblauch und Lejia, einem chlorhaltigen Reinigungsmittel. Wir setzen uns auf eine Steinbank im Schatten alter, hoher Platanen und lassen uns vom Leben der großen Stadt wie von fernen Wasserfällen umrauschen. Wieweit wir es in uns eindringen oder an uns abperlen lassen, werden wir in jeder Situation neu aus dem Bauch heraus zu entscheiden haben. Neben uns auf der Bank sitzt ein junger Schwarzer. Ich spreche ihn an, einfach weil ich Lust habe, jemanden anzusprechen. Mit dem Arm in Richtung Ramblas deutend frage ich ihn auf spanisch, ob dort die Ramblas seien. Er antwortet: Sprechen Sie Deutsch? Ich komme aus Belgien und bin heute zum ersten Mal in Barcelona... Der oberste Teil der Ramblas gehört den Vogelhändlern. Überall stehen Kioske, wo Dutzende von kleinen Käfigen mit unglücklichen bunten Vögeln darin neben- und übereinander hängen. Vor einem der Käfige hat sich ein dicke graue Stadttaube festgekrallt und erzählt den Käfiginsassen von der Freiheit der Lüfte. Tierschützer versuchen seit Jahrzehnten immer wieder, nachts die Käfige zu öffnen. Doch nichts kann die Händler von den Ramblas vertreiben. Zu bunt und „malerisch“ ist das Bild für die Touristen, die im Juli in besonders großen Massen auftreten. Doch da die meisten Barcelonesen, die es sich leisten können, ihre Ferien in diesem Monat am Meer verbringen, sind kaum mehr Menschen als sonst unterwegs. Das Straßenbild ist nur lebhafter und bunter. Wir hatten uns Horrorszenen vorgestellt und sind jetzt angenehm enttäuscht. Überall finden Gaukler und Musikanten ihr Publikum. Es herrscht eine fröhliche, lockere Urlaubsstimmung unter den Platanen. Ich kannte nur das herbstliche Barcelona, wo das Bild der Ramblas bestimmt wurde von steifen catalanischen Geschäftleuten in korrekten schwarzen Anzügen, die sich, Vanguardia lesend, in unnachahmlich arroganter Haltung die Schuhe putzen ließen oder von alten Leuten, die in Puschen und Kittelschürzen auf verschnörkelten schmiedeeisernen Stühlchen am Rande des Gehsteigs saßen und die Vorübergehenden betrachteten. Schuhputzer haben übrigens heute in Barcelona nur noch eine folkloristische Funktion, ähnlich wie in Berlin oder Frankfurt der Leierkastenmann. Wir verlassen die Ramblas und tauchen ein in die Schatten des Barrio Gotico. Die Gassen sind meistens schmal und glänzen feucht vom Wasser der Sprengwagen, die in den frühen Morgenstunden pausenlos unterwegs waren. Die Häuser sind hoch und lassen auch der gewalttätigsten Sonne kaum eine Chance, auf den Grund der Gassen vorzudringen. An den Fassaden kleben winzige Balkons mit schmiedeeisernen Gittern, hinter denen manchmal Katzen gähnen. Der Touristenstrom schiebt sich durch die breiteren Gassen mit den vielen kleinen Läden. Abseits davon ist kaum ein Mensch unterwegs. Ein paar Handwerker sitzen auf geflochtenen Stühlen unter einer der Jugendstillaternen, die die Hausfassaden schmücken. Ein junger Mann überholt uns auf seinem Moped. Vor einer winzigen Galerie, in der moderne Kunst ausgestellt ist, steht eine junge Frau und träumt von solventer Kundschaft. Auf der Plaza del Pi setzen wir uns auf die Terrasse einer Touristenkneipe. Die Plaza, deren eine Seite von einem riesigen grauen und sehr gotischen Kirchenportal beherrscht wird, ist von mittelalterlicher Strenge und wohl nur durch die Anwesenheit der vielen bunten Touristen erträglich. Im Winter könnte man hier Stunden der Stille und Phantasie verträumen. In der Kirche ist für abends ein Konzert mit einem Gitarrenvirtuosen angekündigt. De Falla und andere spanische Klassiker werden gespielt. Wenn wir nicht so weit weg wohnten, das hätte uns reizen können. So sitzen wir inmitten der bunt wogenden Menge unter einem großen Sonnenschirm, trinken Bier und Wasser, lauschen zwei Straßenmusikanten, die La Paloma spielen