bindungsmann für Treffs in Westdeutschland, ein profilierter Historiker, der mein anderes Ich lebte:
Ich, ledig, keine Kinder, er, dreimal verheiratet, 2 Töchter und einen Sohn aus seinen ersten beiden Ehen, einen weiteren Sohn und eine weitere Tochter, die seine dritte Frau in die Ehe mit hineinbrachte.
Ich, Nachkriegsgeneration West, er, Nachkriegs- generation Ost.
Neben diesen unmittelbaren Mitarbeitern aber auch:
Martha, die kämpferische Antifaschistin, die in dem Objekt am Alexanderplatz in den ersten Jahren meiner Kundschaftertätigkeit für mein leibliches Wohl sorgte.
Monika, die diese Aufgabe in einem später bevorzugten Objekt am Rande Berlins übernahm.
Nicht zuletzt Werner Grossmann, der sich ab 1983 als stellvertretender und später Leiter der HVA persönlich bei den Treffs in Ostberlin einschaltete. Die Zusammenkunft mit ihm erlebte ich von Anfang an als eine der gemeinsamen Sache verpflichteten und gleichzeitig tiefe menschliche Begegnung. Daß er einen hohen militärischen Rang [3] hatte konnte ich zwar an dem Verhalten um ihn herum deutlich wahrnehmen, spielte jedoch in unserem persönlichen Zusammentreffen von Anfang an keine Rolle [4].
3.
1981 brachte eine entscheidende Wende in meiner Arbeit als Kundschafter. „Britta“, meine Schwägerin und wie mein Bruder „Klaus“ ebenfalls Mitarbeiter der HVA, wird im Bundeskanzleramt als Sekretärin eingestellt.
Spätestens jetzt war der Sicherung und Absicherung des persönlichen Umfeldes höchste Priorität einzuräumen.
„Britta“ war als Sekretärin im Bundeskanzleramt im direkten Visier der gegnerischen Aufklärungsdienste. Da ich der Verbindungsmann zur HVA war, hatte ich jetzt eine besondere Verantwortung, die Quelle „Britta“ nicht zu gefährden. Es bedarf keiner allzugroßen Phantasie sich auszumalen, was insbesondere nach der Affaire Guillaume eine „Sekretärinnen-Affaire“ im Bundeskanzleramt für politische und publizisische Auswirkungen nach sich gezogen hätte.
4.
Sicherheitsüberlegungen hatten im Laufe der Jahre wiederholt zu Änderungen in den Planungen von Treffs geführt. Waren es anfangs Treffs an einem verabredeten öffentlichen Platz in Westberlin oder Ostberlin mit all den notwendigen und bekannten konspirativen Absicherungen, so fanden die Zusammenkünfte später in konspirativen Wohnungen statt. Verbrachte ich früher und auf meinen Wunsch hin einen Teil meiner Sommerferien als DDR-Bürger Heinz Pahls, wohnhaft in Berlin-Karlshorst, in Rostock, so mußte ich später darauf verzichten, weil die Gefahr, am Strand von Warnemünde oder Hohe Düne von einem Bekannten aus dem Westen gesichtet zu werden, zu groß wurde, zumal ich im Öffentlichen Dienst beschäftigt war.
Ich mußte mich schließlich darauf beschränken, im Rahmen kürzerer Aufenthalte Budapest und seine Umgegend zu genießen, die ich leichter durch einen Urlaub in Östereich absichern konnte. Meine Begegnung mit Budapest gehört jedoch gleichzeitig zu den schönsten in meinem Leben: Eine Stadt voller Geschichte und gleichzeitig eine pulsierende sozialistische Metropole. In meiner Phantasie war Budapest die Stadt, in der ich mich an meinem Lebensabend gern zurückgezogen hätte.
Die Beschäftigung von „Britta“ im Kanzleramt hatte zur Folge, daß die Leitung der HVA ein verstärktes Interesse hatte, immer wieder auch einen Treff in Berlin einzuplanen. Dies gab der Leitung die Möglichkeit, sich direkt in die Gespräche mit einzubeziehen. |
5.
