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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
DO 14.9.06.
Wir haben trotz des Regengeprassels gut geschlafen und sind schon kurz nach sieben Uhr wach. Punkt viertel nach fahren die beiden Männer mit der Hebebühne zur Arbeit. Wir frühstücken im Stehen. Alles ist naß, und wir beeilen uns, zwischen zwei Schauern unseren Haushalt im Kofferraum zu verstauen. Als wir kurz nach neun vom Platz fahren, beginnt es wieder zu regnen.

Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit fahren wir aufs rechte Ufer, wo uns nach wenigen Kilometern die N 23 ohne Probleme um Nantes herum führt. Hinter Nantes beginnt die bretonische Autobahn, die sich aber nur Nationalstraße nennen darf, da sie im Gegensatz zu den übrigen französischen Autobahnen gebührenfrei ist, was als eine Art „Entwicklungshilfe“ der Zentralregierung für diese abseits gelegene Region gedacht ist…

Es herrscht reger Verkehr. Der leichte Nieselregen hört allmählich auf, und der Himmel wird höher und etwas heller. Wir sind guter Dinge, auch wenn die Bretagne, von der Straße aus gesehen, wie jede x-beliebige, verregnete Hügellandschaft aussieht. Kurz vor Auray taucht das erste Schild auf, das auf Carnac mit seinen Steinalleen hinweist. Wenig später erreichen wir die Ausfahrt Locmariaquer, wo wir die Autobahn verlassen.

Den Ort hatten wir anhand des Reiseführers ausgesucht, weil es hier Campingplätze gab, die bis in den Oktober hinein noch geöffnet waren. Außerdem wegen der alten Steine und natürlich wegen der Nähe zu Carnac mit noch viel mehr alten Steinen. Gleich nach der Ausfahrt fahren wir auf den riesigen Parkplatz einer Crêperie, die, wie nicht anders zu erwarten, geschlossen hat. Daher müssen wir notgedrungen einen Teil unserer Körpersäfte in einem kleinen Wäldchen am Rande des Parkplatzes entsorgen.

Was wir während der nun folgenden 11 Kilometer bis zur Küste rechts und links der Landstraße sehen, ist nicht dazu angetan, uns zu Begeisterungsausbrüchen hinzureißen. Feuchtes, niedriges Buschwerk, ein kleiner Ort, der Crac’h heißt, ein bunt angemaltes Gewerbegebiet und überall scheußliche, einstöckige Häuser, deren gleichförmig phantasielose Architektur neben der Tatsache, dass überall die Rolläden unten sind, darauf hindeutet, das es Ferienhäuser außer Dienst sind. Unser Jubel hält sich also in Grenzen, als wir am nördlichen Ortsrand von Locmariaquer das Hinweisschild zu einem der Campings erblicken, die wir uns ansehen wollen.
Der Platz nennt sich La Ferme Fleurie, weil er direkt neben einem Bauernhof liegt, der über und über mit bunten Blumen bewachsen ist und entspricht nicht unbedingt unseren Vorstellungen. Auf einem langen, schlauchförmigen Stück Wiese reihen sich etwa 30 Stellplätze aneinander, von denen fast jeder von einer, teilweise fest installierten, Wohnburg besetzt ist. Obwohl durch Hecken oder Jägerzäune voneinander getrennt, kann man dem Nachbarn in den Kochtopf gucken. Die Sanitäranlagen sind winzig, der Preis pro Nacht happig, 13 Euro 50. Außerdem haben wir das Gefühl, dass die Leute hier lieber unter sich bleiben möchten, denn wir werden ziemlich mißtrauisch beäugt. Die Entscheidung, diese mobile schwäbische Reihenhaussiedlung schnellstens wieder zu verlassen, fällt uns daher nicht schwer.

Nach etwa einem Kilometer wird der Himmel ganz weit und von feinstem Blau. Wir sind am Meer. Die schmale Küstenstraße auf dem Dünenkamm ist nur in eine Richtung befahrbar. Rechts unten der Strand, links der ausgedehnte Camping Municipal De La Falaise. Dort schauen wir uns um und beschließen zu bleiben. Der Preis von 10 Euro 50 pro Nacht hat keinen geringen Anteil an dieser Entscheidung.