und fragen uns, warum auf den Rückenlehnen der Kneipenstühle „Osterhase“ steht... Da die Luftfeuchtigkeit heute nicht so extrem ist und der Himmel von einem klaren Blau, ist die Hitze, solange man die Möglichkeit hat, sich im Schatten zu bewegen, erträglich. Weh dem, der eine der Gassen, die in Nord-Süd Richtung verlaufen, passieren muß. Der muß seine Schritte beschleunigen, oder in das nächste schattige Seitengässchen abbiegen, egal ob es in die angestrebte Richtung führt oder nicht. So lassen wir uns immer vom Schatten geleiten, schauen sehnsüchtig in kühle Innenhöfe, wo auf glänzenden Kacheln in Keramiktöpfen mit maurischen Ornamenten üppige Grünpflanzen wachsen und Mauern aus unverputzten Steinquadern vom ehrwürdigen Alter dieses Stadtviertels künden. Der Zufall lässt uns an der schmalen Passage vorbeikommen, die auf die Plaza Real führt. Wir riskieren nur einen kurzen Blick, da wir gelesen hatten, dass sie fest in der Hand der Drogenszene sei. Was wir sehen ist, dass der einst „königliche“ Platz verschlafen und wie leblos in der Mittagshitze döst. Weder Drogen- noch überhaupt eine Szene. Die drei Palmen sind mit grauem Staub bedeckt. Und die von Gaudí entworfenen Jugendstillaternen vergessen wir vor Schreck uns anzusehen. Nur unter den Arkaden der Nordseite gibt es ein offensichtlich teures, da völlig leeres Restaurant. Ansonsten ist von urbanem Leben nichts zu sehen. Die urspanische Kultur des öffentlichen Raums scheint es hier nicht mehr zu geben. Diese Plaza hatte immer den Charme gehabt, den alte kopfwackelnde Männer und schwarzgekleidete Witwen ausstrahlen, wenn ihnen gemäß Gewohnheitsrecht inmitten einer lärmenden Schar spielender Kinder ein kostenloser Platz an der Sonne oder je nach Jahreszeit im Schatten garantiert ist. Heute ist der Platz so tot, als wäre gerade eine grüne Wolke über ihn hinweggezogen oder als sei der Caudillo aus seiner Gruft wieder hervorgekrochen, um das Land erneut mit blutigem Schweigen zu bedecken. Schon kurze Zeit nach Francos Tod war das Land aufgeblüht wie eine Wüstenregion nach unerwarteten ergiebigen Regenfällen. Unter den Kolonnaden der Plaza Real hatte eine Studentenkneipe nach der anderen eröffnet. Man war dabei, das was im restlichen Mitteleuropa schon Alltag war, nämlich, die Freuden eines „alternativen“ Lebensstils zu entdecken und zu genießen. Auf den Terrassen der Cafés saßen junge Männer und Frauen und lasen Bücher, deren bloße Titel einige Jahre zuvor das Erscheinen der schwarzlackierten Dreispitze mit umgehängtem Karabiner bewirkt hätten. Wie in Berlin las man Marcuse und Erich Fromm. Auf den Tischen der Buchhändler unter den Platanen der nur ein paar Schritte entfernten Ramblas lagen preiswerte Taschenbuchausgaben über das Leben und den Tod Durruttis neben den Obras Completas von Neruda oder Garcia Lorca, die vor kurzem, wenn überhaupt, nur unter dem Ladentisch zu kaufen gewesen waren. Junge Frauen von herzzerreißender Schönheit saßen ohne Begleitung und unbelästigt auf ihren Caféhausstühlen und lasen Erica Jongs gerade erschienenen Roman „Angst vorm Fliegen“ (Miedo de Volar). Aus meergrünen Augen, oft waren sie auch schwarz wie Holzkohle, schauten sie selbstbewusst in die Welt, die plötzlich begonnen hatte, auch ihnen zu gehören. Sie mußten nicht mehr warten bis sie alt oder Viuda (Witwe) waren, um ein Geschäft oder ein eigenes Bankkonto zu eröffnen. Innerhalb eines Jahres war dieses Land vom Mittelalter ins zwanzigste Jahrhundert geschleudert worden. Es war, als sei die Welt gerade erschaffen worden. Und es war eine Lust zu leben. Nachdem ich drei Wochen lang wie im Rausch durch diesen zweiten ‚kurzen Sommer der Anarchie’, den dieses Land in einem Jahrhundert erlebte, getaumelt war, hätte ich eigentlich nie mehr wo anders sein mögen... Wir verzichten