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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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Bretagne September 2006

Ein Reisetagebuch

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Loire, Locmariaquer, Morbihan, Auray, St.Anne d’Auray, Carnac,
Quiberon, Paimpont, Le Pouldu, Pont Aven, Rochefort-en-Terre, Vannes.
 
MO 18.9.06.
Um halb acht messen wir 15 Grad. Während des roten Sonnenaufgangs herrscht für einen Augenblick absolute Windstille. Um kurz vor zehn ist die Sonne wieder weg. Es wird kühler und wir machen uns auf den Weg zu den großen Steinen. Am ersten Rond Point auf der Straße nach Auray biegen wir links ab nach Carnac und überqueren ein paar Kilometern weiter auf einer langen, hohen Brücke das Mündungsgebiet des Flusses Crac’h, das dem kleinen Städtchen Trinité sur Mer als Naturhafen dient, in dem Yachten jeglicher Größe, vom einfachen Schönwettersegler bis zur Luxus Hochseeyacht liegen. Die Luft ist erfüllt vom metallischen Klirren der Drähte, die segellos um die Masten hängen und sich wie eine keltische Harfe dem Wind darbieten. In Carnac, 5 Autominuten später, folgen wir den Schildern zu den Alignements, die am nördlichen Rand des Städtchens liegen.

Dort empfängt uns ein ausgedehnter Parkplatz vor dem Point d’Accueil aus Glas und Beton, von dessen Dach man auf die Steinreihen von Ménec blickt. Der Parkplatz ist der Jahreszeit entsprechend nicht sehr voll. Nur 2 Busse haben ihre Menschenfracht entladen. Wir parken neben einem Auto aus B. Noch eines aus E sehen wir, der Rest hat französische Kennzeichen.

Während der Hauptsaison muß es schlimm hier sein. Der Menschenansturm soll inzwischen bedrohliche Formen angenommen haben, die das ökologische Gleichgewicht des kleinen Ortes und seiner attraktiven megalithischen Umgebung massiv bedrohen. So mussten die Steinalleen mit Zäunen vor den Besucherhorden geschützt werden, die das Erdreich im Laufe der Zeit so niedergetrampelt hatten, daß manche Menhire, die wie lockere Zähne in einem von Zahnfleischschwund geplagten Kiefer herumstanden, umzustürzen drohten. Seit ein paar Jahren versucht man, das Gelände zu renaturieren. Jetzt blüht im Frühling wieder der gelbe Stechginster und im Herbst das Heidekraut. Das mit dem Heidekraut können wir heute vor Ort nachprüfen und bestätigen.

Wir wissen in etwa, was uns hier erwartet. Über 1000 Steine sind in 11 parallel zueinander verlaufenden Reihen exakt in Ost-West Richtung aufgestellt. Die Reihen sind etwa einen Kilometer lang und über eine Breite von 100 Metern verteilt. Im Osten sind die Steine mit 40 bis 80 Zentimetern recht klein, nach Westen hin wachsen sie allmählich bis zu einer Höhe von 4 Metern. Irgendwer hat sich also offensichtlich irgendetwas dabei gedacht.

Als wir uns mit angehaltenem Atem und quasi auf Zehenspitzen dem grünen Metallgitterzaun nähern, sehen wir als erstes zwei Männer, die, dicke Ohrenschützer auf den Ohren, mit einem Stabrasenmäher, der ein giftiges Jaulen von sich gibt, die herbstlich gefärbte Vegetation um die Steine herum niedrig halten. Trotz des Metallzaunes, und wenn der Lärm des Maschinenzeitalters mal eine Pause macht, geschieht etwas, was wir nicht für möglich gehalten hätten: die Steine reden. Es ist eine sehr alte, sehr langsame Sprache, die wir nicht mehr verstehen und die noch niemand zu entschlüsseln in der Lage war. Doch sie reden. Sie sind nicht verstummt, wie der große zerbrochene Menhir in Locmariaquer. Es ist, als hörten wir die Rezitation eines Gedichtes in einer uns unbekannten Sprache. Den Sinn der Worte kennen wir nicht, doch ihr Wohlklang läßt uns die Schönheit, die sich dahinter verbirgt, ahnen.

Bei Victor Hugo, der literarischen „Entdeckung“ dieser Reise, lesen wir später in einem kurzen Kapitel des „Glöckners von Notre Dame“, wo es um Baukunst als Literatur der Völker vor Erfindung der Buchdruckerkunst geht, die folgenden Sätze: Wenn das Gedächtnis der ersten Völker sich überlastet fühlte, … wenn das nackte, flüchtige Wort in Gefahr war, unterwegs das Beste davon zu verlieren, so verewigte man die Überlieferung auf die sichtbarste, dauerhafteste, natürlichste Art. Man setzte ihr steinerne Denkmäler. Die ersten solchen Denkmäler waren rohe Felsblöcke. … Jede Schrift ist zuerst nur Alphabet. … Man richtete einen Stein auf, und er war ein Buchstabe. … So haben es die ersten Völker auf der ganzen Erde gehalten. Dem aufgerichteten Felsblock der Kelten begegnet man auch in Sibirien und in den Steppen von Amerika. Später bildete man Worte. Man setzte Stein auf Stein und verknüpfte die granitnen Silben. Der Dolmen … der alten Kelten, der … Tumulus … sind Worte. Manche von ihnen, besonders der Tumulus, sind Eigennamen. Wo man viele Steine und weites Land hatte, schrieb man einen Satz. Der ungeheure Steinhaufen von Karnak ist schon ein ganzes Satzgefüge.

