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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac, Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes. |
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MO 25.9.06. Morgens ist es immer noch windstill, und unsere Nebenbeschäftigung während des Frühstücks besteht darin, mit einem feuchten Tuch Mücken zu klatschen. Damit RR ihren Stapel Ansichtskarten in den Briefkasten entsorgen kann, hüpfen wir kurz in die Post von Locmariaquer, wo wir zu unserer Verblüffung erfahren, dass es für die Dame hinterm Schalter keinen einheitlichen EU Tarif für Ansichtskarten gibt. Deutschland ist Ausland, und eine Karte nach dort kostet mehr als eine innerhalb Frankreichs… Auf dem Weg nach Pont Aven, unserem heutigen Ziel, führt die Straße ein paar Kilometer westlich von Carnac mitten durch ein Feld alter Steine. Zum Glück ist rechts ein Parkplatz, wo wir anhalten können. Eine Informationstafel belehrt uns, dass wir uns im Alignement de Kerzérho befinden, der mit über tausend Menhiren größten Steinallee der Gegend. Der „Kopf“ dieser Allee musste aus straßenbautechnischen Gründen „abgetrennt“ werden und liegt nun zwischen zwei flachen Wohnhäusern auf der anderen Straßenseite. Leider wird auch hier um die teils bis zu 6 Meter hohen Steine gerade der Rasen gemäht, so dass wir es vorziehen, nach einem kurzen Rundgang über einen schlammigen Pfad, der im Zickzack zwischen den Steinen hindurchführt, die Fahrt fortzusetzen. Wir befinden uns schon auf halbem Wege nach Port Louis, wo wir hoffen, etwas zu trinken zu bekommen und eine Pinkelpause machen zu können, als wir an einem ausgedehnten Parkplatz, der zu einem in der Ferne liegenden Hotelkomplex zu gehören scheint, vorbeikommen. Wir steigen aus, um, hinter einem Busch verborgen, zu pinkeln. Dabei beobachten wir eine Horde Jäger, die mit ihren Flinten, grünen Hüten und hechelnden Hunden in Geländewagen verschwinden, ohne uns hinter dem Busch bemerkt zu haben, und uns fällt ein, gelesen zu haben, dass seit gestern die grünen Deppen, die nicht aussehen, als hätten sie Skrupel, illegalen Pissern eine Ladung Schrot in den Hintern zu jagen, wieder in der Gegend herumballern dürfen. Da uns nun nichts mehr nach Port Louis hinzieht, wenden wir und müssen als nächstes Hindernis Lorient umfahren, das auf der anderen Seite des Mündungstrichters zweier Flüsse liegt, der fjordartig ins Land einschneidet und einen Umweg bis tief ins Landesinnere nötig macht. Erst bei Hennebont gelangen wir über eine Autobahnbrücke endlich auf die andere Seite. Eine Schnellstraße, die leider nicht schnell, sondern nur voll ist, führt zurück zur Küste. Meter für Meter arbeiten wir uns an Lorient vorbei, das im Zweiten Weltkrieg durch alliierte Bomben zu 85 Prozent zerstört worden war, weil die Nazis die Hafenanlagen zu einem riesigen U-Boot Stützpunkt ausgebaut hatten, der natürlich ständig bombardiert wurde, aber, Ironie des Schicksals, weitgehend, im Gegensatz zum zivilen Teil der Stadt, unversehrt blieb. Vor Larmor Plage ballt sich noch einmal der LKW-Verkehr, doch bald sind wir auf der schmalen, kaum befahrenen Küstenstraße, die durch eine sanfte Dünenlandschaft führt, in der sich Campingplätze, Segel- und Surfschulen verstecken. Umspült von den Wassern der auflaufenden Flut sehen wir in einer flachen, weit ins Meer hineinreichenden Klippenlandschaft das Fort Bloqué, dessen mächtige Mauern sich wie eine Fata Morgana vor dem Meereshorizont erheben. Hinter Guidel Plage führt die Straße wieder ins Landesinnere, dann durch feuchten Laubwald