Das Gelände schmiegt sich in eine sanfte Dünenlandschaft. Der Platz ist nicht leer, aber auch nicht voll. Gerade so, dass man nicht allein ist, aber dem Nachbarn auch nicht auf der Pelle hockt. Wir installieren uns am Rande eines kleinen Wäldchens, das aus einer mit rotbraunen Kiefernnadeln bedeckten Sandkuhle besteht, um die herum etwa ein halbes Dutzend Seekiefern stehen, die mit ihren gekrümmten, teils sich wie Schlangen über den Erdboden windenden, mächtigen Stämmen unmißverständlich klarmachen, aus welcher Richtung der Wind weht.

Um komplett installiert zu sein, ist es heute nicht damit getan, wie bisher in 20 Minuten das kleine Iglu aufzubauen, Tisch und Stühle in den Wind zu stellen und dann die Beine in die Sonne zu strecken; die Zeiten sind vorbei, denn wir haben uns ein größeres Zelt, ebenfalls in Form eines Iglus, angeschafft, in dem man außer schlafen auch stehen, sitzen, wohnen und kochen kann. Beim Probeaufbau im Garten hatten wir uns schwer getan und waren erschlagen gewesen von der Masse Zelt, die da vor uns stand. Deshalb hatten wir beschlossen, um uns unsere Mobilität durch solch ein Riesendrum nicht beschneiden zu lassen, auch weiterhin mit dem kleinen Ding zu reisen und die Regenstunden wie gehabt im Auto zu verbringen. Diese Entscheidung erleichterte uns ungemein, und wir verstauten das ganze Gelumpe auf dem Hängeboden. Beim Packen des Autos hatte ich dann bei der Vorstellung einer von dunklen Regenwolken verhangenen und sturmzerzausten Bretagne doch Skrupel bekommen und die schwere Zelttasche ganz unten und ganz hinten im Kofferraum versteckt, wo sie nicht mehr Platz weg nahm als sonst unsere Weinvorräte, die wir nach Frankreich nicht mitzunehmen brauchten. Für unterwegs das kleine Iglu, für einen längeren Aufenthalt das große, mit diesem Kompromiß konnten wir leben.

Der Aufbau unter dem weit ausladenden, mächtigen Ast einer Seekiefer, der uns vor zu viel eventueller direkter Sonnenbestrahlung schützen soll, dauert ca. eineinhalb Stunden, da wir noch keine Übung haben. Aber wenn so ein großes Ding dann steht, ist es doch ganz angenehm. Diese Erfahrung machen wir gleich nachdem wir den letzten Hering im Sandboden versenkt haben, denn es beginnt heftig zu regnen, und wir genießen es, im Trockenen zu sitzen. Zwar tropft es an drei Stellen ein bißchen durch, doch das muß man in Kauf nehmen, denn das Zelt ist, weil made in China, natürlich sehr preiswert gewesen.

Etwa 300 Meter vom Platz entfernt gibt es einen großen UTILE Supermarkt, wo wir Putenschnitzel, Tomaten, eine Gurke und ein Gummibaguette kaufen. Die Preise für Lebensmittel entsprechen etwa denen im REWE in Frankfurt, die Preise für Wein etwa denen bei ALDI. Es gibt Cidre in vielen Variationen ab 1 Euro die Flasche. Wir können also zufrieden sein, es gibt alles, was das Herz begehrt. Sogar eine angestaubte Telefonkarte sucht der junge Mann aus der untersten Schublade eines Schranks im hinter den Kassen liegenden Glaskasten der Filialleiterin heraus. (RR: Wir haben zwar unser Handy dabei, wollen uns aber auch in diesem Urlaub von einer Telefonzelle aus melden. Falls irgendetwas ist, können die Kids auf die Mailbox sprechen, die wir jeden Abend abhören).

Wir teilen Sarahs Anrufbeantworter in Frankfurt mit, daß alles ok. ist und machen uns auf zu einem Inspektionsrundgang. Die Sanitäranlagen sind nicht luxuriös aber ausreichend und funktional. Klopapier gibt es keines. Duschen sind natürlich frei. Die Kabinen etwas eng, mit einer winzigen Ablagemöglichkeit und nur einem Haken. Dafür entdecken wir aber mit geschultem Camperblick sofort die geräumige Waschkabine für Mutter und Kind. Das Waschbecken hat die Größe einer Kinderbadewanne, und es gibt eine Handdusche. Ideal zum Haare waschen. Wir sind restlos zufrieden. Idealere Bedingungen als hier, kann es nicht geben. Preis, Leistung, Infrastruktur – alles stimmt! Wir versichern uns immer wieder gegenseitig, daß wir gar nicht wissen, womit wir so viel Glück verdient haben.

