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[die Enttarnung fand nicht statt..., Seite 3/3]

   Ich erkläre, daß ich meine Familie nicht unnötig in Aufregung versetzen will, da sie den Vorgang meiner Festnahme kaum verstehen können. Ich erkundige mich dann, ob es denn eine Lösung gäbe, die ermöglicht, die zu erwartende Aufregung in meiner Familie zu verhindern, etwa indem ich den Betrag, um den es sich im Strafbefehl handelt, begleiche. Die beiden Beamten verständigen sich kurz, daß dies eine Option wäre. Ich erläutere den Beamten meinen Zwiespalt im Hinblick auf die Annahme des Angebots und bitte mir etwas Bedenkzeit aus.
   
    Ein Silberstreif tut sich am Horizont auf. Doch die Situation ist noch nicht überstanden.
   
    Nur ja keinen Verdacht aufkommen lassen, daß eine ganz andere Person vor ihnen steht als der Heinz Poser aus Dortmund. So gelassen wie möglich zu sein, so unaufgeregt wie möglich das Gespräch mit den Beamten zu führen war die eine Sache. Das Geld war die andere Sache.

6.

   Wie stets bei meinen Dienstreisen nach Berlin bin ich mit operativem Geld ausgestattet. Da ein aufwendig zu organisierender Treff im Ausland mit den Quellen geplant ist, habe ich eine größere Summe, ca. 10.000 DM, mit mir. Dieses Geld ist gemäß den üblichen operativen Prozeduren in einem sog. Container untergebracht, den ich erst nach Rückkehr in meiner Wohnung unter Beachtung aller Sicherheitsvorkehrungen öffnen würde.
   In diesem Fall ist mein Container eine lederne Brieftasche, die sich in meiner Reisetasche befindet.
    Wie kann ich die Brieftasche aus der Reisetasche entnehmen, ohne Aufsehen zu erregen?
   
   Ich nutzte einen Moment, als beide Beamten mit ihrer Arbeit und einem darüber geführten Gespräch abgelenkt sind, um schnell aus dem Reisegepäck sowohl die Brieftasche wie einen Waschbeutel zu entnehmen und bitte die Beamten anschließend, die Toilette aufsuchen zu dürfen, die ebenfalls in dem Bürotrakt untergebracht ist.
   Das Öffnen des Containers ist Routinesache. Doch was soll ich jetzt mit dem geöffneten Container machen? Bei einer immer noch vorstellbaren Leibesvisitation würde sofort den Verdacht auf meine geheimdienstliche Aktivität fallen, schießt es mir durch den Kopf.
    Ich beschließe, den Container vorsichtig in Stücke zu zerschneiden und mit dem vorgetäuschten Spülvorgang im Zusammenhang mit meinem Toilettenbesuch dem Abassersystem zu überlassen. Der erste Spülgang – oh Schreck, ein Teil der Brieftasche bleibt sichtbar. Schnell ein zweiter Spülgang – oh Schreck, ein Teil der Brieftasche bleibt nach wie vor sichtbar. Ein dritter Spülgang – dasselbe Ergebnis.
   
    Ich entschließe mich, es darauf ankommen zu lassen. Es weiter zu versuchen, die Spülung zu betätigen, würde unweigerlich die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich ziehen.

7.

   Ich habe jetzt das Geld mit mir, mit dem ich mich aus der Situation „freikaufen“ kann. Da sind jedoch noch die Reste der Brieftasche, die sichtbar in der Toilette verblieben sind. Ich vermeide erneut, mich auf die in meinen Gedanken aufsteigenden Bilder einer Schreckensvision, diesmal von der Entdeckung der Brieftaschenreste, einzulassen. Vielmehr setze ich mich zunächst wieder auf meinen Stuhl, um nach einigen weiteren Momenten zu erklären, daß ich mich schweren Herzens entschieden habe, den Strafbefehl abzulösen in der Erwartung, daß ich nach Aufklärung des von mir unterstellten Mißverständnisses mein Geld wieder zurückbekommen werde.

   Ein Nachzählen des Geldes, eine Unterschrift, ein Dankeschön für die entgegenkommende Haltung der Beamten, und ich öffne die Tür in die Freiheit.

8.

   In diesem Moment ist es um meine Ruhe geschehen. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich eile die Treppen hinunter, verschwinde um die nächste Hausecke, nehme mir ein Taxi, verständige über eine Ostberliner Telefonnummer-für-den-Notfall die HVA umgehend über die Panne, finde einen Weg nach Hannover, nehme von dort einen Zug nach München und am nächsten Tag einen Zug, der mich wieder nach Köln zurückbringt.
    Als ich meine Wohnungstür öffne, fühle ich zum ersten Mal wieder Erleichterung. Ich nehme ein Bad, stelle den Fernseher an, um mich etwas abzulenken und lege mich schließlich ins Bett mit dem unsäglichen Gefühl von Befriedigung, daß die Enttarnung nicht stattgefunden hat.

9.

   Werner Grossmann, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung, versuchte mir bei meinem nächsten Besuch in Ostberlin persönlich zu erklären, daß der HVA die neueste Fahndungsliste erst einige Tage nach Ihrer Veröffentlichung zur Verfügung steht. Dieser Umstand habe dazu beigetragen, daß die Dokumentation, die mir fast zum Verhängnis geworden wäre, nicht rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen wurde.
   Damit blieb zwar die Frage unbeantwortet, nach welchen Gesichtspunkten die Personen, deren Angaben für eine Dokumentation verwendet werden, ausgewählt und daraufhin regelmäßig überprüft werden, ob die Verwendung ihrer persönlichen Daten selbst nicht zu einem Sicherheitsrisiko werden können.
   Ich habe diese Frage jedoch nicht gestellt und darauf vertraut, daß Lehren aus dieser Panne gezogen werden.

Anmerkungen:
[1] Großmann, Werner, Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihre letzten Chefs., Berlin 2001, 96f
[2] Georg Fülberth wurde Jahre später auf den Lehrstuhl für Politikwissenschaften an dieser Universität berufen.
[3] Daß im Zuge der Ungleichbehandlung ("Siegerjustiz") von West- und Ostspionen im vereinten Deutschland dem ehemailgen Leiter im Rang eines Generaloberst einer der erfolgreichsten Spionageorganisationen der Welt gerade eine dem Existenzminimum zuzurechnende Versorgung zugestanden wird, gehört zu den beschämendsten Beispielen der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit.
[4] Gabriele Gast hat da wohl in ihrer persönlichen Begegnung mit Makus Wolf, dem Vorgänger von Werner Grossmann, eine andere Erfahrung gemacht.
Gabriele Gast, Kundschafterin des Friedens, Berlin 2000, S. 189

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