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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac, Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes. |
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SA 16.9.06. Gegen 9 Uhr messen wir 15 Grad. Die Sonne gibt ein kurzes Gastspiel, dann verschwindet sie hinter den aus Westen heranziehenden Wolken. Nachdem wir im UTILE unser Mittagessen und Wein eingekauft haben, machen wir uns auf die Suche nach den größeren Steinen, für die Locmariaquer berühmt ist. Wir wissen, sie können höchstens 2 Autominuten von uns entfernt sein. Als wir nach 10 Minuten Fahrt in Richtung Auray/Autobahn immer noch kein Hinweisschild gesehen haben, fahren wir auf den Parkplatz einer Trucker-Kneipe, wo sich eine Informationstafel befindet. Und siehe da, wir werden in unserer Ahnung, dass wir die Steine förmlich müssten riechen können, bestätigt. Wir brauchen nur zu wenden und in die Richtung, aus der wir gekommen sind, zurückfahren. Und für die Touristen, die ja zwangsläufig immer aus dieser Richtung kommen, gibt es natürlich Hinweisschilder zu den Sites Megalithiques, zum Grand Menhir Brisé und dem Table des Marchand. Für die Einheimischen, die aus Richtung Locmariaquer kommen, braucht man die sicherlich nicht, und wir sind ja sozusagen Einheimische, die sich nur noch nicht so richtig auskennen. Auf dem Parkplatz stehen nur wenige Autos. Das lässt hoffen, dass wir einsame Zwiesprache mit den Steinen halten können. Doch dazu müssten wir erst einen klotzigen Pavillon aus Beton und Glas durchschreiten, in dem die Nachfahren keltischer Wegelagerer die Hand aufhalten (5 € will man haben). Uns dämmert, die Steine sind kaserniert. Wir gehen am quietschegrünen Maschendrahtzaun entlang, den man mit Buschwerk versucht hat, blickdicht zu machen. Doch der Lücken sind gar viele. Mittellose Kulturreisende müssen ab und zu mit Gartenscheren angerückt sein. So haben wir keine Probleme, uns den in vier Teile zerbrochenen „größten Menhir der Welt“ aus nächster Nähe anzusehen. Doch er beeindruckt uns nicht. Sein Gewicht von 350 Tonnen ist rein virtuell, genau wie seine Höhe von über 20 Metern, wenn er denn in einem Stück vor uns stünde. So wie es einen Unterschied macht, ob man einem ausgewachsenen Elefanten mit seinem Mahout auf einer südindischen Landstraße begegnet, oder ob man ihm im Zoo, durch Wassergräben von seiner betonierten Kunstlandschaft getrennt, gegenübersteht, so hat auch der Stein durch die Internierung seine Aura verloren, er ist tot, er spricht nicht zu uns. Kein Schauer kriecht über den Rücken. Auch der Table des Marchand, ein riesiger Tumulus, ist nichts weiter als ein Haufen ordentlich übereinander geschichteter Steine inmitten einer gepflegten grünen Parklandschaft. Innen soll es bedeutende Ritzzeichnungen geben, die uns aber nicht locken können, über den Zaun zu klettern. Heinrich Heine, der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts im Zuge seiner Recherchen zu dem Aufsatz über die „Elementargeister“ auch in Lok Maria Ker (so Heines Schreibweise) gewesen war, hatte behauptet, in den Tumuli, die über die Halbinsel verstreut lagen, und insbesondere im Table des Marchand, hausten „Korrigans“, eine Art kleinwüchsiger Trolle, die aber auch die Fähigkeit hatten, sich zu Riesen aufzuplustern und den Menschen mal freundlich, mal weniger freundlich gesinnt waren. Eigentlich hätten wir im Empfangsgebäude mal nachschauen sollen, ob dort vielleicht so ein Exemplar noch hinter der Kasse sitzt… Zu Hause bedauern wir dann doch, dass wir das Innere des Steingrabs nicht besichtigt haben. Das hätte allerdings zur Folge gehabt, dass wir noch mit dem Boot zur Insel Gavrinis hätten übersetzen müssen, die ein paar Kilometer von Locmariaquer entfernt im Golf von Morbihan schwimmt und den größten Tumulus der Bretagne beherbergt. Dort hätten wir erfahren, dass man bei Restaurierungsarbeiten in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine seltsame Entdeckung gemacht hatte. Die gewaltige Steinplatte aus Granit, die die Decke der Grabkammer bildete, war offensichtlich das Fragment eines noch größeren Steines. Man fand heraus, dass diese Platte mit Ritzzeichnungen von neolithischen Werkzeugen und zwei Rindern mit langen gebogenen Hörnern millimetergenau zu einer Platte passte, die man im Table des Marchand fand. Es musste also gewaltige mit Zeichnungen verzierte Menhire gegeben haben, die zerbrochen waren oder die man mit Vorsatz zerbrochen hatte und deren Fragmente man dann anderweitig und an für steinzeitliche Verkehrs- und Transportverhältnisse weit auseinander liegenden Orten verwendet hatte… Als wir