darauf, uns die heutige Totenstarre der Plaza Real zu erklären (vielleicht liegt es nur an der Siesta, trösten wir uns) und lassen uns von dem Cicerone namens Schatten weiterhin ziellos durch die Gassen des alten Viertels führen, bis wir seinen östlichen Rand erreicht haben, wo der Paseo de Colón wie mit einem Schwerthieb die Altstadt vom Meer und den Hafenanlagen abtrennt. Wir wagen uns ein paar Schritte in die gnadenlose Helligkeit des Julimittags hinaus, spähen um die Ecke des Marineministeriums hinüber zur Estación de Francia und kehren um, zurück ins Reich der Schatten. Kurz zuvor hatten wir in der gemauerten Kühle einer winzigen Bodega Rast gemacht. An einem der beiden niedrigen Tische saßen ein paar Männer aus der Nachbarschaft und sprachen katalanisch, was sich anhörte, als sprächen sie ein Gemisch aus Küchenlatein, Provencalisch und Castellano mit holländischem Akzent. Touristen trauten sich hier nicht rein, so kostete die Caña Cerveza nur einen Euro. An der Decke ein asthmatischer Ventilator, der die Luft in handliche Portionen zerteilte, an der Wand aus mittelalterlichen, unverputzten Steinquadern ein gusseiserner, vielarmiger Kerzenleuchter, in dessen Mitte eine Glühbirne geschraubt war. An der gläsernen Eingangstür ein Schild: Se Permite Fumar. Es darf geraucht werden! Auf einem Holzregal hinter der Bar die Flaschen mit den vertrauten Etiketten der Spirituosen, die ich fünf Jahre lang Nacht für Nacht hinter der Bar in La Tierra ausgeschenkt hatte. Auf der massiven hölzernen Tür stand „Servicio“, also Toilette. Insgeheim hoffte und befürchtete ich, dass mich das erwartete, was ich vermutete: Ein winziges Gewölbe, dessen abgestandene Hitze an einen ungünstigen Platz in Dantes Vorhölle erinnerte. Eines einzigen Schrittes bedurfte es, um vom Jahr 2006 ins sanitäre Mittelalter zu gelangen. Ein Loch im Boden, zwei geriffelte, dem menschlichen Fuß nachempfundene Keramikplatten, das war’s. Ein wahrer „Abtritt“. Um die männliche Bierblase zu entleeren, völlig okay und hygienisch einwandfrei. Frauen verkehrten in diesen Bodegas eh kaum, das war immer noch Männerdomäne; selbst wenn sich mal eine hierher verrirrte, dann wohnte sie bestimmt um die Ecke und ging auf das Klo in ihrer Wohnung. Als ich mit am Körper klebenden Klamotten in die ventilatorgekühlte Neuzeit zurückkehrte, genügte eine kurze Schilderung des sanitären Statusquo, um meine Gattin, die ja leider nicht um die Ecke wohnte, davon zu überzeugen, dass sie gar nicht so dringend pinkeln musste. Das kleine Restaurant auf der Plaça de les Olles, Ecke Carrer de les Dames hat vier Tische draußen stehen. Das Menu del dia kostet 6 Euro 50. Da wir Hunger und keine Lust mehr haben herumzulaufen, lassen wir uns nieder und bestellen Arroz cubana, Tortilla de Patatas und Gambas a la plancha. Wir schauen dem Camarero zu, wie er mühsam seine Familie ernährt. Er muß innen, wo die Einheimischen, und die Tische draußen, wo die Touristen sitzen, bedienen. Abends hat er bestimmt dicke Füße. Er erinnert an die Camareros alter spanischer Schule, die sich nie als „Diener“ empfanden, sondern als Gastgeber. Einem gut geschulten spanischen Kellnerballett zuzusehen, ist eine faszinierende Erfahrung. Mit einem Ohr lauschen wir den Straßenmusikanten, die in dezenter Entfernung ein Ständchen bringen. Auf den Treppenstufen des Küchentrakts vom Park Hotel lungern ein paar Arbeitslose und trinken Wasser, das sie an dem öffentlichen Trinkwasserbrunnen neben unserem Tisch in Flaschen abfüllen. Die Kinder der französischen Urlauber am Nebentisch benutzen ihn als Dusche. Die junge, hübsche Mama sieht sehr nach Ibiza-Connection aus und zeigt entsprechend viel entzückende Anatomie. In meiner Spanienzeit wäre die Guardia Civil mit Panzerwagen angerückt. Auf der Via Layetana