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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
SO 24.9.06.
Nachts hatte es geregnet. Der Morgen ist grau und naß.

Auf dem Wege nach Carnac hüpfen wir kurz in den UTILE, um etwas zum Mittagessen einzukaufen. Die Filialleiterin, die mit ihrem klugen Gesicht und dem langen grauen Zopf aussieht, als ob sie in der Freizeit Proust liest und Gedichte schreibt, kniet zwischen zwei Kassen auf dem Boden und malt mit ungelenken Buchstaben etwas auf die schwarze Schiefertafel, die sonst neben der Einfahrt zum Parkplatz steht und auf der das tägliche Mittagsmenu sowie Sonderangebote angekündigt werden. Wir grüßen uns freundlich. Ich beuge mich zu ihr hinunter und frage, ob sie vielleicht weiß, wie die Pflanze heißt, die sich an dem Maschendrahtzaun empor rankt, vor dem wir immer das Auto parken. Sie schaut mich einen Augenblick nachdenklich an, sagt dann: ich komme jetzt nicht auf den Namen, aber er wird mir gleich einfallen…

Ich hatte vor ein paar Tagen schon das Mädel an der Kasse gefragt, doch das hatte keine Ahnung gehabt. Es ist eine Kletterpflanze mit handtellergroßen Blüten, die an eine von einem Kind gemalte, lachende Sonne erinnern. Sie hat einen äußeren Strahlenkranz aus weißen Blättern und einen inneren aus hell- bis dunkelblauen Staubgefäßen. Bis auf den etwas bedrohlich wirkenden, dreiteiligen Stempel macht die Pflanze einen sehr fröhlichen, heiteren Eindruck. Sie scheint immer zu lächeln.

Nachdem wir unsere Einkäufe erledigt haben und wieder an der Kasse stehen, kommt Madame mit dem grauen Zopf strahlend aus ihrem Glaskasten und reicht mir einen kleinen Zettel, auf dem steht: Passiflore, fruits de la passion… Die Passionsblume also... Ich sage ihr, dass ich die eigentlich mit den Tropen assoziiere, und sie meint lapidar, von dort hätte sie wohl jemand mitgebracht, aber sie gedeihe prächtig in dem rauhen Atlantikklima, was wir bestätigen können, denn wir entdecken die heiteren Sonnen an manchem Gartenzaun.

Durch das Lexikon erfahre ich später, dass mit Passion nicht sinnliche Leidenschaft gemeint ist, sondern die „Passion Christi“… Auf den Gedanken, den heiteren Strahlenkranz als Dornenkrone, die zarten Staubgefäße als Kreuznägel und den Stempel als Peitsche zu sehen, kann wohl nur die perverse Phantasie eines christlich katholisch verbogenen Hirns kommen.

Als wir den Parkplatz verlassen, lesen wir, was die Chefin vorhin auf die Tafel geschrieben hat. Ich übersetze sinngemäß: Heute ist der Tag des Herrn. Der Sommer ist vorbei. Der Herbst beginnt. Man hat geerntet, was man gesät hat. Jede Jahreszeit hat ihre Schönheit… Obwohl ihre Handschrift auf dem Zettel nicht dazu angetan war, meine Vermutung, sie schreibe Gedichte, zu nähren, bin ich jetzt wieder überzeugt davon. Welche normale Leiterin eines großen Supermarkts käme wohl auf die Idee, solche Worte auf eine Tafel zu schreiben, auf der sonst für Klopapier und Katzenfutter geworben wird…
Auf der Fahrt nach Carnac lese ich uns aus dem Reiseführer die Geschichte vor, die sich um einen der ersten römischen Päpste, St. Cornelius, rankt. Der hatte sich im dritten nachchristlichen Jahrhundert, als er ein Ende der heidnischen Götzenverehrung verlangte, mit dem Kaiser von Rom anlegt. Doch die antike Götterwelt war zu dieser Zeit noch stärker als der neumodische Christengott. Cornelius wurde nach Civitavecchia verbannt, wo er starb. Soweit die historischen Fakten. Für die legendenverliebten Bretonen war die Geschichte damit aber nicht zu Ende gewesen. In ihrer Version konnte der Papst, begleitet von einem kräftigen Stier, der sein, hauptsächlich sakrales, Gepäck trug, aus Rom fliehen und wurde von römischen Truppen bis nach Carnac verfolgt. Dort holten ihn die Verfolger ein. Der Heilige, nur noch die Fluten des Ozeans vor sich, wandte sich seelenruhig um und verwandelte die Tausende von Legionären in Steine. So heißen die berühmten Menhire von Carnac, die mit etwas gutem Willen an eine römische Schlachtordnung erinnern können, bis heute bei den Bretonen „soldats de St. Cornély“. Damit findet auch das Geheimnis der alten Steine von Carnac seine ganz natürliche Erklärung…