Der Regen hat inzwischen aufgehört und der mäßige Wind aus Nordwest den Himmel blank gefegt.

Zum Strand sind es vom Iglu aus knapp 30 Meter. Man geht durch eine kleine Pforte im Zaun, überquert die schmale Straße, auf der ab und zu ein Caravan fährt und steht oben auf der nicht sehr hohen, mit kurzem Gras bewachsenen Düne, die in einen veralgten, bei Ebbe ziemlich breiten Strand übergeht. Aus sandigem Schlick wachsen bizarre, rostfarbene Felsformationen hervor, die bei Flut vollständig mit Wasser bedeckt sind. Da der Wind heute vom Land kommt, dümpelt das Meer träge vor sich hin. Im Westen ahnt man die flache Küstenlinie der Halbinsel Qiberon, am südlichen Horizont die Belle Ile, die Schöne Insel, auf der Sarah Bernhardt mit illustren Gästen dereinst ein luxuriöses Sommerhaus hoch über den Klippen bewohnte. Im Südosten das offene Meer, das sich bis zum Golf von Biscaya und der nordspanischen Küste erstreckt.

Wir gehen einige hundert Meter in westliche Richtung bis zu dem Punkt, wo der Strand in eine niedrige Steilküste übergeht und sich eine etwa einen Kilometer tiefe und breite Bucht öffnet, die kleineren Fischerbooten und Seglern als natürlicher Hafen dient. Auf der Landspitze, an drei Seiten von grünem Buschwerk umgeben, der Dolmen des Pierres Plates. Das knieförmig gebogene Langgrab ist bis zu den flachen Steinen, die die Grabkammer überdachen, noch mit Erde bedeckt und macht daher einen sehr authentischen Eindruck. Es ist kein durch Erosion entstandenes, über der Erde liegendes Kunstwerk, sondern eine unterirdische Grabkammer, die vor 5000 Jahren die Gebeine hochgestellter Persönlichkeiten beherbergt hat. Wäre nicht der eindeutig von Menschenhand geschaffene Eingang, so könnten die Deckensteine auch eine natürliche Felsformation sein. Im Eingangsbereich steht knöcheltief Regenwasser, so daß wir nur kurz den Kopf ins muffige Grabesdunkel reinstecken und ein Foto von den Ritzzeichnungen machen, die uns allerdings nicht viel sagen. Was uns eher anrührt ist, daß man vor so langer Zeit schon versucht hatte, dem menschlichen Leben so etwas wie Ewigkeit zu verleihen, indem man die sterblichen Überreste vor dem Hintergrund der unendlichen Weite von Meer und Himmel bestattete. Auch dass man daran gedacht hatte, uns ein schönes Fotomotiv zu hinterlassen, wissen wir zu schätzen.

Wir machen noch ein paar Schritte an der Steilküste entlang und bestaunen die Gesteinsformationen, die die Erosionstätigkeit von Wind und Wasser im Laufe der Jahrtausende geschaffen hat und die uns manchmal an die Decke der Säulenhalle in Gaudís Parc Güell in Barcelona erinnern, die wir erst vor kurzem bewundert hatten. Auch hier sehen die Granitfelsen aus, als müßten sie jeden Moment zu Staub zerbröseln. Doch wir wissen, sie werden noch Hunderte von Jahren in dieser Form überdauern.

Später auf Nr. 52 hauen wir die Putenschnitzel in die Pfanne. Dazu gibt es Tomate und Gurke und Gummibaguette. Ein hervorragender Chinon von der Loire paßt wunderbar dazu. Wir sind restlos zufrieden und bedauern die belgischen und französischen Rentner um uns herum, die um 8 Uhr abends schon in ihren Wohnklos vor der Glotze sitzen, während wir aufs dezent angestrahlte Kiefernwäldchen schauen und den Himmel über der Bretagne ganz für uns allein haben. Nur ab und zu latschen Obelixe, ihre Idefixe an der Leine, an unserem Zelt vorbei, während ein paar Meter entfernt ein Igel durch die Hecke klirrt.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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