Da uns das Jaulen der Rasenmäher auf die Nerven geht, fahren wir einen knappen Kilometer weiter in Richtung Osten. Auf einem nicht sehr großen, völlig leeren Parkplatz am Rande eines Wäldchens stellen wir das Auto ab. Vor uns liegen die Alignements de Kermario. Auch hinter Gittern, aber es ist kein Mensch weit und breit und vor allem kein Rasenmäher. Hier sind die größten Steine über 6 Meter hoch. Die Anordnung folgt einem ähnlichen Prinzip wie auf dem vorigen Steinfeld. Während wir das Areal umrunden, versuchen wir zu verstehen, was die alten Granitbrocken in ihre moosigen Bärte murmeln, während sie, umgeben von gelbem, fast verblühten Ginster und in allen Lilatönen blühendem Heidekraut, in würdevoller Majestät in der herbstlichen Landschaft herum stehen. Nachdem wir ein paar Fotos der Steine vor dem wuchtigen bretonischen Wolkenhimmel gemacht haben, fahren wir wieder zurück zum Platz.

RR: Das Wäldchen, an dessen Rand wir geparkt hatten, war im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft, und wir fühlten uns von ihm angezogen. Es war ein lichter Mischwald, und als wir die teilweise kaum erkennbaren Pfade entlang wanderten, entdeckten wir an mehreren Stellen kleinere Steinkreise. Die Steine waren teilweise umgestürzt, manchmal fehlte einer, manchmal waren sie von Farnkraut überwuchert. Innerlich lächelten wir, als wir aus dem Wald heraustraten und fühlten uns ganz leicht.

Nach ungefähr einer Viertelstunde entlang der Steinalleen - die Sonne ist kurz hervorgekommen - erreichen wir eine Stelle, wo der Weg sich gabelt. Vor uns halten zwei riesige Hunde Siesta. Sie lassen sich durch uns in ihrem Schlaf nicht stören, nur ein leises Schnarchen ist zu vernehmen. Dann fällt unser Blick auf ein uraltes, sich in die Landschaft duckendes, liebevoll hergerichtetes Anwesen, in dem sich jetzt eine Art Wohnzimmer-Crêperie befindet, in die wir gern eingekehrt wären. Da aber offenbar auch dort alle Siesta halten, wollen wir die Ruhe nicht stören und gehen weiter.

KB: Heute gibt es Penne mit Lachs aus der Tiefkühltruhe.

Die Sonne scheint, wir gehen zum Strand, sitzen auf der Düne und versuchen, den kühlen Wind zu ignorieren, während der Ozean bemüht ist, wie das Mittelmeer auszusehen. Ein paar Leute schwimmen, zwei angeln, wir lesen und schauen uns zu, wie wir uns erholen.

Als wir zurück kommen, sind auf der anderen Seite des „Wäldchens“ neue Nachbarn angekommen. Ein französisches Pärchen, Mitte bis Ende Vierzig, ist dabei, ein recht umfangreiches Zelt aufzubauen. Ich schaue auf die Uhr, weil ich genau wissen will, wie lange sie brauchen. Da sie offensichtlich ziemlich pingelig sind, brauchen sie, bis auch wirklich jede Strippe parallel oder im richtigen Winkel zur Nachbarstrippe liegt, ziemlich lange. Auf jeden Fall mindestens zwei Stunden länger als wir. Das Zelt scheint neu zu sein, denn sie gehen mit ihm um, wie mit einem Neugeborenen. Dort das zärtliche Zupfen an einem Bändchen, hier das behutsame Richten einer Falte, es fehlte, dass sie Gardinchen aufhängen.

Monsieur, mit beachtlicher Wampe, die über den Gummizug der Bermudas hängt, ist, als er sich endlich mal zu setzen wagt, ziemlich schweißnaß und groggy und versucht erfolglos, seinen kläffenden Idefix zu ignorieren, der mit ihm spielen will. Andernfalls droht er, mit dem Zelt zu spielen…

Nach Einbruch der Dämmerung sitzen Madame und Monsieur vor ihrem Wigwam unter einem runden Sonnenschirm, von dem eine nackte Glühbirne herab hängt, die sie erbarmungslos wie auf einer Freilichtbühne grell ausleuchtet. Sie kocht auf einem winzigen Campingkocher, er zupft am Zelt herum oder spielt mit dem Hündchen, das immer wieder versucht, entweder in das Zelt zu beißen oder auf den Tisch zu springen. Dann speisen beide mit appetitanregender Behaglichkeit.

Während Madame abwäscht, schleppt Monsieur lange Kabel durch die Gegend. Wir befürchten das Schlimmste. Und tatsächlich, als es halbwegs dunkel ist, geht im Zelt das Licht an. Es sieht jetzt aus wie ein gelbes Riesenknallbonbon. Obwohl es ihnen hätte auffallen müssen, dass ihr Zelt fast direkt unter einer der Laternen steht, die nachts den Platz beleuchten, mochten sie, umgeben von prächtigen Wohnklopalästen, auf das Statussymbol eines eigenen Stromanschlusses offensichtlich nicht verzichten.

Als schließlich genau in der Mitte zwischen den einzelnen Laternen so etwas wie Dunkelheit hereingebrochen ist, sehen wir sie aus ihrem Zelt hervortreten und an der Hecke entlang in Richtung Strand schleichen. Auf der Stirn tragen sie Grubenlampen, die sie, da sie sich extra schwarz gekleidet haben, wie wandelnde Irrlichter aussehen lassen. Mir fällt ein, dass ALDI in diesem Frühjahr unter anderem auch Stirnleuchten als Campingzubehör im Angebot gehabt hatte. Vielleicht auch der ALDI in Frankreich… Allerdings braucht man auf diesem Platz noch nicht mal eine Taschenlampe, geschweige denn eine Grubenlampe. Wir sitzen und lachen uns schepp und nennen sie hinfort „die Elektriker“.
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© Klaus Bölling, Frankfurt 2006
 
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