zurück zur Küste nach Le Pouldu. Le Pouldu besteht aus zwei Straßen, die von grauen Häusern gesäumt werden, und einem Parkplatz oberhalb der trostlosen Klippen, die einen noch trostloseren Strand begrenzen. Das Ganze nennt sich Le Pouldu Plage. Wir sind auf der Suche nach der Maison Marie-Henry, in dem vor über 100 Jahren Gauguin gewohnt hatte und wo sich jetzt ein kleines Museum befinden soll. Da wir die eine Straße bereits vergeblich abgesucht haben, bleibt nur die andere übrig, wo wir schließlich unter einem über die Straße gespannten Transparent parken, auf dem in großen Buchstaben „Musée Marie Henry“ steht. Das niedrige, unscheinbare Haus schmückt sich mit einer Tafel, auf der steht: „Je suis au bord de la mer dans une auberge de pêcheurs près d’un village de 150 habitants, je vis la comme un paysan sous le nom de sauvage.“ Paul GAUGUIN, Lettre à Mette, sa femme, Le Pouldu, Juin 1889. Er ist also am Ufer des Meeres und lebt in einer Herberge für Fischer in der Nähe eines Dorfes mit 150 Einwohnern und man hält ihn für einen ‚Wilden’ (oder er fühlt sich so, oder er lebt dort unter dem Namen Sauvage, das ist mir nicht klar). Das Museum hat natürlich Montags und Dienstags Ruhetag. Doch wir haben das Gefühl, dass wir nichts versäumen. Die Verlängerung der Straße führt steil hinab nach Le Pouldu Port, zum Hafen also. Dort hat ein Ausflugslokal geöffnet. Es ist frisch draußen, doch eine verglaste Ecke der Terrasse ist windgeschützt, und wir können unseren Grand Crème im Freien trinken. Der Blick geht auf einen weitläufigen Wirtshausgarten, in dem kleinwüchsige Palmen und eine hohe einheimische Seekiefer einträchtig nebeneinander wachsen. Das Licht des Ozeans, der sich fast bis zum Horizont zurückgezogen hat, zittert über den Sandbänken, die bei Ebbe die Hafenbucht absperren. Der Mann, der uns den Café brachte, hört, während er hinter der riesigen Theke im Inneren des Lokals Gläser poliert, Jazz der sechziger Jahre. Wir sind die einzigen Gäste und kommen uns ziemlich exotisch vor. Von Gauguin und seinen Freunden keine Spur. Als wir, nachdem wir schweren Herzens 4 Euro 70 für 2 Grands Crèmes bezahlt haben, an den Rand des Hafenbeckens treten, um einen Schwarm winziger Fische zu beobachten, der sich im klaren Wasser tummelt, bemerken wir ein Hinweisschild, das auf den „Chemin des Peintres“ aufmerksam machen will und in etwa erklärt, dass vor rund hundert Jahren Gauguin an dieser Stelle gegen die Mauer gepisst hat… Der an dem Hinweisschild angebrachte Pfeil, dem wir dann zu folgen uns verpflichtet fühlen, zeigt eindeutig in die Richtung eines Weges, der am Ufer der Hafenbucht entlang führt, auf der Landseite von nichts als feuchtem, schulterhohen Gestrüpp gesäumt ist und bald vor einer steilen, üppig mit dornigem Gebüsch bewachsenen Böschung als Sackgasse endet, ohne dass es unterwegs auch nur den geringsten Hinweis auf etwas zum „Chemin des Peintres“ Gehöriges gegeben hätte. Wir fühlen uns verarscht und kehren um. An der Mole schauen wir noch zu, wie ein Fischerboot von einem Traktor in Millimeterarbeit zwischen anderen abgestellten Booten hindurch eine steile Rampe hinab zu Wasser gelassen wird, dann verlassen wir den öden Ort. Auf dem Weg zum nur wenige Kilometer entfernten Moëlan biegen wir kurz in einen Feldweg ab, wo inmitten der Bocage, dieser Landschaft, wo jedes Feld von einer Hecke eingezäunt ist, eine runde steinerne Windmühle das hölzerne Gerippe ihrer Flügel in den Himmel reckt. Moëlan ist ein größeres Dorf mit einem von Geschäften gesäumten Platz, in dessen Mitte eine neugotische Kirche steht, die