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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
DI 19.9.06.
Ein gelber Sonnenaufgang beschert uns um halb 8 sechzehn Grad. Kein Wind. Nachts hatte es kurz gestürmt und geregnet. Jetzt ist der Himmel spätsommerlich heiter.
Ich hatte gestern eine kurze Hose mit Seife gewaschen und die Seifendose stehen lassen. Heute ist sie weg. Wer klaut denn eine Seifendose mit einem halben Stück Seife drin! Auch die Franzosen und Belgier scheinen immer mehr zu verarmen.

RR: Als KB auf dem Campingplatz an der Loire etwas mit Waschpaste gewaschen hatte, stand die von ihm vergessene Tube immerhin noch an ihrem Platz. Allerdings hatten sich wohl etliche Camper darüber gefreut, denn sie war leer.

KB: Es ist Ebbe, als wir zum Strand gehen. Das Meer hat sich heute sehr weit zurückgezogen. Über die Schlick- und Felsenlandschaft sind viele bunte Punkte verteilt. Das sind die Pêcheurs à pied, die „Fußfischer“, die, mit Eimern, Schaufeln und Harken bewaffnet, bei Ebbe ausschwärmen und das aufsammeln, was das Meer zurückgelassen hat; Krebse, Muscheln, Austern, selbst Algen werden geerntet. Auch einige Leute vom Platz sehen wir, die jeden Tag sich ihre Meeresfrüchteplatte selbst zusammenstellen. Da die hauptsächliche Arbeit darin besteht, sich zu bücken, was nicht unsere Sache ist, belassen wir’s beim Zuschauen. Außerdem müssten wir, bei unseren sehr unvollständigen Kenntnissen der Meeresfauna, wahrscheinlich bei jedem Stück, das wir aufsammeln, jemanden fragen, ob das genießbar ist oder nicht.

Da wir also zu faul und auch zu unwissend sind, unsere Mahlzeit selbst aufzusammeln, müssen wir in den UTILE fahren und dort an der Fleischtheke auf Jagd gehen. RR: Während ich Brot einpacke, steht KB beim Metzger. Er ruft mir zu, dass das Hackfleisch gewürzt ist, ob das ok. ist. Als ich Zustimmung nicke, strahlt der Metzger, denn die Madame, die ja kocht, hat entschieden…

KB: Doch heute kocht, wie immer, Monsieur… Er brät zwei Riesenbouletten und holt dazu Fritten vom Imbiß neben der Rezeption. Eine große Portion, die reicht uns für zwei Tage. Nach dem Essen machen wir ein Stündchen Strandurlaub. Die Sonne scheint, doch es weht ein kühler Wind. Deshalb beschließen wir, heute die restlichen Sehenswürdigkeiten im Nahbereich abzuarbeiten und uns ab morgen etwas weiter in die Ferne zu wagen.

Der Dolmen Mané Lud, der „Hügel der Leichen“ liegt am Rande des alten Ortskerns von Locmariaquer in unmittelbarer Nachbarschaft von niedrigen Wohnhäusern aus Granit. Er ist frei zugänglich, sofern die beiden Abstellplätze fürs Auto am Straßenrand nicht gerade besetzt sind. Nachdem ich, trotz Taschenlampe(!), die Decke der ehemals fürstlichen Grabkammer mit dem Kopf unsanft gerammt habe, mache ich ein Blitzlichtfoto von einer Ritzzeichnung, die Touristengenerationen vor uns, der besseren Erkennbarkeit wegen, mit weißer Farbe nachgezeichnet haben. Mit etwas Fantasie kann man einen nicht sehr perfekten Kreis aus Punkten erkennen, sowie ein paar neolithische Werkzeuge, darunter eine Hacke, wie sie auch heute noch bei Gärtnern in Gebrauch ist.

Der Friedhof der Neuzeit ist nur ein paar Schritte entfernt. Viele graue Grabkreuze aus Granit, darunter eine Grabstätte aus dem 18. Jahrhundert, schauen auf den Golf von Morbihan und vermitteln den Eindruck, dass man erst richtig tot ist, wenn man unter einer schweren Granitplatte modert. Die rückwärtige Mauer des Friedhofs grenzt an das Gelände, wo der Table des Marchand und der große zerbrochene Menhir stehen. Wir widerstehen der Versuchung, einfach über die Mauer zu klettern und gehen gesittet zum Auto zurück, das auf einem kleinen Parkplatz auf der anderen Straßenseite steht, von wo ein kurzer Weg am Ufer entlang in den Ort hinein führt. Dort lockt uns direkt gegenüber der Tourist Information ein Schild zum Dolmen de Mané Rutual, der auf einer von Steinmauern gesäumten Wiese inmitten dörflicher Anwesen liegt. Der Dolmen ist sehr groß, hat sogar zwei Grabkammern, in die wir allerdings nicht hinein kriechen. Bei uns verdichtet sich allmählich der Eindruck, dass seit etlichen tausend Jahren die ganze Gegend hier ein einziger großer Friedhof ist.

Abends machen wir bei völliger Windstille einen Spaziergang zu den Pierres Plates, unserem Lieblingsdolmen. Bei den Elektrikern gegenüber ist große Festbeleuchtung. Dann und wann sieht man im Schatten der Hecke zwei einäugige Zyklopen irrlichtern.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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