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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
MO 11.9.06.
KB: Nach einem Frühstück im Stehen brechen wir um kurz nach halb Zehn auf. Wir haben beide sehr schlecht geschlafen. Die erste Nacht im Zelt ist immer problematisch, und hier kam noch das Rauschen des Wassers hinzu, das ununterbrochen munter über die Felsen gurgelte und derart laut wurde in der zweiten Nachthälfte, dass wir das Gefühl hatten, am Rande einer viel befahrenen Autobahn zu zelten.

Ursprünglich hatten wir vorgehabt, auf schnellstem und kürzesten Wege über Orléans, Le Mans, Laval und Rennes in die Bretagne zu fahren. Doch gestern Abend haben wir die heutige Route geändert und beschlossen, ab Orléans durch das Loiretal zu fahren, da wir annehmen, dass dort mehr zum Übernachten geeignete Campingplätze zu finden sind.

Im nur 50 Kilometer entfernten Troyes machen wir einen ersten kurzen Stop. Das mittelalterliche Städtchen hat eine sehr authentische historische Altstadt, die aus der Vogelperspektive in ihren Umrissen einem Sektkorken ähneln soll. Was wir zwar nicht nachprüfen können, doch die krummen Gässchen mit bunten Fachwerkhäusern sind wirklich reizend. Im Abstand von wenigen hundert Metern gibt es eine Kathedrale und zwei kleinere Kirchen, und dazwischen viele, viele Kneipen, wo die weiß beschürzten Garçons die Tische im Freien bereits zum Mittagessen eindecken. Die Stadt soll einmal über 112 Kirchtürme besessen haben. Mit dem Läuten der darin befindlichen Glocken wird man ganz schön zu tun gehabt haben. Alles in allem gefällt uns die Atmosphäre des Städtchens und wir können uns vorstellen, einmal länger hier zu verweilen, heute jedoch ruft uns der Parkscheinautomat zum Auto zurück.

Über Sens, Montargis geht es weiter auf der N 60 in Richtung Orléans, in dessen Nähe unser heutiges Etappenziel, St. Aye, liegt, wo es einen wunderschönen Camping direkt am Ufer der Loire gibt, auf dem wir vor sieben Jahren, auf dem Weg zur Côte d’Argent, zwei Nächte verbracht hatten. Um den Großraum Orléans zu vermeiden, biegen wir bei Chateauneuf sur Loire von der Nationalstraße ab. Die Loire beschreibt hier einen großen Bogen. Aus Südosten kommend fließt sie bei Orléans in südwestliche Richtung weiter. Die gedachte Sehne dieses Bogens führt fast genau von Chateauneuf nach Beaugency, in dessen unmittelbarer Nähe St. Aye liegt. Die schmale, kaum befahrene Departementstraße geht an kleinen grauen Dörfern vorbei, und man fühlt sich sehr am Arsch der Welt. Endlich, nachdem wir eine endlose Baustelle passiert haben und nur hoffen können, dass uns der noch nicht geteerte Split keine Löcher in das Bodenblech geschlagen hat, erreichen wir La Ferté-St-Aubin, wo ein Straßenschild verkündet, dass es hier tatsächlich nach Beaugency auf der anderen Seite der Loire geht.

St. Aye, wo der Camping sein müßte, ist nicht mehr als 5 Minuten Fahrt von Beaugency in Richtung Orléans entfernt. Wir durchfahren den kleinen Ort, der fast unmerklich in den nächsten übergeht, so lange bis wir der Jungfrau von Orléans fast unter die Röcke gucken können, doch ein Hinweisschild zu unserem alten Platz am Ufer der Loire gibt es nicht, auch nicht auf dem Rückweg. Scheiße! Wir sind müde, haben Hunger, aber keinen Appetit mehr, der Autoatlas ist nicht sehr ergiebig in Bezug auf Campingplätze. Es ist später Nachmittag, und wir wüßten gern, wo wir heute Nacht unser Haupt betten. Voller Groll darüber, dass ein Campingplatz einfach verschwindet, fahren wir auf den Parkplatz eines riesigen Supermarktes, wo wir uns darauf einigen, dass wir nicht mehr tun können, als auf der belebten Nationalstraße weiter in Richtung Westen zu fahren und uns auf unser Glück zu verlassen.

Der erste Platz, den wir in der Nähe von Beaugency anfahren, hatte bereits am 3. September geschlossen. Der zweite Platz, hinter den dicken Steinmauern eines herrschaftlichen Anwesens verborgen, dito. Die freundliche Madame an der Tankstelle, die wir um Rat fragen, möchte uns zu dem Camping nach Beaugency schicken, von dem wir gerade kommen und ist genau so erstaunt wie wir, als sie erfährt, dass bei diesem herrlichen Spätsommerwetter so viele Plätze schon dicht gemacht haben...

Auf unser Glück vertrauend fahren wir weiter, der schon ziemlich tief stehenden Sonne entgegen. Auf der Höhe von Mer ist im Auto Atlas auf der anderen Seite der Loire ein Camping verzeichnet. Den Weg dort hin erkennen wir sofort wieder, denn es ist genau die Départementstraße, auf der wir im Jahr 1999 nach Chambord gefahren waren. Schon von der eisernen Brücke aus, die mit imposanten Bögen die Loire überspannt, sehen wir zur Rechten unten am Ufer etwas, das ein Camping sein könnte. Gleich hinter der Brücke ist dann auch die Zufahrt zum Platz. An einem Holzpfahl hängt ein handgeschriebener Zettel. „Geschlossen ab 10.9.“… Heute ist der 11.9. Wie schön. Doch wir lassen uns nicht abschrecken, denn wir meinen, in der Ferne am äußersten Rand der großen Wiese einen oder mehrere Caravans zu erkennen. Und siehe da, an der Tür der Rezeption hängt ebenfalls ein handgeschriebener Zettel, auf dem steht, dass man wegen des schönen Wetters erst am 15. September schließt…

RR: KM-Stand bei Ankunft: 830. Das bedeutet, wir sind heute 330 Kilometer auf National- und Départementstraßen gefahren. Mehr ist an einem Tag nicht drin. Während der Fahrt hatte ununterbrochen die Sonne aufs Auto geknallt. Potentielle Parkplätze am Rande der teilweise schnurgeraden Straße lagen immer so, dass wir gar nicht erst aussteigen mussten, um zu sehen, dass es keinen Schatten gab. Erst am frühen Nachmittag fanden wir einen Parkplatz mit Imbißwagen, Tischen und Stühlen unter Sonnenschirmen, wo Fernfahrer saßen und riesige mit Fritten gefüllte Baguettes verzehrten. Wir tranken einen Kaffee und fuhren weiter.

Um 8 Uhr abends haben wir noch 25 Grad. Es ist schwül und völlig windstill. Neben uns das kleine Zelt eines Pärchen aus Leipzig mit einem 3-4-jährigen Töchterchen. Der Papa, Typ Späthippy, hat vorn eine Platte, hinten ein dünnes Zöpfchen und versucht ziemlich erfolglos und mit mäkelnder, vorwurfsvoller Stimme, das Kind zu erziehen. Die Mama sieht und hört gelassen zu und erklärt dem Töchterchen dann und wann, warum der Papa dauernd meckern muß. Und das alles in einem gepflegten Sächsisch.

Um halb Elf sind es noch 21 Grad, und wir gehen schlafen. Der Platz ist im Lauf der letzten Stunden immer voller geworden. Wir schließen daraus, dass er als einziger in der Gegend noch geöffnet hat. Viele Leute sind mit dem Zelt unterwegs.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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