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Reiseberichte
von Klaus Bölling und Renate Rüthlein
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[Kerala 2004 - Seite 22/39]

KB: Am Straßenrand kaufte ich Zigaretten und erlebte erneut das ungläubige Staunen des ambulanten Händlers, eines ziemlich alten, sehr dunkelhäutigen Mannes, darüber, dass es Leute gab, die zwanzig Zigaretten auf einmal kaufen konnten. Im Cosmo Bookshop kaufte ich Anita Desai’s “Journey to Ithaka”. Der Preis war in britischen Pfund angegeben und mußte an der Kasse erst umgerechnet werden: Dreihundertachtzig Rupien. Dafür mußten PM’s Schreiner fast zwei Tage arbeiten. Um sich Bücher kaufen zu können, mußte man also, nicht anders als bei uns, zu den Besserverdienenden zählen. Die kommunistische Partei hatte es allerdings während ihrer Regierungszeit immerhin geschafft, an vielen Stellen Leihbüchereien einzurichten, wo man für wenig Geld seinen Lese- und Bildungshunger stillen konnte.

Vom Round bogen wir ab in die Kuruppam Road, die in Richtung Busbahnhof führte. An der Ecke Station Road ein Gebäude aus Beton, dessen Außenwände aussahen, als seien Myriaden schwarzer Kleinstlebewesen dabei, die Wände zu zersetzen. Ein würdevoller älterer Herr in hellblauem Mundu und mit langem, gepflegten weißen Bart kam uns entgegen. In der rechten Hand hielt er einen schwarzen, geschlossenen Regenschirm, unter den linken Arm war ein Buch geklemmt. In dem eher hellhäutigen Gesicht blitzten hinter einer randlosen Brille lebhafte, kluge Augen. Solche Gesichter hätten wir gern öfter gesehen, doch in Europa waren sie auch nicht häufiger als hier.

Auf den letzten dreihundert Metern bis zum Busbahnhof standen auf der rechten Seite kleine Marktstände, die im wesentlichen aus Holzbrettern bestanden, die man über aufeinander geschichtete Lateritsteine gebreitet hatte, wo man von Wasserschuhen über Sonnenbrillen, Herrenunterhosen und Gewürzen alles kaufen konnte, was man bereit war, nach dreimaligem Gebrauch als unbrauchbar wegzuschmeißen. Im Hintergrund hockte auf einem brachliegenden Grundstück im rötlichen, mit Müll durchsetzten Ziegelschutt eines abgerissenen Gebäudes eine Zigeunerfamilie mit zahllosen, halbnackten Kindern und kochte in verbeulten Schnellkochtöpfen auf offenem Feuer das Mittagessen. Dieses armselige, bunte Gewimmel im Schatten der ausladenden Krone eines ehrwürdigen Banyantrees fiel in der exotischen Umgebung nur uns auf.

RR: Wir hatten uns mit PM im City Center verabredet, der in der dortigen Bäckerei die gestern telefonisch bestellten zehn Brote, Croissants und Brötchen abholen wollte. Vorher gingen wir noch einkaufen. Vor dem Eingang des Supermarktes gab es an der Wand ein Regal mit vielen Fächern. Hier wurden wir von einem Bediensteten angehalten, der uns höflich aufforderte, unsere Tüten in eines der Fächer zu legen, uns eine Papp-Marke in die Hand drückte und erklärte, er würde die Tüten bewachen. An der Kasse wurde unser Einkauf in vier Plastiktüten gepackt, und bevor wir sie ergreifen konnten, hatte sie schon ein junges Kerlchen in der Hand, der uns fragend anblickte, wohin er sie nun bringen sollte. Wir wehrten uns nur schwach und ließen den Jungen die Tüten die paar Meter bis zur Bäckerei tragen. Als KB ihm ein Trinkgeld geben wollte, lehnte er dieses stolz ab.

Von der Göttin der Armut und gebrauchten Schreibmaschinen
KB: Ich sah die Lotosblüte zum erstenmal voll aufgeblüht und hätte weinen können, so schön war sie. Auf einer Bananenstaude sahen wir einen gelben Vogel mit rotem Schnabel und dunklen Flügeln sitzen. Arishi, diese anmutige, fröhliche Göttin der Armut in einem Bretterverschlag neben der Küche auf dem gestampften Lehmboden sitzen und ihren Mittagsreis verzehren zu sehen, tat weh. Schlimmer war, zu wissen, dass sie dies als gottgewollt akzeptierte und die Aufforderung, am Tisch in der Küche des Saipu zu essen als eine Ungeheuerlichkeit zurückgewiesen hätte. Gleichzeitig hatte ich den Verdacht, dass mein abendländisch konditioniertes Gewissen mir einen Streich spielte.
(RR: Der Bretterverschlag war ein relativ großes Nebengelass der Küche, und Bretter gab es nur in den Fensteröffnungen. Auch hier herrschte große Sauberkeit. Es gab zwei Türen, eine führte auf die kleine Terrasse und eine auf den Hof vor dem Küchentrakt.)
PM erzählte ...