uns aber nicht interessiert. Was uns hier her führt, ist die Kapelle St. Philibert und St. Roch, die in unserem Reiseführer lobend erwähnt wird. Sie liegt ein paar Schritte vom zentralen Platz entfernt am Rande einer kleinen Parkanlage, die wiederum der Zugang zu einem großen Parkplatz ist, was darauf schließen läßt, dass hier während der Saison einiges los ist. Doch heute bleibt die Kapelle, so oft wir sie auch, heidnische Beschwörungsformeln murmelnd, umrunden, geschlossen. Das Kirchlein, mit dem nicht sehr hohen gotischen Turm, in dem zwei Glocken hängen, macht einen gebrechlichen Eindruck, und wir sind nicht weiter betrübt darüber, dass es uns sein Innerstes nicht sehen lassen will, denn der im Freien stehende Calvaire ist interessant genug. Die Kreuzigungsgruppe ist zwar sehr verwittert, doch ist deutlich zu sehen, dass auf beiden Seiten des Kreuzes ein Mensch hängt, doch nur einer ist gekreuzigt, der andere läßt die Arme locker herab hängen… Eine Kuriosität am Rande: Die unweit des Kapellenbezirks liegende Fontaine St. Roch soll Kleinkindern gegen Blähungen helfen, wenn man ihnen ein Leibchen, das zuvor in die Quelle getaucht worden war, überzieht… Zurück auf dem Platz mit der hässlichen Kirche kaufen wir beim Bäcker leckeren Apfelkuchen und stellen aus dem Auto heraus fest, dass die Damen schon Kragen mit Pelzbesatz tragen. Vor dem Bäckerladen hatte ich gehört, wie eine Frau mit ihrem Hund deutsch sprach. Ein paar Minuten später sind wir in Pont Aven, dem eigentlichen Ziel des heutigen Tages, das sich Cité des peintres et capitale de la Galette nennt, also die Stadt der Maler und die Hauptstadt der Butterkekse… Der alte Spottvers, „Pont Aven ist eine Stadt, die 14 Mühlen und 15 Häuser hat“, Pont Aven, ville de renom, quatorze Moulins, quinze maison, stimmt, was die Mühlen betrifft, immer noch, was die Häuser betrifft, so muß man sagen, es sind ein paar mehr geworden. Die Mühlen mahlen auch nicht mehr, es befinden sich jetzt Kneipen, Boutiquen und Galerien darin, oder einfach Läden, die alles, was man nicht braucht und eben - Butterkekse verkaufen. An vielen Ecken des Städtchens stehen Damen und Herren jeglichen Alters hinter einer Staffelei und versuchen, sich selbst zu verwirklichen, wobei ihnen immer mal wieder ein Tourist über die Schulter schaut. 1886 war Gauguin nach Pont Aven gekommen. Im Glanz seines Namens sonnt sich das Städtchen immer noch, obwohl man damals eher geneigt war, seine Bilder in den Aven zu schmeißen. An den Fassaden der Butterkeksbäcker leuchten originalgetreue Reproduktionen seiner bretonischen Bäuerinnen, die er hier gemalt hatte und die sich mitnichten in diesen Bildern wieder erkannt hatten. Ansonsten erinnern eine überlebensgroße Büste aus Granit und ein paar Gedenktafeln an den ehemaligen Pensionen, in denen er - oft ohne die Miete bezahlen zu können - gewohnt hatte, an den großen Maler, der sich 1889 nach Le Pouldu zurückzog, da der von der „Schule von Pont-Aven“ angezogene Tourismus das Leben in dem Städtchen so sehr verteuert hatte, dass seine bescheidenen Mittel nicht mehr ausreichten. Heute könnte er mit dem Geld, das seine Bilder auf dem Kunstmarkt wert sind, den ganzen Ort, wenn nicht die halbe Bretagne aufkaufen. Zwei Jahre später setzte er sich nach Tahiti ab, wo das letzte Bild, das er vor seinem Tode malte, eine bretonische Winterlandschaft ist… Auf der Terrasse einer Crêperie, direkt gegenüber dem Brückchen, das den idyllischen Aven überquert (Vorsicht Staffeleien!), bestellen wir zwei Bollets und bekommen zwei winzige Fläschchen(!) Cidre serviert