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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
SA 23.9.06.
Um halb acht haben wir 15 Grad. Der leichte Wind kommt aus Ostsüdost!! Durchs Iglufenster, das jetzt nach Osten geht, fotografiere ich einen viel versprechenden Sonnenaufgang.

Auf dem Weg zur Sanitäranlage, werde ich nicht mehr mit Bonjour begrüßt, sondern mit Bonjour, monsieur… Wir sind jetzt wer.

Heute ist Ruhetag. Gegen die Sonne sind wir auf Nummer 56 nicht mehr so gut geschützt, die knallt ungeniert aufs Zelt, doch ansonsten ist alles okay.

Wir sitzen die meiste Zeit oben auf der Düne und genießen den mediterranen Nachmittag. Bei der totalen Ebbe heute Vormittag waren besonders viele Fußfischer unterwegs gewesen. Sie hatten sich weitläufig über die Schlicklandschaft und die Felsenriffe verteilt und erinnerten an große Wasservögel, die emsig nach Würmern pickten.

Wenn das Faulenzen auf der Düne zu langweilig wird, lese ich ein paar Seiten in Victor Hugos „1793“, einem seiner letzten Romane, der teilweise in der östlichen Bretagne spielt und den Kampf der Revolutionsarmee gegen die Aufständischen in der Vendée und den Wäldern der Bretagne zum Thema hat. Über den Guerillakrieg schreibt er: Man beginnt mit dem Angriff auf eine Republik und endet mit der Plünderung eines Postwagens… (!)

Wie die meisten republikanischen Intellektuellen seiner Zeit mochte auch Victor Hugo die Bretonen nicht sonderlich. Trotzdem versucht er, die Menschen zu verstehen, die sich mit allen Waffen, die ihnen zur Verfügung standen, gegen die revolutionären Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wehrten: …Man muß den großen Gegensatz zwischen der französischen Revolution und dem bretonischen Bauern beachten, … diesem ernsten eigenbrötlerischen Menschen mit hellem Auge und langem Haar, von Milch und Kastanien lebend, beschränkt auf seine Strohhütte mit Zaun und Graben, der … Wasser nur zum Trinken benutzt, … bekleidet mit einem Lederwams voll seidener Arabesken, die Kleider tätowiert, wie seine keltischen Vorfahren sich sie Gesichter bemalten. Er hält seinen Herrn noch in seinem Henker hoch, spricht eine ausgestorbene Sprache, läßt die Gedanken also in einem Grabe wohnen. Er … wetzt die Sichel, jätet sein Getreidefeld, knetet Buchweizenfladen, verehrt am meisten seinen Pflug und danach seine Großmutter, glaubt an die heilige Jungfrau und an die weiße Dame, bückt sich vor dem Altar und auch vor dem geheimnisvollen, aus der Heide ragenden alten Stein. Er ist Ackerbauer in der Ebene, Fischer an der Küste, Wilderer im Dickicht, liebt seine Könige, seine Schlossherrn, seine Priester und seine Läuse und steht oft stundenlang am langen verlassenen Strande, düsterer Lauscher auf das Meer …

Außer der Tatsache, dass „der“ Bretone immer noch gern Buchweizenfladen knetet und sich offensichtlich immer noch gern vor dem Altar bückt können wir nichts bestätigen.

Nachdem wir unsere Nuggets de Vollaille gebraten und gegessen haben, machen wir einen Spaziergang über die Düne zur Pointe de Kerpenhir. Dort steht die versteinerte Fischerfrau mit ihrem Kind auf dem Arm bis zu den Fußknöcheln im Wasser, da die Flut heute sehr heftig ist und das Wasser vom kräftigen Südostwind in den schmalen Durchgang zum Golf gedrückt wird.

Auf den Klippen unterhalb des Seekieferwäldchens, wo der deutsche Bunker steht, turnt ein Brautpaar herum. Sie steckt in einem weiß glänzenden, knöchellangen Ballkleid, er trägt Glatze und einen dunklen Anzug mit weißer Weste und Einstecktuch. Sie werden ausgiebig von einer jungen Frau fotografiert. Ich rufe ihnen gegen den Wind so etwas wie Bonne Chance zu, was sie mit verständnislos blödem Gesichtsausdruck wahrnehmen oder auch nicht, und mir wird im selben Augenblick klar, dass hier niemand geheiratet hat, sondern dass Profis am Werk sind, die vor der exotischen Kulisse des Ozeans Brautmode fotografieren. Peinlich.

Ehe wir zum Zelt zurückgehen, hinterlassen wir an der Rezeption unsere E-Mail-Adresse, und man verspricht uns, die Fotos nach Frankfurt zu schicken.

Abends sind wir von schwarzen Wolkenbänken umgeben, aus denen es heftig wetterleuchtet. Wir gehen früh ins Bett.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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