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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac, Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes. |
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SO 17.9.06. Um 8 Uhr messen wir 16 Grad. Der Wind hat gedreht und kommt jetzt aus Südost. An der Autoantenne habe ich mit einer Wäscheklammer ein gelbes Plastikbändchen befestigt und weiß jetzt auf den ersten Blick, woher der Wind weht. Der dem Wind zugewandte Zelteingang wird dann geschlossen, der andere geöffnet. Als ich die Augen aufmachte, hatte es leicht aufs Zelt getröpfelt. Mein erster Gedanke war: Scheiße, im Regen frühstücken… Es ist sehr mild. Im warmen Zelt haben 2 Mücken Asyl gesucht. Vom untersten Ast der Seekiefer schaut uns ein Rotkehlchen beim Frühstücken zu. Wir haben immer noch keine Lust zu größeren Ausflügen und fahren deshalb ins nur elf Kilometer entfernte Städtchen Auray. Dort steigen wir die serpentinenförmige Promenade du Loc’h, Loc’h ist der bretonische Name des Flusses Auray, die immer wieder Ausblicke auf feucht glänzende Schieferdächer und das smaragdgrüne Wasser des Flusses erlaubt, nach dem mittelalterlichen Hafenviertel St. Goustan hinab, das aus zwei von bunten Fachwerkhäusern gesäumten Gassen besteht, die sich auf dem Scheitelpunkt des steilen Hügels bei der Kirche St. Sauveur treffen. Auf einem Sockel, der aus einer Mauer aus grauen Granitblöcken hervorragt, steht in Lebensgröße der Heilige Goustan. Er hält einen Fisch wie ein Baby an die Brust gedrückt, denn er ist der Schutzheilige der bretonischen Fischer. Unter den Arm hat er ein Buch geklemmt. Auch in der Kirche treffen wir ihn, als Kanzelprediger dargestellt, unter einem hölzernen Baldachin mit goldenem Strahlenkranz. Auch hier hat er in der einen Hand den Fisch, in der anderen ein Buch. Eine zur Linken gelegene, sehr alt und gebrechlich wirkende Kapelle ist von einem Bauzaun aus Metallgittern umgeben und daher nicht zu besichtigen. Da es zu nieseln beginnt, steigen wir über das glatte Kopfsteinpflaster vorsichtig wieder zum Hafen hinab. Dieser besteht im wesentlichen aus dem von steinernen Quais eingefassten Fluß Auray, der, wie wir wissen, 10 Kilometer weiter südlich bei Locmariaquer in den Ozean mündet. Es liegen hauptsächlich kleine Yachten und Segelboote vor Anker. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch war Auray ein florierender Handelsplatz gewesen, wo große, schnelle Küstenschiffe be- und entladen wurden. Da wo die gemauerte Bogenbrücke den Hafen von der lieblichen Flusslandschaft trennt, liegt ein nostalgischer Zweimaster aus der damaligen Zeit vertäut und wartet auf Besucher. Wir setzen uns kurz auf die Terrasse einer Creperie mit Blick auf den Mastenwald der Yachten. Ich will weltmännisch une bollée bestellen, werde aber Opfer einer tückischen alemannisch-bretonischen Konsonantenverschiebung und bestelle une boffée… Was die charmante Bedienung kurz stutzen lässt, ehe sie mich freundlich fragt, ob ich vielleicht une bollée meine. Peinlich! Doch die Dame hat Humor. Als wir gezahlt haben, will ich meine sprachliche Scharte auswetzen und lobe den Cidre, La bollée était très bon… Ein strafender Blick: Bonne, Monsieur, bonne… Ich schlage mich vor die Stirn und schäme mich den Rest des Tages. Über die alte, mit feucht glänzenden Katzenköpfen gepflasterte Brücke und die sich daran anschließende steile Straße, in der sich viele Ateliers und Galerien befinden, gehen wir, unter den Schirm geduckt, zurück zur Oberstadt, wo das Auto geparkt ist. Zurück auf dem Platz, stellen wir fest, dass es im Iglu tropft. Zum Mittagessen gibt es Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Knoblauch und gebratenen Kabanossischeiben. Darüber ein paar Eier. Tomatensalat. Wir schlemmen. Die Luft macht hungrig. Gegen 2 Uhr kommt die Sonne durch und der Wind hat wieder auf West gedreht. In der Kirche in Auray hatten wir eine Ankündigung gelesen, dass heute Nachmittag in der Basilika von St. Anne d’Auray eine gregorianische Messe zelebriert werden sollte. Das interessierte uns. Der kleine Ort liegt etwa 6 Kilometer nördlich von Auray und wird ganz von der Mitte des 19. Jahrhunderts im Renaissance-Stil erbauten, pompös und kalt wirkenden Basilika mit angeschlossenem Kloster beherrscht. Sie ist der Heiligen Anna, der Mutter Marias und Nationalheiligen der Bretagne, gewidmet. Was dem Muslim die Wallfahrt nach Mekka, ist dem gläubigen Bretonen die Wallfahrt nach St. Anne d’Auray. Lebend oder tot muß jeder einmal hier gewesen sein. Lebend ist besser, denn im Sarg liegend kommt man, unterirdisch, jede Nacht nur um eine Sarglänge voran. Je nachdem, von welchem