entdecken wir einen im dicken Verkehrsgewühl nur langsam vorankommenden Bus, aus dem schwarz-rote Fahnen und ein Spielzeuggewehr (!) geschwenkt werden... Es sind meine „Freunde“ von der CNT (Confederacion National del Trabajo), der anarcho-syndikalistischen Arbeitervereinigung, die im „kurzen Sommer der Anarchie“ im Jahre 1936, als Barcelona die Hauptstadt des Anarchismus war, eine bedeutende Rolle gespielt hatte und offensichtlich auch heute wieder im politischen Alltag mitmischte. Unter Franco war sie verboten gewesen. Wie sehr sie mitmischte, sollten wir ein paar Tage später auf dem Flughafen El Prat am eigenen Leibe erfahren. Ein am Bus angebrachtes schwarz-rotes Transparent erinnert daran, dass am 25. Juli 1936 die Barceloneser Verkehrsbetriebe kollektiviert worden waren - und dass der Kampf weitergeht (La lluita continua!). Man denkt in diesen Tagen in ganz Spanien daran, daß vor 70 Jahren der Bürgerkrieg begann. 1977 hatte ich mir auf den Ramblas einen kleinen Anstecker der CNT gekauft (den ich heute noch besitze), weil es eine Möglichkeit war, meine Solidarität mit dem neuen Spanien zu zeigen, und weil mich der Gedanke fasziniert hatte, dass Anarchisten sich gewerkschaftlich organisiert bzw. organisierte Gewerkschafter anarchistische Ideen im Kopf hatten... Wir sind pflastermüde und besteigen auf den Ramblas den 14er Bus in Richtung Poble Nou und hoffen, dass die Endstation irgendwo am Meer liegt. Das inzwischen über 100 Jahre alte „Neue Dorf“ war damals für Gastarbeiter aus dem armen spanischen Süden gebaut worden und erst im Zuge der Baumaßnahmen für die Olymiade 1992 wieder entdeckt worden. Parallel zum vergammelten Strand hatte man das Olympische Dorf gebaut. Die für nacholympische Zeiten als teure Eigentumswohnungen gedachten Behausungen waren schon ein Jahr vor Baubeginn verkauft... Was wir aus dem Busfenster sehen, verlockt nicht dazu auszusteigen und zu Fuß zu gehen. Die öde, buntangestrichene, flach gehaltene Betonarchitektur ist für Autos, nicht für Menschen gemacht. In respektvoller Entfernung von den Behausungen der Besserverdienenden, erheben sich majestätische Plattenbauten. Man kann nicht bestreiten, dass es Luft gibt und eine verschwenderische Fülle von Licht, doch was dieses Land braucht ist Schatten! In den winzigen Parkanlagen zwischen dem Passeig d’Icária und dem Litoral stehen ein paar staubgebeugte Palmen auf vertrockneten Rasenflächen. Dahinter ist der Horizont weit, und man ahnt das Meer. Der Bus fährt im Zickzack durch diese Zivilisationswüste. Einmal glauben wir, das Meer zu sehen, doch dann biegt die eisgekühlte Blechkiste schon wieder ab. An der Endhaltestelle stehen vor einem ausgedehnten Gebäudekomplex, der ein Unfallkrankenhaus zu beherbergen scheint, viele Ambulanzen und warten auf ihren Einsatz. Zum Glück gibt es an der Straßenecke eine kleine Kneipe mit einer einigermaßen schattigen Terrasse, wo wir etwas trinken können. Im klimatisierten Innenraum wird noch gespeist. Die zwei Frauen am Nebentisch sehen nicht sehr glücklich aus. (RR: Die Jüngere redet immer heftiger auf die Ältere ein und fängt dann an zu weinen.) Immer wieder beobachten wir, wie auf der breiten, vor Hitze dampfenden Avenida Touristen-Busse vorbeifahren, die auf dem ungeschützten Oberdeck dem Sonnenstich nahe Urlauber durch die Gegend karren. Gleich um die Ecke quetschen wir uns in den winzigen Schatten der Haltestelle, wo uns der 41er Bus erwartet, der zur Plaza de Cataluña fährt. Gegenüber der Haltestelle recken ein paar Nobelhotels ihre nichtssagenden, glatten Fassaden in den stahlblauen Himmel. Nicht endenwollende Vertikalen für die Augen. Für die Füße unendlich erscheinende, schattenlose Horizontalen, die nur durch ein Raster von Bushaltestellen barmherzig gegliedert werden. Man verlangt