Selbstverständlich hatte man St. Cornély, dem „Schutzheiligen des Hornviehs“, eine Kirche gebaut, und die wollten wir uns ansehen, da sie noch dazu als eine der schönsten Renaissancekirchen des Morbihan gilt. Sie steht auch wirklich, wuchtig, alt und grau, im topografischen Zentrum von Carnac Bourg. Wir umrunden sie einmal, rütteln an sämtlichen Türen, doch der Heilige will seine Ruhe haben. Alle Türen sind verrammelt.

Da der alte Ortskern von Carnac, außer einem Fotogeschäft, mehreren Läden mit Andenkenkitsch und ein paar Fresskneipen nichts weiter zu bieten hat, fahren wir weiter nach Carnac Plage. Zusammen mit einer frustrierten englischen Familie klettern wir über einen teilweise am Boden liegenden Drahtzaun zum Strand. Der ist breit und lang, sehr domestiziert, und trostlos anzuschauen. Fände nicht auf einem abgesperrten Teil gerade eine Rettungsübung von Feuerwehr und Rotem Kreuz statt, die wahrscheinlich Bestandteil eines Animationsprogramms ist, um die paar Nachsaison-Touristen bei Laune zu halten, so wäre über Carnac Plage nicht mehr zu berichten, als dass auf der Straße, die den Strand von einer Handvoll Villen im Kolonialstil trennt, jede Menge Autos parken.

Zurück auf Nummer 56, kochen wir Spagetti. Es klart auf, und die Sonne kommt durch. Da Sonntag ist, herrscht reger Betrieb auf der Düne. Die Elektriker hatten morgens ihr Zelt abgebaut. Als wir aus Carnac zurückkamen trafen wir sie noch vor der Rezeption und konnten ihnen Bonne Route wünschen. Auch das Zelt des jungen englischen Pärchens ist verschwunden.

Die Bewohner des großen Caravans, der während der Woche verlassen ist, sind gestern zurückgekehrt. Diesmal haben sie vier oder fünf Kinder dabei, die in zwei kleinen Iglus schlafen und nicht müde werden, mit dem zum Platz gehörigen Minitraktor, der einen Anhänger, voll beladen mit sehr gut gelaunten, kreischenden Kindern, hinter sich her zieht, übers Gelände zu kurven. Um ihr der Sonntagsruhe nicht unbedingt zuträgliches Treiben zu legitimieren, halten sie ab und zu in einer der Kuhlen des Wäldchens an und schaufeln demonstrativ ein paar Hände voll Kiefernnadeln in den Anhänger.

Nach einem kurzen Abendspaziergang über die Düne machen wir noch eine Runde über den Platz und entdecken in einem ziemlich abgelegenen Teil, zu dem normalerweise eine eigene Sanitäranlage gehört, die jetzt aber geschlossen ist, so etwas wie eine kleine deutsche Kolonie. Da stehen Caravans aus BRA und SP, ein Wohnmobil der Luxusklasse von der Größe eines normalen Reisebusses aus M und daneben noch ein minimal kleineres Modell aus MZ. Hinter einer der makellos blitzenden Fensterscheiben der mobilen Villa steht ein antiker Kerzenleuchter. Das hat Stil.

RR: Es ist ganz windstill, und die Mücken im und ums Zelt freuen sich, dass ich endlich wieder da bin.

KB: Oben auf der Düne sehen wir, wie die Wolkenbastionen im Osten von der untergehenden Sonne mit einem pinkfarbenen Häutchen überzogen werden.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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