Friedhof man aufbricht, kann das dann gut seine 250 000 Jahre dauern… Die Geschichte der Basilika ist weder neu noch sehr originell, aber sie zieht immer wieder: Anfang des 17. Jahrhunderts war einem tiefgläubigen, etwas tumben Bauern auf seinem Feld die Heilige Anna erschienen. Im Beisein der hohen Geistlichkeit begann man an der Stelle des Ackers zu graben, wo der Bauer sie hatte stehen sehen, und siehe da, man förderte eine arg vergammelte Holzfigur zutage, die der Bischof zweifelsfrei als eine Darstellung der Heiligen Anna identifizierte. Man begann zunächst damit, an der Fundstelle eine Kapelle zu bauen und hörte dann mit dem Bauen nicht mehr auf. Um das Resultat dieser Bauwut, die Basilika, wie sie heute immer noch dasteht, zu bewundern, ergossen sich in der Folge das ganze Jahr über Pilgerströme über den kleinen Ort, der sowohl im sakralen als auch im profanen Bereich kräftig abzukassieren begann. Am 26. Juli, dem Tag der Heiligen Anna, der, wen wundert’s, mit dem bretonischen Nationalfeiertag zusammenfällt, sollen alljährlich über 35 000 Pilger sich auf dem Platz vor der Basilika drängen und Kerzen abbrennen und den Klingelbeutel füttern… Heute Nachmittag ist der riesige Raum von den Armen und Hässlichen bevölkert. Viele Behinderte sitzen, konvulsivisch zuckend und unkontrolliert gestikulierend, in den Bänken oder in Rollstühlen und warten auf den Beginn der Messe. Zahlreiche Familien mit Kindern haben die ersten Bankreihen besetzt. Die Kinder möchten rennen und spielen, doch sie sind gut gedrillt und verhalten sich unschuldig katholisch. Vor dem Altar hat sich ein kleiner gemischter Chor aufgebaut, der von einem Menschen im schwarzen Anzug geleitet wird. Ein Priester in vollem Wichs steht in der Nähe der Kanzel und wartet auf seinen Einsatz. Aus der Sakristei kommt ein zweiter Priester, durchsucht mit den Augen die ersten Bankreihen und spricht schließlich einen jungen, kräftigen Mann an, der aufsteht und ihm hinter die Bühne folgt. Als die ersten Töne eines feierlichen gregorianischen Chorals erklingen, schreitet der Priester gemessenen Schrittes aus der Sakristei hervor in das Seitenschiff; vor ihm oder hinter ihm, da bin ich mir nicht mehr sicher, schreitet der sichtlich ergriffene, junge, kräftige Bretone und trägt das schwere, goldglänzende Tabernakel. Für ein paar Minuten ist er der Bannerträger des Glaubens. Nachdem sie die ganze Länge des Seitenschiffs durchmessen haben, schreiten sie durch den Mittelgang wieder zurück zum Altar, wo sie beginnen, alle möglichen Faxen zu machen. Auch die Leute um uns herum werden aktiv, sie stehen auf, setzen sich wieder, stehen wieder auf, schlagen Kreuze vor der Brust, murmeln etwas, das wir nicht verstehen, der Chor singt gregorianisch, vorm Altar wird ein Weihrauchfässchen geschwenkt, die Spastiker in den Bänken zappeln, die im Rollstuhl dösen mit einwärts gedrehten Augen vor sich hin, und die Kerzen vor dem Standbild der Heiligen Anna verströmen neben einer infernalische Hitze den Übelkeit erregenden Gestank von brennendem Wachs. Nach einer halben Stunde, als die Gemeinde immer noch steht, und wir nicht wissen, wann man sich mal wieder setzen darf, verlassen wir unauffällig das Gotteshaus. Draußen setzen wir uns auf eine Bank in die Sonne und betrachten dieses Trumm von autistischer Architektur. Heilige Abzocke! Nur die Basilika von Lourdes ist hässlicher! Aus touristischem Pflichtbewußtsein machen wir noch einen halbherzigen Rundgang über das Gelände, schauen uns das Ehrenmal für die 240 000 Gefallenen des 1. Weltkriegs an, die Scala Sancta, die Heilige Treppe, einen wundertätigen Brunnen, der versiegt zu sein scheint, und stellen fest, dass das Ganze irgendwie schmuddelig und prätentiös wirkt. Wirklich beeindruckend sind nur die zwei langen Mauern, auf denen, in Stein gemeißelt, die Namen der Gefallenen stehen. Wir fühlen uns an den alten Jüdischen Friedhof in Frankfurt erinnert, auf dessen Mauern die Namen der von den Nazis ermordeten Juden aufgelistet sind. Auf dem Weg zum Auto kommen wir noch mal am Hauptportal vorbei und bemerken eine schmucklose Plakette, auf der steht, dass in dieser Basilika im Jahre 1996 Papst Johannes Paul XXIII gepredigt hat… Gegen 6 Uhr sind wir wieder zurück auf dem Platz. Uns gegenüber hat sich ein Wohnmobil installiert, zwei Plätze weiter steht ein längliches Iglu, das von einem jungen Pärchen, wir vermuten Studenten, aus MEI bewohnt wird. Gegen 8 Uhr sitze ich auf der Düne und schaue dem gelbroten Sonnenuntergang zu. |
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| © Klaus Bölling, Frankfurt 2006 | ||||||||||||||||||||||||
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