ja nicht mehr nach Fachwerk und Butzenscheiben, nur sollten die Dimensionen ein menschliches Maß nicht zu sehr überschreiten. Der Busfahrer, der sich die Beine vertritt und eine Zigarette raucht, schaut sich interessiert unsere Barcelona Card an, so was hat er noch nie gesehen und meint freundlich grinsend No problem... Das wollten wir ihm auch geraten haben, denn andernfalls hätte er ein Problem gehabt.... Wir fahren ein Stück über die Avenida Diagonal und können in der Ferne die Türme der Sagrada Familia sehen. Dann geht es durchs Straßengewirr des Poble Nou wieder in Richtung Meer, das wir aber auch jetzt nicht zu sehen bekommen. In der Nähe des Ostfriedhofs hält der Bus an einer roten Ampel. Wir sind plötzlich Fenster an Fenster mit dem Wohnmobil einer Zigeunerfamilie. Ziemlich halbnackte Kinder turnen auf den Vordersitzen und machen Faxen. Mutter brät auf einem Herd in der Kochnische Gambas mit Knoblauch, dessen Duft bis in den Bus dringt. Zigeunervater lümmelt auf einem Stück grauem Grün am Straßenrand und wartet darauf, dass das Essen fertig ist. Später finde ich beim Studium des Stadtplans heraus, dass die gar nicht mal kleine Straße im Poble Nou nach der großen alten Dame des Flamenco, Carmen Amaya, benannt ist, der Callas unter den Flamenco Sängerinnen, die im ärmlichen Barceloneta aufgewachsen und dort auch entdeckt worden war. An der Plaza de Cataluña steigen wir in den Zug nach Sabadell. Es sind immer noch 33 Grad, und der Zug ist voll. Gegen 18 Uhr sind wir im Hotel. Später versuchen wir einen Spaziergang über den düsteren Boulevard in Richtung Stadtzentrum, doch wir sind einfach zu groggy. Durch eine kleine Passage sehen wir das Innengelände einer mäßig attraktiven Wohnanlage, dessen einziger Reiz darin besteht, authentisch zu sein. Mütter sitzen auf Bänken unter einer halbkreisförmigen Pergola, überall spielen Kinder. Wir setzen uns auf eine Bank und schauen. Ein kleiner Junge versucht, einen Ball wie Ronaldinho zu treten, überschätzt dabei aber seine Körperbeherrschung und fällt auf den Hintern. Das sieht so drollig aus, dass alle, die es beobachtet haben, laut auflachen. Auch seine Mutter, die neben uns sitzt. Der Knirps kann noch nicht unterscheiden, ob die Zuschauer boshaft sind oder einfach Freude an der unfreiwilligen Komik hatten und flüchtet zu seiner Mama, die ihn tröstet. Aus dem neben der Bank stehenden Kinderwagen schaut fröhlich-ernst ein Kleinkind in die friedliche Enclave am äußersten Rand einer mittleren katalanischen Industriestadt. Da wir uns zu keiner der drei Kneipen, an denen wir vorbeikommen, hingezogen fühlen, führen uns unsere müden Beine automatisch zur Bar Julia, wo wir von der Chefin, die Stammkunden wittert, mit freundlichem, gar nicht asiatischem Lächeln begrüßt werden. Wir bestellen Bier, Weißwein und eine Tapa Boquerones, winzige, sauer eingelegte Fischchen und sind so glücklich, wie wir den Umständen entsprechend sein können. Später, auf 228, merke ich, dass ich mein Schweißtüchlein auf dem Tisch der Bar Julia vergessen habe, was bedeutet, dass ich auch morgen Abend dort sitzen möchte, um mein pañuelo abzuholen, oder, was wahrscheinlicher ist, nie mehr dorthin zurückkehren werde. Letzteres, soviel sei verraten, ist der Fall. Auf 228 ist es entweder erstickend heiß, oder es weht ein eisiger Hauch aus der Klimaanlage um unsere Schultern. Aus der prall gefüllten Minibar leisten wir uns zwei Plastikportiönchen Gordon’s Dry Gin und eine Flasche Schweppes Tonic Water und hören durch das geöffnete Fenster die Martinshörner der Polizei oder Ambulanzen, die über die Carretera de Barcelona heulen. |
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| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | |||||
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