dem Steinknast den Rücken kehren, sehen wir in einiger Entfernung auf der Landstraße von Locmariaquer her eine Prozession auf uns zukommen. Sollte uns als Ausgleich für die Enttäuschung, die uns der Menhir bereitet hatte, ein „Pardon“ begegnen, einer dieser bretonischen Umzüge frommer Katholiken, die jeden Tag irgendwo stattfinden und die nichts weiter bezwecken, als einen der 7777 (jawohl!) Heiligen, die in der Bretagne verehrt werden, um „Vergebung“, also „Pardon“, zu bitten? Viele der Heiligen sind nicht einmal in Rom bekannt und für so skurrile Sachen zuständig wie etwa Sodbrennen bei Beinamputierten… Als wir dann den mit Herbstblumen und Luftballons geschmückten Traktor an der Spitze des Zuges erkennen, schwindet unsere Hoffnung, dass es ein Pardon sein könnte. Es ist ein profaner Hochzeitszug, ein „Convoi d’anges heureux“, wie ein Schild am geschmückten Anhänger verkündet, auf dem das Brautpaar sitzt, dessen bretonische Vornamen auf einem Pappschild vorn auf der Motorhaube stehen, wir können leider nur so etwas wie Erwan oder Ernan et Gael… entziffern. Auf jeden Fall ein Brautpaar mit bretonischem Nationalbewusstsein. Es wird der Bretagne sicher stolze Bretoninnen und Bretonen schenken, die in 20 Jahren an Autobahnbrücken immer noch Graffitti sprühen werden, wie: Bretons, Maitre chez soi… RR: Bereits während der Hochzeitszug an uns vorüber rollte, fing mein rechter Handrücken an zu jucken und zu brennen. Ich konnte zusehen, wie die Schwellung wuchs. Welches Insekt - prähistorisch oder neuzeitlich - mich nicht leiden konnte, war nicht mehr festzustellen. Erst nach drei Tagen war der blauviolett verfärbte Handrücken wieder einigermaßen normal. KB: Auf dem Rückweg zum Platz machen wir noch einen kurzen Abstecher zu den Pierres Plates, die, in ihre Aura gehüllt, in gleichgültiger Einsamkeit vor dem weiten blauen Horizont liegen. Nachdem wir uns eine tiefgefrorene Paella in der Pfanne heiß gemacht haben, nehmen wir unsere Stühle und setzen uns oben auf die Düne, schauen aufs Meer oder lesen. Die Sonne kommt langsam durch, es wird wärmer und die Gegend bevölkert sich. Wochenende. Alle wollen den milden Spätsommertag genießen. Wo sonst kaum ein Auto vorbeikommt, ist heute alles zugeparkt. Wir können für kurze Zeit Turnhosen anziehen. Doch dann kommt ein kühler Wind auf, so dass wir vors Zelt ziehen müssen. Und das steht leider im Schatten der mächtigen Seekiefer. Also hüllen wir unsere nackten Beine wieder in Textilien. Bei einem Rundgang über das riesige Gelände entdecken wir in der hintersten Ecke des Platzes ein winziges Iglu. Ansonsten gibt es nur vereinzelt ein paar Wohnmobile. Die meisten klumpen sich bei uns rund um die einzige um diese Jahreszeit noch geöffnete Sanitäranlage. Am späten Nachmittag machen wir einen Spaziergang über die Düne zur steinernen Fischerfrau. Die Luft ist sehr klar. Die felsigen Inselchen am Horizont sind zum Greifen nah. Die schwarzrote Boje, die den Eingang zum schützenden Golf markiert, liegt bewegungslos auf einem glatten Meer. Es ist fast völlig windstill. Die grauen Betonwände eines deutschen Bunkers aus dem zweiten Weltkrieg schwitzen bunte Graffitis aus. Die Eingänge sind zugemauert. Man sieht noch genau die kreisrunde betonierte Plattform, auf die das Geschütz montiert war. Hier hatten Knobelbecher geknallt. In der Luft hängt noch der Widerhall zackiger Kommandostimmen nebst einem Hauch von Lilli Marlen. Ich mache ein Foto, Bunker vor Seekiefer, im Hintergrund der Ozean. Wenn unsere Väter auch sonst nicht viel getaugt haben, so haben sie uns wenigstens annehmbare Fotomotive hinterlassen. Gegen Abend kommt wieder Wind auf. Wir sitzen im Iglu und essen Käse und Gummibaguette. Der benachbarte geräumige Caravan, der die beiden letzten Tage verlassen dagestanden hatte, ist seit dem frühen Nachmittag voller Leben. Wochenendcamper. Es wird gegrillt und gefressen und gesoffen, Kinder wuseln zwischen den Erwachsenen. Wir hatten mindestens 8 Leute gezählt, die auf dem Weg vor dem Caravan Boule spielten und schon Lust gekriegt, uns mit unseren Kugel dazuzugesellen, aber dann hätte ich mit meinem Küchenfranzösisch rummachen müssen, und dazu hatte ich heute keine Lust. Also schauten wir zu und freuten uns, in dieser geriatrischen Umgebung endlich mal Lachen und fröhliche Kinderstimmen zu hören. Als um uns herum Ruhe eingekehrt ist, sitzen wir vorm großen Iglu, trinken Rotwein, schauen in den sternklaren Himmel und gehen früh schlafen. |
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| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | ||||||||||||||||||||||||
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