für 5 Euro 20. Das ist rekordverdächtig. Da wir die Preise in Le Pouldu bereits kennen, hätte Gauguin heute kaum noch die Möglichkeit, sich dorthin zurückzuziehen. Während verfettete französische Touristen ihre gar nicht mehr gallisch eleganten Erscheinungen an der Terrasse vorbei schieben, nippen wir an unserem Cidre und schauen auf mindestens drei Butterkeksbäckereien. Anschließend machen wir noch einen Spaziergang am Ufer des Aven entlang, der munter über flach geschliffene Kiesel und an mächtigen Granitfindlingen vorbei im Gegenlicht der schon tiefer stehenden Sonne zum Ozean dahin plätschert. Ehe wir über eines der eisernen Brückchen gehen, die in die Altstadt zurück führen und unweigerlich in einer entweder zum Restaurant oder zur Galerie ausgebauten Mühle enden, machen wir noch die Bekanntschaft eines Mannes in mittleren Jahren, der uns erst auf Französisch anspricht, dann aber sein Schulenglisch aktiviert, mit dessen Hilfe er versucht, uns eine Schallplatte von Kim Wilde zu verkaufen. Da er etwas angetrunken ist oder unter Drogen steht oder gerade eine manische Phase hat, ist unsere Kommunikation nicht sehr ergiebig. Zumal ich keine Ahnung habe, wer Kim Wilde ist. Wir erklären ihm, dass wir gar keinen Plattenspieler haben und verabschieden uns mit einem freundlichen Lächeln von ihm und auch von dem Städtchen. So schnell wie möglich zur Autobahn und auf kürzestem Weg zurück zum Iglu, das ist jetzt unser einziges Bedürfnis. Trotzdem machen wir, da es direkt am Weg liegt, noch einen Abstecher in das Dörfchen Nizon. Dort steht vor dem Kirchlein aus dem Jahre 1604 ein Calvaire mit einem gekreuzigten Christus, den Gauguin als Vorbild für sein berühmtes Bild „Der gelbe Christus“ genommen hatte. Das Original aus grauem Granit vor dem weiten, blassblauen Spätsommerhimmel scheint mir eindrucksvoller als das Bild von Gauguin, das ich allerdings nur als Reproduktion kenne. Vor dem Hintergrund einer eindimensionalen Dünenlandschaft hängt der gelbe Christus dort, beklagt von drei betenden bretonischen Bäuerinnen, für meine Begriffe allzu plakativ am Kreuz. Davon abgesehen, haben die meisten Darstellungen der nur mit einem Lendenschurz bekleideten Leiche eines bärtigen Mannes, die an ein Holzkreuz genagelt ist, nie so ganz vermocht, mich in einen Zustand ästhetischer Verzückung zu versetzen. Das Innere der alten Kirche macht mit seinen hellen Wänden und den schönen bunten Glasfenstern einen sehr freundlichen Eindruck. Hier ist der liebe Gott mal wieder zum Anfassen. Auf der N 165 brauchen wir nur eine gute Stunde bis zum Iglu. Hätten wir in Auray nicht die falsche Abfahrt genommen, wären wir noch schneller da gewesen. So fahren wir einen Riesenumweg und nähern uns Crac’h von Westen statt wie sonst von Norden her. Die Fischsuppe aus dem UTILE mit aus Gummibaguette hergestellten Croutons schmeckt köstlich. Der Wind hat gedreht, und wir müssen den anderen Zelteingang öffnen. RR: Gegen halb neun kommt die erste Mücke. Wir haben 16 Grad. Sobald gegen neun die Laterne hinterm Iglu angegangen ist, kommen zwei Fledermäuse und holen sich ihr Abendessen - Mücken. KB: Der rote Sonnenuntergang ist von schauriger Erhabenheit. Bis auf die übliche flache Wolkenbank, die für Diskretion beim Versinken hinterm Horizont sorgt, gibt es nur ein paar verwehte Kondensstreifen am klaren Himmel, an dem wir bis gegen Zehn die Sterne betrachten. |
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| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | ||||||||||||||||||||||||
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