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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
DI 12.9.06.
KB: Der Platz ist sehr ruhig nachts, und wir haben beide gut geschlafen. Kurz vor halb acht stehen wir auf. Bei 15 Grad können wir gemütlich frühstücken und auf die Loire schauen, die gleichmäßig dahin fließt. Wir hatten schon gestern Abend beschlossen, heute nicht weiterzufahren, sondern einen Ruhetag einzulegen. Deshalb lassen wir uns Zeit. Daß die Sonne uns heute vor sich her treiben wird, beginnen wir zu ahnen, als es um 10 Uhr schon fast unerträglich warm wird, weil es hier keinen Schatten gibt. Den gibt es erst am späten Nachmittag.

Ungefähr 200 Meter kann man stromabwärts auf einem Trampelpfad zwischen Ufer und Böschung gehen, dann hört der Weg leider auf und führt zum dem Dorf Muides-sur-Loire hinauf. Am neuen Dorfgemeinschaftshaus vorbei führt ein Sträßchen zur Kirche, die grau und alt unter dem blaßblauen Spätsommerhimmel steht. Innen ist sie karg aber freundlich, und der liebe Gott ist zum Anfassen. Leise Orgelmusik ertönt vom Band. Auf dem Platz vor der Kirche rauschen hohe alte Bäume, auf der Rückseite der Kirche steht ein breit ausladender Birnbaum auf einer frisch gemähten Wiese, umgeben von alten, grauen Bauernhäusern mit bemoosten Dächern. Ein älterer Monsieur steigt mühsam aus seinem Auto, macht sich am Kofferraum zu schaffen und trägt schließlich Einkaufstüten durch ein herrschaftliches, schmiedeeisernes Tor zum Haus. Wir wünschen ihm freundlich einen Guten Tag.

Hinter einem winzigen, künstlich angelegten Park mit ein paar Holzbänken und einem Kinderspielplatz führt ein Weg an einer Mauer entlang zum zentralen Platz des Ortes mit Postamt, Bäcker, Metzger, Bistro. In der Charcuterie erstehen wir drei Bratwürste. An alles, was mit Andouilles oder Rillettes zu tun hat, trauen wir uns, obwohl Spezialitäten der Gegend, nicht heran, denn es hat etwas mit Kutteln zu tun, und dafür sind wir noch nicht reif genug. Im Tante Emma Laden gegenüber kaufen wir Wein und Tomaten und in der Boulangerie ein Baguette. Damit sind wir für heute versorgt.

Bis zum Iglu sind es nur einige hundert Schritte. Wir stellen fest, dass fast alle Zelte, die gestern Abend hier standen, verschwunden sind. Nur die Leipziger erziehen noch immer ihr Töchterchen. In der Sonne sind es 32 Grad. Wir sind gar nicht amused. Eine etwa 50 Meter entfernte, hohe Pappel wirft einen lichten Schatten, in den wir samt Tisch und Stühlen gerade hineinpassen. Da ich keine Lust habe, die komplette Kücheneinrichtung ebenfalls in den Schatten zu transportieren, muß ich während des Bratens der Würste in der prallen Sonne ziemlich leiden. Wir können gerade noch unser Mittagessen verzehren, dann hat die Sonne einen solchen Stand erreicht, dass auch die Pappel nur noch einen handtuchbreiten Schatten spendet.

Obwohl wir keine große Lust haben, etwas zu unternehmen, aber einsehen müssen, dass wir nicht in der prallen Sonne herumhängen können, setzen wir uns ins Auto und fahren die paar Kilometer bis zum Parc von Chambord, der das gleichnamige Schloß umgibt und flächenmäßig ungefähr so groß wie Paris sein soll. Hier finden zur Eröffnung der Jagdsaison die großen Staatsjagden statt mit royalistischem Pomp und republikanischem Halali. Wer hier nicht eingeladen ist, aus dem wird nie was Gescheites. Von der schnurgeraden Allee, die auf das Schloß hinführt, gehen rechts und links Wanderpfade ab. Wir nehmen gleich den ersten schattig aussehenden Parkplatz. Die Bäume sind nicht sehr hoch, der Schatten daher arg durchlöchert. Der Sentier les Brosses, laut Langenscheidt: der Bürstenpfad (!?), ist staubig und schmal und führt uns in eleganten Windungen durch Farne und Buschwerk in einem weiten Bogen zurück zum Auto. Das hat nicht länger als eine halbe Stunde gedauert, und der Tag ist noch lang.

Da uns nichts besseres einfällt, fahren wir zurück zum Platz, wo wir eine Pinkelpause einlegen und leider akzeptieren müssen, dass es immer noch keinen Schatten gibt und in der freien Natur heute wohl auch nicht geben wird. Den wird es nur da geben, wo es möglichst hohe Mauern und möglichst enge Gassen gibt. Aus dieser Überlegung heraus fahren wir weiter nach dem kleinen Städtchen Mer, das auf der anderen Seite der Loire liegt. Als wir auf dem dortigen Parkplatz aus dem Auto steigen, haben wir das Gefühl, auf einer heiße Herdplatte zu stehen. In den winzigen Schatten einer Mauer geduckt, gelangen wir nach wenigen Schritten in ein Gässchen, dessen Topografie zum Glück so beschaffen ist, dass sie die Sonne bei ihrem derzeitigen Stand weitgehend ausschließt. Ermattet sinken wir in die bequemen Korbsessel auf der kompromisslos schattigen Terrasse eines Bistros, bestellen Panachée und Pastis und warten darauf, dass endlich die Sonne untergeht…

Als wir gegen 4 Uhr zum Platz zurückkehren, können wir uns einigermaßen im Schatten einer Espe einrichten, die mit ihrem dichten Blätterdach die Sonne abhält. Es ist sehr windig. Wir trinken Rotwein, essen Käse, betrachten mit Genugtuung einen glühenden Sonnenuntergang, registrieren die weiterhin fruchtlosen Erziehungsversuche des Leipziger Zopfträgers, der nach Einbruch der Dunkelheit ein diskretes Lagerfeuer anzündet und sinnieren darüber, was die Worte der Dame von der Rezeption wohl bedeuten mögen, die prophezeit hatte, dass das Wetter so bleiben werde wie heute, denn mit solchen Vorhersagen positiv denkender Franzosen hatten wir nicht nur einmal schlechte Erfahrungen gemacht…
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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