1987 bin ich auf der Rückreise von einem dieser Treffen in Ostberlin. Der Zug hat nur wenige Reisende, in meinem Abteil bin ich allein.
Ich fahre unter fremder Flagge als Heinz Poser, wohnhaft in Dortmund, nach einem Besuch meiner Tante in Magdeburg – so die Legende – nach Dortmund zurück.
Dieses Reisen auf der Grundlage der Dokumentation einer anderen, existierenden Person ist in all den Jahren, in denen ich dieses bis zu vier Mal im Jahr machte, zur Routine mit wechselnden Zielen geworden: Berlin, Rostock, Kopenhagen, Malmö, Prag, Budapest, Salzburg, Wien, Rom, Venedig -- Fähre, Flugzeug, Zug.
Auch diesmal empfnde ich es lediglich als eine Routine, die kaum Herzklopfen in mir verursacht, als kurz nach dem Grenzkontrollpunkt Helmstedt ein Grenzschutzbeamter meinen Reisepaß durchblättert, mein Gesicht mit dem Photo in Reisepaß vergleicht und das Abteil wieder verläßt.
Doch kurze Zeit später erscheint er erneut, diesmal mit einem zweiten Grenzschutzbeamten, verlangt noch einmal nach meinem Reisepaß um mir anschließend zu erklären: „Sie sind verhaftet“.
„Das kann doch nicht wahr sein“, schießt es mir durch den Kopf. „Das muß sich um einen Irrtum handeln“, höre ich mich sagen. „Tut uns leid, gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor“, sagen die Beamten.
Ich begreife schnell, daß es keinen Sinn macht, darauf zu bestehen, es könne sich nur um einen Irrtum handeln.
Die Beamten setzen sich zu mir ins Abteil, der Zug fährt mit mir und meiner Begleitung weiter Richtung Braunschweig. In der ganzen Zeit fällt auch nicht mehr ein einziges Wort.
Die Gelassenheit, die ich nach außen zur Schau trage steht im krassen Widerspruch zu dem, was in meinen Gedanken abläuft. Wie im schnellen Vorlauf eines Films entfalten sich Bilder der Auswikungen meiner möglichen Enttarnung als Verbindungsmann zur Quelle „Britta“ und „Klaus“ und der damit verbundenen unweigerlichen Auslösung einer neuen Bundeskanzleramts-Sekretärin- Affäre in einer Zeit, wo die DDR-Führung bemüht ist, das Guillaume-Syndrom durch eine Politik des ‚Wandel-durch-Annäherung’ vergessen zu machen. Mir wird jedoch umgehend bewußt, daß es nicht hilfreich ist, sich auf diesen Film weiter einzulassen und ich beginne stattdessen fieberhaft zu überlegen, mit welcher Strategie des Verhaltens ich der Situation begegnen soll, denn ich bin zwar auf die Überprüfung meiner Personalien und den damit möglichen Fragen trainiert, jedoch nicht auf die Situation , daß ein Haftbefehl gegen eine Person vollstreckt werden soll, auf dessen Namen die Dokumentation ausgestellt ist, der ich mich für meine Kundschaftertätigkeit bediene.
„Ich muß herausfinden, was der Hintergrund für die Verhaftung ist“, und „ich muß versuchen, so gelassen wie möglich zu bleiben, wenn es eine Chance geben soll, aus dieser Situation wieder herauszukommen“ sind meine alles beherrschenden Gedanken.
Der Zug hält in Braunschweig, wir steigen aus, gehen zu einem Gebäudekomplex des Bahnhofs, betreten einen unscheinbaren Aufgang zum 1. Stock, einem schlichten Bürotrakt des Bundesgrenzschutzes.
Angekommen wende ich mich zum ersten Mal seit meiner Festnahme wieder an die beiden Beamten und erkläre erneut, daß das ganze ein Mißverständnis sein müsse. Sie mögen mir bitte erläutern, was der Hintergrund meiner Festnahme ist.
Ich erfahre, daß ein Strafbefehl über ca. 5,000 DM gegen mich vorliegt, der jetzt jedoch erst einmal angefordert werden müsse. Gleichzeitig bieten mir die Beamten an, meine Familie und/oder einen Rechtsanwalt zu verständigen.
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