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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
DO 21.9.06.
RR: Nachts war ich aufgewacht. Es hatte gestürmt. Die hohen Pappeln, die an einer Seite den Platz begrenzen, rauschten wie Meeresbrandung. Ich hatte nicht wieder einschlafen können und hatte morgens etwas Kopfschmerzen. Der föhnartige Wind kommt immer noch aus Süden, und wir haben um halb zehn bereits 20 Grad.

KB: Wir wollen heute ein bisschen die Nordküste des Golfs von Morbihan erkunden. Doch wir merken bald, dass das mit dem Auto keinen Sinn hat, denn die Straße führt durch eine ziemlich belanglose Landschaft, und nur wenn man in eines der winzigen Nester hinein fährt, die einen Hafen haben, ahnt man, dass man sich am Mor Bihan befindet, das aber so mit Inseln und Inselchen voll gestopft ist, dass man das Gefühl bekommt, sie stehen sich gegenseitig im Wege.

Von der kleinen Bucht in Larmor Baden könnte man nach Locmariaquer rüber spucken, wenn die Ile Gavrinis nicht im Wege stände und daher einen Eindruck von Weite und Meer gar nicht erst aufkommen läßt. Das Meer ist hier nicht breiter als der Rhein bei Eltville, und in der Tat befinden wir uns ja am Locmariaquer direkt gegenüber liegenden Ufer eines Mündungsarmes des Auray-Flusses.

Über die kleine Bucht, wo die Boote auf der Seite im schwarzen Schlick liegen oder weiter draußen im brackigen Wasser dümpeln, pfeift ein böiger Südost hinweg, der uns schnell von der ziemlich verlassenen Hafenmole wieder vertreibt. In unserem Reiseführer lesen wir, dass „neben der Bar im Zentrum die Mole der belebteste Flecken von Larmor Baden“ sei. Wie die Mole so die Bar. Draußen kann man nicht sitzen, weil zu naß und zu windig, das Innere sieht nicht sehr einladend aus, also steigen wir ins Auto und fahren zurück nach Locmariaquer. Fazit dieses Ausflugs: wer sich wirklich für den Golf interessiert, sollte ihn per Schiff erkunden.

In dem kleinen Restaurant am Hafen in Locmariaquer bestellen wir eine Crêpe mit Crème de Maron und eine Gallette complète Poitrine (mit Spiegelei und gebratenem Bauchspeck) und zwei Bollées für zusammen 12 Euro 60. Die Pfannkuchen, egal ob süß oder pikant, sind wirklich eine wohlschmeckende und vor allem bezahlbare Zwischenmahlzeit. Victor Hugo und auch Balzac nehmen mit der Arroganz der Satten „diese schrecklichen Fladen aus Buchweizenmehl“, die im 18. und auch noch im 19. Jahrhundert oft das einzige Nahrungsmittel, das Brot der armen bretonischen Landbevölkerung waren, als ein Indiz für die primitive und rückständige Lebensart in dieser Provinz. Daß sie einmal als kulinarische Köstlichkeit einen Siegeszug um die Welt antreten würden, war damals nicht abzusehen gewesen.

Auf dem Platz stellen wir erleichtert fest, dass das Zelt noch steht. Ich sichere es vorsichtshalber zusätzlich mit Sturmheringen. Wir öffnen die dem Sturm abgewandte Tür und schließen die andere. Auf der Düne ist es kaum auszuhalten. Das Meer hat weiße Schaumkronen, Wirbel aus weißem Sand jagen über den jetzt sehr schmalen Strand. Trotzdem setze ich mich, in meinen Überlebensanzug gehüllt, für ein paar Minuten in den Wind und beobachte fasziniert, wie das winzige, bei Flut etwa 100 Meter vom Strand entfernt verankerte Segelboot, das bei Ebbe im Matsch liegt, verzweifelt auf den Wellen tanzt und an den Ankerleinen zerrt. Ich rechne jeden Moment damit, dass ein Brecher es in Stücke haut. Vor dem Hintergrund des riesigen, mit weißen Wellenkämmen gegen den Strand schäumenden Ozeans macht es einen sehr verlassenen, zerbrechlichen Eindruck. Wenn es mir gehörte, ich würde es nicht so allein lassen.

Von der Belle Ile und der Halbinsel Quiberon ist nichts mehr zu sehen. Über dem südlichen Horizont steht eine sehr schwarze Wand, die nicht aussieht, als ob sie Freundliches im Sinn hätte. Ich renne alle halbe Stunde nach oben, um nachzusehen, wie sich das entwickelt. Doch die Wand bleibt dicht über dem Horizont. Gegen Abend beginnt es zu regnen, und es ist plötzlich völlig windstill. Sofort stellen auch die Bäume ihr Rauschen ein, und wir können kurz nach 10 schon ins Bett gehen und auch gut einschlafen, zumal die an der Rezeption aushängende ausführliche Wettervorhersage keine Unwetterwarnung enthalten hatte. Daß die angekündigten „grands frais“ allerdings Windstärke 7 bis 8 und nicht einen vorübergehenden Kälteeinbruch bedeuteten, finde ich erst viel später in Frankfurt heraus…
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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