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Dieser Abschnitt über Erfahrungen mit Ordnungshütern und als Spende verkleidetem Bakshis ist für den Zeitraum, wo Lebende identifiziert werden könnten - und somit aus naheliegenden Gründen - der Zensur zum Opfer gefallen!
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Besuch beim Elefanten
Wir hatten gehofft, auf dem Holzplatz des Sägewerks einem Elefanten bei der Arbeit zuschauen zu können. Doch wir brauchten gar nicht so weit zu laufen. Auf Höhe der Haltestelle, wo die Busse nach Trichur abfuhren, sahen wir in etwa hundert Meter Entfernung ein solches schiefergraues Fleischgebirge auf unserer Straßenseite uns entgegenkommen. Der Mahout ging vorn, der Kavadi, sein Gehilfe hinten. Beide hatten ein Stöckchen in der Hand, mit dem sie das große Tier ‚lenkten’. Es war ein Augenblick archaischen, ehrfürchtigen Glücks, als der etwa dreieinhalb Meter hohe Elefantenbulle sich auf gleicher Höhe mit uns befand, so dass wir ihn hätten berühren können. Für die Einheimischen war das ein alltäglicher Anblick. Die Passagiere eines Busses, der auf der anderen Straßenseite vorbeidonnerte, verdrehten noch nicht mal die Köpfe. Doch alle freuten sich, dass wir uns freuten.

Ein Mann gab uns, aufgeregt mit den Armen wedelnd, zu verstehen, dass wir näher kommen sollten. Als wir die Stelle erreicht hatten, wo der Elefant von der Straße abgebogen war, sahen wir, dass sich hier ein kleinerer Holzplatz befand, der uns bisher noch nicht aufgefallen war. Im Hintergrund auf einem flachen gemauerten Rondell, das dicht mit Palmzweigen und Zuckerrohrstangen bedeckt war, stand der Elefant und schob sich das Grünzeug ins Maul. Elefanten sind schlechte Futterverwerter. In Freiheit brauchen sie sechzehn Stunden, um etwa dreihundert Kilo Grünzeug zu zermalmen. Wenn sie arbeiten müssen, fehlt ihnen ein Teil dieser Zeit, und sie müssen mit kalorienreicher Zusatznahrung gefüttert werden. Diese besteht aus einem Brei aus Hirse, Reis und Salz. Der Mahout formte große Bälle aus dieser Pampe und schob sie dem Tier ins Maul, das genüßlich malmte. Zum Pissen fuhr es einen oberarmdicken Pimmel aus, der bis auf den Boden hing.

Das Reizvolle an indischen Elefanten war, dass sie nicht von einheitlich schiefergrauer Farbe waren. Die relativ kleinen Ohren, sowie ein Teil des mächtigen, ausdrucksvollen Schädels und gut die Hälfte des Rüssels waren wie von schwarz-rosa Sommersprossen gesprenkelt, was den Tieren immer ein festlich geschmücktes Aussehen verlieh. Ein paar Meter entfernt war ein Babyelefantenbulle angekettet, der sich ebenfalls Palmzweige ins Maul schob. Wir machten ein bißchen Konversation mit den beiden Männern, die offensichtlich zum Holzplatz gehörten. Sie sahen nicht nach körperlicher Arbeit, eher nach Schreibtisch und Stempelkissen aus. Your name?, where from?, wie gehabt, doch mit einer interessanten Variante: Germany - East or West?... Sie gaben uns außerdem zu verstehen, dass sie wußten, bei wem wir in Cherpu zu Besuch waren.

Kutiyattam in Irinjalakuda
Wir saßen in der geräumigen, direkt an der Tempelmauer gelegenen Mehrzweckhalle, wo um vier Uhr eine Kutiyattam-Aufführung stattfinden sollte, die bis halb vier noch ganze zwei Zuschauer außer uns angelockt hatte. Als Mitglied des hiesigen Kathakali-Vereins, der als Veranstalter zeichnete, hatte PM das Privileg, uns in einen Saal hinter der Bühne führen zu dürfen, wo im Funzellicht einer von der hohen Decke herabhängenden Glühbirne die Darsteller und einige Helfer im Schneidersitz auf dem Fußboden saßen. Wir konnten erkennen, dass sie gerade mit der Schminkprozedur begonnen hatten. Da wir inzwischen wußten, dass diese Prozedur ein wichtiger ritueller Teil dessen war, was später auf der Bühne geschah und wie lange sie normalerweise dauerte, konnten wir uns ausrechnen, wann die eigentliche Vorstellung beginnen würde.

Zum ersten mal hatten wir das Gefühl, in die indische Zeitfalle hineingetappt zu sein. Nun, auf indische Herausforderungen konnte man nur indisch reagieren. Wir setzten uns auf die grünen Klappstühle in der ersten Reihe, legten den Kopf in den Nacken und schauten zur Decke empor, wo die Ventilatoren feuchtheiße Luft quirlten. Dann gingen wir ein paar Schritte auf und ab, sahen aus der seitlichen Tür auf den Temple Tank, das große ummauerte Wasserbassin, in das Ghats hinabführten, auf denen die Pilger ihre rituellen Waschungen vornahmen. Heute turnte nur eine ältere Frau auf den Stufen herum und wusch ganz profan sich und ihren Sari. Später gesellten sich ein paar Schwimmer zu der Wäscherin und planschten fröhlich in dem grüngrauen Wasser. Schließlich machten wir einen kurzen Spaziergang um die rückwärtige Tempelanlage herum, an die die Veranstaltungshalle angrenzte. Parallel zur Tempelmauer standen niedrige, massiv gemauerte Häuser, in deren Halbdunkel Menschen ihren häuslichen Verrichtungen nachgingen.

Wir setzten uns wieder auf die Klappstühle in der ersten Reihe. Draußen ging inzwischen ein ergiebiger

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